Home
http://www.faz.net/-hbj-7gxrh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne „Silicon Demokratie“ Kontrolle durch Konkurrenz

 ·  Facebooks Social Graph und Googles Such-Algorithmen: Warum Nutzerdaten allen zugänglich sein sollten und eine freie Daten-Marktwirtschaft die bestmögliche Lösung für uns, die Nutzer, ist.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Suchen ohne Google ist wie soziales Netzwerken ohne Facebook - unvorstellbar. Fabelhafte Algorithmen und fähige Mitarbeiter erklären aber nur zum Teil, warum diese beiden Unternehmen auf ihrem Gebiet marktbeherrschend sind. Der wahre Grund ist der, dass Google und Facebook schon sehr früh präsent waren, massenhaft Nutzerdaten gehortet haben und diese nun aggressiv vermarkten. Auf diese Weise können sie Dienste anbieten, mit denen datenärmere Rivalen nicht aufwarten können, und sei ihr Geschäftsmodell noch so innovativ.

Nehmen wir nur die personalisierte Suche bei Google oder Graph Search bei Facebook. Beide Features sind mühelos zu kopieren - doch erst die Nutzerdaten machen sie einzigartig. So zeigt Google bei den Suchergebnissen an, welche Links unsere „Freunde“ empfohlen haben. Und bei Facebook können wir via Graph Search die Weisheiten all unserer Freunde und Freundesfreunde abrufen.

Facebooks Social Graph als öffentliches Gut

Beide Unternehmen haben unser „Social Graph“, also die Abbildung unseres sozialen Beziehungsnetzes, erfolgreich ausgebaut und monetarisiert. Es sind kleine Dinge wie der Social Graph, die erklären, warum selbst eine bessere, innovativere Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk, das die Privatsphäre schützt, es kaum mit Google oder Facebook aufnehmen kann. Solange die beherrschende Stellung dieser Unternehmen sich auf Massen von Nutzerdaten stützt, haben Konkurrenten keine Chance.

Würden wir unsere Dateninfrastruktur komplett neu aufbauen, würde uns rasch klar, dass das gegenwärtige System für Konkurrenz ganz schlecht ist. Wie könnte man anders verfahren? Eine Möglichkeit wäre, den Social Graph als eine Art öffentliche Einrichtung zu betreiben, bei der gesetzlich geregelt ist, dass alle Unternehmen gleichberechtigten Zugang zu diesen entscheidenden Informationen haben. Viele unserer sozialen Kontakte sind älter als Google und Facebook (und werden sie womöglich überdauern). Diese Unternehmen haben unser Beziehungsnetz bestens erfasst - was uns nicht davon abhalten sollte, über andere Wege des Erfassens und Zugänglichmachens nachzudenken.

Mehr Chancengleichheit durch Datenfreiheit

So könnten Staaten, statt Steuergelder in die Entwicklung besserer Suchmaschinen zu stecken (was einige europäische Politiker versucht und rasch aufgegeben haben), für möglichst große Chancengleichheit auf diesem Gebiet sorgen. Bessere Suchmaschinen und bessere soziale Netzwerke könnten sich dann aus eigener Kraft am Markt durchsetzen, auch ohne staatlichen Beistand.

Dieses Projekt hätte noch viele andere Vorteile. So könnte der Gesetzgeber weitaus wirksamer überwachen, wie Nutzerdaten gesammelt und Dritten zugänglich gemacht werden. Diese Daten ließen sich so anonymisieren, dass bessere personalisierte Dienste angeboten werden können, ohne dass die Privatsphäre der Nutzer gefährdet würde. Die Sorgen vor dem „Filterbubble“ sind übertrieben. Personalisierung ist nicht grundsätzlich schlecht - es sind die dabei entstehenden Datenspuren, die uns Kopfzerbrechen bereiten sollten.

Die NSA hat es vorgemacht

Noch vor wenigen Monaten hätte man dies für einen sinnvollen, aber letztlich weltfremden Vorschlag gehalten. Es besteht ja bedauerlicherweise wenig Interesse, unsere globale Dateninfrastruktur umzubauen oder neue Formen sich auch nur vorzustellen. Bedenken wir nur, welcher Aufwand nötig wäre, um all diese Informationen zu sammeln und in leicht nutzbarer Weise zu organisieren. Wer würde ein solches Vorhaben finanzieren?

Nachdem Edward Snowden die flächendeckenden Überwachungsoperationen der NSA enthüllt hat, scheint diese Frage obsolet. Nehmen wir nur die vieldiskutierte Sammelei von Metadaten - die angeblich harmlosen Informationen darüber, wer wen wann anruft. Genau diese Metadaten werden zum Aufbau eines besseren, öffentlich kontrollierten Social Graph benötigt. Wahrscheinlich hat die NSA diesen schon entwickelt - nicht nur für Amerika, sondern vermutlich auch für Nutzer in vielen anderen Ländern, oft mit der stillschweigenden Kooperation der dortigen Geheimdienste und Telekommunikationsanbieter.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (9) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Zugriff auf E-Mails Googles Interesse an Nutzerdaten

Mit neuen Nutzungsbedingungen erlaubt sich Google, E-Mails „automatisiert zu analysieren“. Eine Neuigkeit ist das nicht. Auch allein ist Google mit dieser Praxis nicht. Mehr

23.04.2014, 17:25 Uhr | Feuilleton
Onlinewerbung Google verfolgt die Kunden auch im Laden

Bisher können Kaufhaus-Betreiber nicht messen, ob Onlinewerbung auch Geld in ihre Ladenkassen spült. Der Internetkonzern Google will das mit einem neuen Programm ändern. Mehr

14.04.2014, 14:18 Uhr | Wirtschaft
Offener Brief an Eric Schmidt Warum wir Google fürchten

Zum ersten Mal bekennt hier ein deutscher Manager die totale Abhängigkeit seines Unternehmens von Google. Was heute die Verlage erleben, ist ein Vorbote: Bald gehören wir alle Google. Ein Offener Brief an Eric Schmidt. Mehr

16.04.2014, 09:16 Uhr | Feuilleton

27.08.2013, 16:21 Uhr

Weitersagen

Echte Fälschung?

Von Andreas Rossmann

Bei der Siegener Biennale konkurrieren die Aufführungen um einen ganz besonderen Preis: Nachdem es bereits Hypo Real Estate-Aktien und griechische Staatsanleihen zu gewinnen gab, geht es dieses Jahr um eine Beltracchi-Fälschung. Mehr