http://www.faz.net/-gqz-7byzk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.08.2013, 18:12 Uhr

Kolumne „Silicon Demokratie“ Tu was, oder geh ins Bett!

Die Neoliberalen wollen alles optimieren, jetzt ist sogar der Schlaf dran - aber wozu? Neurowissenschaftler empfehlen stattdessen, sich am besinnungsfreudigen Buddhismus zu orientieren.

von Evgeny Morozov
© Ulrich Finkenzeller Auch vor dem Schlafzimmer macht die Selbstoptimierungs-Bewegung der „Lifehacker“ nicht halt. Daher gilt es, eine Gegenkultur zu begründen: „Occupy your bedroom“

Von allen Modewörtern, die Silicon Valley der Welt geschenkt hat, besitzt „lifehacking“ immer noch die emanzipatorischsten Konnotationen. Der 2004 von dem Technologiejournalisten Danny O’Brien geprägte Ausdruck gehörte schon bald zum Grundbestand des Technojargons. 2011 wurde „life hack“, definiert als „Strategie oder Technik, mit deren Hilfe man die eigene Zeit und die alltäglichen Tätigkeiten effizienter zu organisieren vermag“, sogar in die Oxford Dictionaries Online aufgenommen - ein erster Schritt zur Anerkennung durch den Mainstream.

Der ursprünglich hinter Lifehacking stehende Gedanke war durchaus faszinierend. Warum sollte man nicht Technologie einsetzen, um Dinge effizienter zu erledigen und dadurch mehr Zeit für sich selbst zu haben? „Die 4-Stunden-Woche“, der 2007 erschienene Bestseller von Timothy Ferriss, trieb den Gedanken bis an seine Grenzen (“mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben“ versprach der Untertitel), und Ferriss wurde zum Helden in zahlreichen Büros rund um den Erdball. „Bob“ - der Angestellte, der kürzlich seinen hochbezahlten Job verlor, weil er zu viele seiner Arbeitsaufgaben nach China ausgelagert hatte - wollte mehr Zeit für seine Katzenvideos haben, ein Lifehacker par excellence.

Nichtstun macht auch neuronale Arbeit

In der Praxis sind die Dinge natürlich komplizierter. Seit Lifehacking zu einer eigenen Branche mit eigenen Blogs und Anleitungen von der Länge ganzer Bücher geworden ist, geht ein Gutteil der gewonnenen Zeit, wie zu erwarten, für die Reparatur, das Upgrading und den Ersatz jener Tools und Programme drauf, die das Lifehacking erst ermöglichen. Und gibt es überhaupt etwas Unsinnigeres als den Einsatz von Technik mit dem Ziel, mehr Zeit zu haben - die man dann nutzt, um herauszufinden, wie man darin noch besser werden kann?

Zwei neue Bücher bieten interessante, wenn auch indirekte Ausblicke auf das Lifehacking. „Autopilot - The Art and Science of Doing Nothing“ von Andrew Smart berichtet über einige neuere Forschungen im Bereich der Neurowissenschaft - insbesondere die erstaunliche Entdeckung, dass unser Gehirn im Ruhezustand weit mehr Arbeit verrichtet, als bislang bekannt - und vertritt die These, Zeit mit Nichtstun zu verbringen, buchstäblich still dazusitzen und sich Tagträumen hinzugeben sei absolut unerlässlich, wenn wir unsere mentalen Fähigkeiten voll entfalten und auf neue, originelle Ideen kommen wollten.

Lifehacking-Apps als Anzeichen, dass wir zu viel zu tun haben

Wer Neues finden will, muss lernen, untätig zu sein, und das in einer Zeit, in der Untätigkeit in den Unternehmen als Todsünde gilt. Nach Smarts Logik könnte man den modernen Kapitalismus ganz leicht durch größte Geschäftigkeit zu Fall bringen, denn darunter leidet die Kreativität, und man ist nicht besser als ein Roboter, nur weit weniger produktiv. (Es ist außerdem ein sicherer Weg, gefeuert zu werden.) „Geschäftigkeit zerstört Kreativität, Selbsterkenntnis, emotionales Wohlbefinden, die Fähigkeit zum sozialen Verkehr“, behauptet Smart und verspricht, „eine wasserdichte wissenschaftliche Rechtfertigung für Faulheit zu liefern“.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Grundeinkommen Geld für gar nichts

Tausend Euro im Monat für jeden, einfach so. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Wirtschaft auf den Kopf stellen. Die Idee ist so populär wie nie zuvor. Mehr Von Sebastian Balzter

15.05.2016, 18:05 Uhr | Wirtschaft
Überschallflug In zwei Stunden um die halbe Welt - per Überschallflug

In zwei Stunden von Sydney nach London fliegen - solche Hyperschallreisen sollen in nicht allzu ferner Zukunft möglich sein. Ein Testflug in der australischen Wüste verlief kürzlich erfolgreich. An dem Projekt sind auch deutsche Luft- und Raumfahrtexperten beteiligt. Mehr

23.05.2016, 18:37 Uhr | Technik-Motor
Metamedialer Ringelpiez Wir warten auf Innsbruck

Es ist keine schöne Situation für Nachrichtenagenturen, wenn es mitten im spannendsten Wahlduell nichts zu berichten gibt. Das kann zu mitunter bizarren Meldungskaskaden führen. Mehr Von Andrea Diener

23.05.2016, 17:47 Uhr | Feuilleton
Video Flauschige Nebelparder-Babys im Zoo

Der Zoo in Tacoma im amerikanischen Bundesstaat Tacoma hat Nachwuchs bekommen: Drei Nebelparder-Babys – zwei Männchen und ein Weibchen. Die Drillinge werden rund um die Uhr versorgt. Alle drei bis vier Stunden bekommen sie ihr Fläschchen, auch mitten in der Nacht. Mehr

28.04.2016, 12:27 Uhr | Gesellschaft
Späterer Schulbeginn Eine Schule zum Wachwerden

Es gibt Lerchen und Eulen: Frühaufsteher und Leute, die erst später in die Gänge kommen. Die Jawlensky-Schule in Wiesbaden orientiert sich am Biorhythmus der Langschläfer. Mehr Von Ewald Hetrodt, Wiesbaden

21.05.2016, 17:00 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 45

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“