Home
http://www.faz.net/-hbj-70cxh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne „Silicon Demokratie“ Warum Cyberwaffen die Welt sicherer machen

 ·  Für die meisten Staaten erfordern sie schlichtweg zu viel Geld, Zeit und Geheimhaltungsaufwand: Cyberwaffen können Konflikte entschärfen und die Welt sicherer machen.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Sollten wir Angst vor Cyberkriegen haben? Nach den dramatischen Schlagzeilen der letzten Zeit zu urteilen, müsste man annehmen: ganz sicher. Immerhin kann Cyberkriegsführung leicht einen Krieg auslösen und folglich wahrscheinlicher machen. Warum? Erstens: Cyberkriegsführung ist asymmetrisch. Da Cyberangriffe bei geringen Kosten ein großes Zerstörungspotential haben, könnte das schwache Staaten dazu verleiten, Konflikte mit stärkeren Staaten zu suchen - ebenjene Konflikte, die man früher vermieden hätte. Zweitens: Da Cyberangriffe nur schwer nachzuweisen sind, können Akteure, weil ein sofortiger Vergeltungsschlag nicht zu befürchten ist, aggressiver vorgehen als sonst. Drittens: Da man sich nur sehr schwer vor Cyberangriffen schützen kann, dürften die meisten rationalen Staaten einen Erstangriff vorziehen. Und viertens: Da Cyberwaffen von Geheimhaltung und Ungewissheit umgeben sind, sind Waffenkontrollvereinbarungen kaum durchzusetzen. Mit anderen Worten: Mehr Cyberangriffe bedeuten mehr Krieg.

Nun mal langsam, warnt Adam Liff in einem überaus provokativen Artikel, der jüngst im „Journal of Strategic Studies“ erschienen ist. Die Annahme, dass der Cyberkriegsführung eine Logik innewohne, eine Teleologie, die in jedem Fall zu mehr Konflikten führe, sei kurzsichtig und lasse militärstrategische und politische Realitäten außer Acht. Statt unserer Cyberpolitik phantastische Szenarien aus drittklassigen Science-Fiction-Thrillern zugrunde zu legen, sollten wir über solche Cyberwaffen diskutieren, wie sie von realen Akteuren verwendet werden, die reale Interessen verfolgen und einen realen Preis bezahlen müssen, wenn etwas schiefgeht.

Nichts für schwache Akteure

Die Warnungen aus dem cyberindustriellen Komplex, namentlich von Richard Clarke mit seinem Bestseller „Cyber War“, hält Liff für völlig unbegründet. Anhand diverser Szenarien macht er deutlich, dass Cybertechnologie sogar zu einer Entschärfung von Konflikten führen kann. Ganz recht: Cyberwaffen werden letztlich zum Weltfrieden beitragen. Hippies aller Länder, vereinigt euch - und lernt, wie man Cyberangriffe führt!

Das ist eine kühne These, und Liff scheut sich nicht, die üblichen Cyberkrieg-Weisheiten auseinanderzunehmen. Cyberkriegführung mag asymmetrisch sein, aber es sei ein Mythos, dass hochentwickelte Cyberwaffen billig und leicht verfügbar sind. Ihre Entwicklung erfordert viel Geld, viel Zeit und einen hohen Geheimhaltungsaufwand. Schwache Akteure seien letztlich nicht imstande, Angriffe zu führen, welche die Infrastruktur gutgeschützter Systeme schädigen könnten. Aber selbst wenn, würden sie auf Cyberattacken vermutlich eher verzichten. Für schwächere Staaten sind solche Angriffe nur sinnvoll, wenn sie ihrer digitalen Macht mit konventionellen Waffen Nachdruck verleihen können. Andernfalls müssten sie mit einem vernichtenden militärischen Vergeltungsschlag des stärkeren Staates rechnen. Deshalb dürften Somalia oder Tadschikistan vermutlich nicht so bald einen Cyberangriff gegen die Vereinigten Staaten führen. Welchen Schaden sie auch anrichten könnten, die Amerikaner würden sofort mit konventionellen Waffen massiv zurückschlagen.

Bessere Verhandlungspositionen

Auch sind die Folgen eines Cyberangriffs nicht präzise abzuschätzen. Selbst so hochentwickelte Staaten wie Amerika können die Erfolgschancen eines Cyberangriffs nicht unbedingt vorhersagen. Das Risiko ist groß, dass man sich selbst schädigt, wenn bei einem Cyberangriff gewisse lukrative Objekte, etwa die Finanzinfrastruktur eines Feindes, versehentlich ausgeschaltet werden. Derartige Unsicherheiten sind die allerbeste Abschreckung.

Die Annahme, rationale Akteure würden vorzugsweise die cybertechnische Verwundbarkeit eines Gegners ausnutzen und kostspielige Cyberkriege führen, wenn sich andere, günstigere Konfliktlösungen finden lassen, hält Liff für eine Simplifizierung. Tatsächlich könnte die Verfügbarkeit von Cyberwaffen schwächeren Staaten zu einer besseren Verhandlungsposition verhelfen, vielleicht sogar den Konflikt vermeiden. Vergessen wir nicht, dass es im Krieg primär darum geht, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Und das erreicht man nicht, wenn man sich gegenüber dem Geschädigten nicht als Urheber eines Angriffs zu erkennen gibt. Cyberattacken mögen zwar kaum nachzuweisen sein; aber ein Staat, der zu diesem Mittel greift, um Druck auf einen anderen Staat auszuüben, wird sich vermutlich als Urheber eines solchen Angriffs erklären wollen. Russland hat die Verantwortung für die Cyberangriffe auf Estland 2007 und Georgien 2008 nur deswegen nicht übernommen, weil sie weitgehend folgenlos waren. Das eine war ein hacktivistischer Akt, das andere ein Nebenschauplatz des kinetischen Kriegs.

„Absolute Waffen“?

Für Terroristen mag Anonymität wichtiger sein; aber es ist eine Tatsache, dass es seit den Anschlägen vom 11.September 2001 keiner Terroristengruppe gelungen ist, zivile oder militärische Infrastrukturen ernsthaft zu treffen. Für eine Gruppe wie Al Qaida wäre ein Cyberterrorangriff viel zu teuer. Liff wendet sich aber nicht nur gegen die Panikmache in der jüngsten Zeit, er legt auch dar, wie gefährlich die Annahme ist, dass Technologien, einschließlich Waffen, Eigenschaften haben, die stets die gleiche, revolutionäre Wirkung entfalten, wo immer sie eingesetzt werden. Liff hält Cyberkriegführung nicht für revolutionär. Die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts hänge im Endeffekt von der Art der beteiligten Akteure ab, von ihrer Verhandlungsstärke und davon, wie viel zuverlässige Informationen sie über den anderen haben. „In den meisten Fällen“, schreibt Liff, „wird die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Parteien, die andernfalls nicht Krieg führen würden, durch Cyberwaffentechnik nicht signifikant erhöht. Überdies kann ein Cyberkriegspotential paradoxerweise unter bestimmten Bedingungen als Abschreckung gegenüber konventionell überlegenen Gegnern dienen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Krieges reduziert.“

Wie Liff anmerkt, haben auch schon früher Heerscharen von Militärexperten erklärt, dass strategische Bombardierungen und die Atombombe „absolute Waffen“ seien, die die Militärstrategie revolutionieren. Es ist unstrittig, dass Luftmacht und die Atombombe den Charakter von militärischen Konflikten beeinflusst haben. Aber ihre Logik - die Vorstellung etwa, dass Luftkrieg keine Verteidigung, sondern nur noch Angriff erlaube - ist durch politische, soziale und ökonomische Sachzwänge und andere Überlegungen derjenigen, die diese Waffen besaßen, deutlich entschärft worden. Luftmacht bedeutete nicht automatisch politische Macht.

Konsequenzen lassen sich nicht immer vorhersagen

Man kann sagen, dass teleologische Erklärungen von technologischem Wandel selten brauchbare analytische Erkenntnisse liefern. Allzu oft führen sie zu unklarem Denken und kurzsichtiger Politik. Teleologische Denkmuster sind aber noch immer weit verbreitet. So, wie gern angenommen wird, dass Cyberkriege prinzipiell schlecht für die internationale Sicherheit und den Weltfrieden sind, so populär ist die These, dass soziale Medien prinzipiell schlecht für Diktatoren sind und Internetfilter prinzipiell schlecht sind, weil sie Zufallsfunde und öffentliche Diskussionen verhindern. Die reale Welt ist nicht so simpel und eindeutig. Sie entzieht sich solchen unausgegorenen teleologischen Theorien und bewirkt, dass Technologien Rollen und Funktionen übernehmen, mit denen niemand gerechnet hat.

Mit anderen Worten: Welche Logik Cyberwaffen, sozialen Medien oder Internetfiltern auch innewohnen mag - sie verändert sich zwangsläufig, sobald diese Werkzeuge, abhängig von politischen, sozialen oder kulturellen Strukturen, in der Praxis angewendet werden. Auf diese Weise befördern Cyberwaffen letzten Endes den Weltfrieden, soziale Medien stärken totalitäre Regime, und Internetfilter ermöglichen Zufallsfunde. Solche Konsequenzen lassen sich nicht immer vorhersagen; aber je länger wir an teleologischen Erklärungsansätzen festhalten, desto geringer ist die Chance, dass wir bessere Rahmenbedingungen für technologische Analysen und Entscheidungsprozesse entwickeln.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
Weitersagen

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6