Home
http://www.faz.net/-hbj-7byzk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Kolumne „Silicon Demokratie“ Tu was, oder geh ins Bett!

Die Neoliberalen wollen alles optimieren, jetzt ist sogar der Schlaf dran - aber wozu? Neurowissenschaftler empfehlen stattdessen, sich am besinnungsfreudigen Buddhismus zu orientieren.

© Ulrich Finkenzeller Vergrößern Auch vor dem Schlafzimmer macht die Selbstoptimierungs-Bewegung der „Lifehacker“ nicht halt. Daher gilt es, eine Gegenkultur zu begründen: „Occupy your bedroom“

Von allen Modewörtern, die Silicon Valley der Welt geschenkt hat, besitzt „lifehacking“ immer noch die emanzipatorischsten Konnotationen. Der 2004 von dem Technologiejournalisten Danny O’Brien geprägte Ausdruck gehörte schon bald zum Grundbestand des Technojargons. 2011 wurde „life hack“, definiert als „Strategie oder Technik, mit deren Hilfe man die eigene Zeit und die alltäglichen Tätigkeiten effizienter zu organisieren vermag“, sogar in die Oxford Dictionaries Online aufgenommen - ein erster Schritt zur Anerkennung durch den Mainstream.

Der ursprünglich hinter Lifehacking stehende Gedanke war durchaus faszinierend. Warum sollte man nicht Technologie einsetzen, um Dinge effizienter zu erledigen und dadurch mehr Zeit für sich selbst zu haben? „Die 4-Stunden-Woche“, der 2007 erschienene Bestseller von Timothy Ferriss, trieb den Gedanken bis an seine Grenzen (“mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben“ versprach der Untertitel), und Ferriss wurde zum Helden in zahlreichen Büros rund um den Erdball. „Bob“ - der Angestellte, der kürzlich seinen hochbezahlten Job verlor, weil er zu viele seiner Arbeitsaufgaben nach China ausgelagert hatte - wollte mehr Zeit für seine Katzenvideos haben, ein Lifehacker par excellence.

Nichtstun macht auch neuronale Arbeit

In der Praxis sind die Dinge natürlich komplizierter. Seit Lifehacking zu einer eigenen Branche mit eigenen Blogs und Anleitungen von der Länge ganzer Bücher geworden ist, geht ein Gutteil der gewonnenen Zeit, wie zu erwarten, für die Reparatur, das Upgrading und den Ersatz jener Tools und Programme drauf, die das Lifehacking erst ermöglichen. Und gibt es überhaupt etwas Unsinnigeres als den Einsatz von Technik mit dem Ziel, mehr Zeit zu haben - die man dann nutzt, um herauszufinden, wie man darin noch besser werden kann?

Zwei neue Bücher bieten interessante, wenn auch indirekte Ausblicke auf das Lifehacking. „Autopilot - The Art and Science of Doing Nothing“ von Andrew Smart berichtet über einige neuere Forschungen im Bereich der Neurowissenschaft - insbesondere die erstaunliche Entdeckung, dass unser Gehirn im Ruhezustand weit mehr Arbeit verrichtet, als bislang bekannt - und vertritt die These, Zeit mit Nichtstun zu verbringen, buchstäblich still dazusitzen und sich Tagträumen hinzugeben sei absolut unerlässlich, wenn wir unsere mentalen Fähigkeiten voll entfalten und auf neue, originelle Ideen kommen wollten.

Lifehacking-Apps als Anzeichen, dass wir zu viel zu tun haben

Wer Neues finden will, muss lernen, untätig zu sein, und das in einer Zeit, in der Untätigkeit in den Unternehmen als Todsünde gilt. Nach Smarts Logik könnte man den modernen Kapitalismus ganz leicht durch größte Geschäftigkeit zu Fall bringen, denn darunter leidet die Kreativität, und man ist nicht besser als ein Roboter, nur weit weniger produktiv. (Es ist außerdem ein sicherer Weg, gefeuert zu werden.) „Geschäftigkeit zerstört Kreativität, Selbsterkenntnis, emotionales Wohlbefinden, die Fähigkeit zum sozialen Verkehr“, behauptet Smart und verspricht, „eine wasserdichte wissenschaftliche Rechtfertigung für Faulheit zu liefern“.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Daimler China wird weltgrößter Markt für den Smart

Schon heute ist China der zweitgrößte Markt für den Smart. Doch durch rasantes Wachstum sollen im Reich der Mitte bald mehr Smarts verkauft werden als irgendwo sonst. Auch Car-Sharing ist in China ein Thema. Mehr

14.12.2014, 13:36 Uhr | Wirtschaft
Der steinige Weg zum K-Popstar

Sechs junge Frauen arbeiten hart für ihren Traumberuf: Die Mitglieder der südkoreanischen Girlgroup Billion wollen K-Popstars werden, doch vor dem erträumten Glamour-Leben stehen 16-Stunden-Tage und strenge Diätpläne. Ein erstes Album haben Billion veröffentlicht, der große Durchbruch lässt noch auf sich warten. Mehr

10.09.2014, 10:27 Uhr | Feuilleton
Hafenbecken-Auto versteigert Smart aus der Versenkung

Zwei Freunde retten ein Auto aus dem Hafenbecken von Wilhelmshaven vor der Verschrottung - und versteigern es bei Ebay. Die Auktion wird eine der beliebtesten des Jahres. Mehr Von Julian Trauthig

18.12.2014, 07:40 Uhr | Gesellschaft
Trinken gegen den Burnout

In Japan sind die Gruppen betrunkener Angestellter längst zur Zielscheibe des Spotts geworden: Mit spätabendlichen Trinkritualen versuchen sie, den Stress am Arbeitsplatz zu kompensieren. Doch standen ihre 20-Stunden-Schichten einst für den Aufschwung der japanischen Wirtschaft, sind sie heute mehr ein Kampf ums Überleben. Mehr

10.10.2014, 12:02 Uhr | Gesellschaft
Werbung im Netz Lesen Sie bitte auch unsere Anzeigen

Die Werbefinanzierung von Inhalten im Netz ist manchen ein Dorn im Auge. Aber nicht sie ist der Sündenfall, sondern die neoliberale Haltung, Nutzer grundsätzlich nur als Konsumenten zu betrachten. Mehr Von Evgeny Morozov

16.12.2014, 20:16 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 02.08.2013, 18:12 Uhr

Die Bundesländer behalten im ZDF das Sagen

Von Michael Hanfeld

Im März hatte das Bundesverfassungsgericht verfügt, die Zahl der „staatsnahen“ Vertreter im Fernsehrat und im Verwaltungsrat des ZDF zu begrenzen. Doch wie es aussieht, denken die Bundesländer nicht daran. Mehr 6