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Kolumne „Silicon Demokratie“ Kickstarters Grenzen

 ·  Wer sich die finanziellen Mittel zur kreativen Produktion im Internet organisiert, verändert die Verhältnisse nur unwesentlich. Crowdfunding ist noch keine Kulturrevolution.

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© Screenshot/kickstarter.com Ziel erreicht: 1654 Unterstützer bewilligten bisher auf der Seite Kickstarter insgesamt 73.071 Dollar für den Film „Hotel Noir“

Kickstarter ist das Aushängeschild der Crowdfunding-Revolution. Wenn man wissen will, was die dezentralisierte Welt der sozialen Medien für die Vormachtstellung etablierter Gralshüter verschiedener Kulturbranchen bedeuten könnte - von Musik über Design bis hin zu Mode -, dann sollte man sich dieses Beispiel anschauen. Das, was Wikipedia mit seinem Crowdsourcing-Ansatz für die Produktion einer Enzyklopädie ermöglicht hat, will Kickstarter, der Apostel des Crowdfunding, für die Finanzierung der neuesten Gadgets oder Filme ermöglichen. Kickstarter, sagen seine Anhänger und andere Internetfreaks, zerstöre also keineswegs die Existenzgrundlage unabhängiger Musiker und Filmemacher; es könne neue Wege eröffnen und eine Art Kulturrevolution herbeiführen.

Der Ansatz von Kickstarter ist täuschend simpel: Jeder kann die Beschreibung eines Projekts posten (meistens begleitet von einem knalligen Video), für das man Geldgeber sucht. Man nennt eine bestimmte Zielsumme und einen Termin, bis wann der Betrag erreicht sein soll, stellt diverse Prämien in Aussicht (für fünf Dollar, sagen wir, bekommt man die neue CD, für fünftausend Dollar gibt es ein Abendessen mit dem Künstler) und rührt die Werbetrommel. Sobald die anvisierte Summe erreicht ist, erhält Kickstarter eine Provision in Höhe von fünf Prozent, und das Projekt kann losgehen. Kommt der Betrag nicht zusammen, werden keine Gelder abgebucht. Die Plattform ist überaus erfolgreich. Anfang 2012 erklärte einer ihrer Gründer, dass man in diesem Jahr mehr Geld (150 Millionen Dollar) verteilen werde als der National Endowment for the Arts (dessen Budget in diesem Jahr 146 Millionen Dollar beträgt).

Projekte auch außerhalb der Unterhaltungsbranche

Bei so viel Erfolg ist Kritik natürlich nicht fern. Manche werfen Kickstarter vor, recht zugeknöpft bei finanzierten Projekten zu sein, die wenig (oder zweifelhaftes) Feedback über den Fortgang geben oder ihre Vorhaben nicht oder nur mit erheblicher Verspätung realisieren. Das sind keineswegs Einzelfälle. Aus einer Untersuchung der University of Pennsylvania geht hervor, dass von 47.000 Projekten mehr als 75 Prozent mit Verspätung realisiert wurden; besonders trifft das zu bei Vorhaben, die sehr schnell und sehr viel mehr Geld einsammeln als ursprünglich beabsichtigt. Kickstarter hat keine Veranlassung, solche Projekte vor ihrem Erfolg zu schützen, denn das Unternehmen kassiert ja einen Teil der eingesammelten Gelder als Provision. Man erwartet zwar, dass Unterstützer von nicht realisierten Projekten ihr Geld zurückbekommen, hat aber keine Handhabe, das auch durchzusetzen.

Da Kickstarter-Projekte nicht mehr auf die Unterhaltungsbranche beschränkt sind, sondern auch Themen wie Stadtplanung angehen, gibt es auch Einwände anderer Art. Die Architekturkritikerin Alexandra Lange beispielsweise wendet sich gegen den engen, gadgetgestützten Ansatz zur Lösung komplexer urbaner Probleme, den Kickstarter begünstigt. „Man wird auf Kickstarter nicht für eine zusätzliche Buslinie in Brooklyn werben, sondern eher für ein App, das einem sagt, wann der Bus einer anderen Linie kommt. Man wird nicht soziale Mieten bewerben, sondern das schicke Zelt, in dem darüber diskutiert wird“, schrieb Lange im „Design Observer“. Sobald wir die Welt der Unterhaltung und elektronischen Gadgets verlassen, können Kickstarter-Projekte nicht mehr nach rein ästhetischen und funktionalen Kriterien evaluiert werden. Eine Gruppe, die per Crowdfunding einen neuen städtischen Park anlegen will, hat vermutlich keine große Lust, sich an dem langweiligen, aber folgenreichen öffentlichen Planungsverfahren zu beteiligen.

Eine Revolution mit Einschränkungen

All das sind gewichtige Kritikpunkte, und auf einige hat das Unternehmen bereits reagiert. Aber eine der weithin unhinterfragten Thesen ist die, dass Kickstarter mit seinem großen emanzipatorischen Potential, Künstler aus den Fesseln der Unterhaltungsindustrie zu befreien, unserer Kultur neue Impulse gibt, sie lebendiger macht und ihre Abhängigkeit von konservativen oder profitorientierten Gralshütern verringert.

In der jüngsten Ausgabe von „Media, Culture, and Society“ stellt die dänische Medienwissenschaftlerin Inge Ejbye Sørensen diese These in Frage und erzählt eine differenziertere Geschichte über den Einfluss von Portalen wie Kickstarter. Sørensen hat untersucht, wie sich Crowdfunding in Großbritannien auf die Produktionsbedingungen von Dokumentarfilmen auswirkt. Die meisten britischen Dokumentarfilme werden von einem der vier großen Sender (BBC, ITV, Channel 4 und Channel 5) produziert und gänzlich finanziert, die dem jeweiligen Filmemacher bestimmte Vorgaben diktieren. So gesehen, hat Crowdfunding tatsächlich etwas Befreiendes, ja, Revolutionäres.

Aber, so schreibt Sørensen, für diese Revolution gelten gewisse Einschränkungen. Erstens werden bei Kickstarter und vergleichbaren Seiten (wie indiegogo.com, sponsume.com, crowdfunder.co.uk, pledgie.com) in der Regel nur Dokumentationen bestimmter Art finanziert. Meistens sind es Kampagnenfilme nach Art von „Super Size Me“ oder „Eine unbequeme Wahrheit“, die sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen und sich an ein Publikum wenden, das die politische Haltung des Dokumentarfilmers teilt. Ein Film über die Ursachen des Ersten Weltkriegs wird, wenn überhaupt, vermutlich weniger Gelder bekommen als ein Film über die Ursachen des Klimawandels.

Keine Gefahr für die etablierten Instititutionen

Zweitens fallen bei manchen Filmen erhebliche Produktionskosten an (man denke an Dokudramen oder geschichtliche Dokumentationen), oder sie gehen mit erheblichen juristischen Risiken einher, die kaum zu beziffern und einzuschätzen sind. Angenommen, man will einen Film über die Erdölindustrie drehen, in dem mit verdeckten Recherchen gearbeitet wird. Wer die Justitiare der BBC an seiner Seite weiß, wird vermutlich risikobereiter sein als jemand, der sich auf Crowdfunding stützt. Und wer sein Projekt bei Kickstarter bewirbt, wird um juristisch heikle Punkte wohl einen großen Bogen machen.

Interessanterweise sagt Sørensen, dass kaum Grund zu der Annahme besteht, Kickstarter und Co. gefährdeten die Macht von Fernsehsendern oder Filmfestspielen, jenen Kulturinstitutionen also, die Crowdfunding umgehen will. Dokumentarfilmer, die im Internet groß herauskommen, wissen wohl, wie sie sich in der Branche behaupten können. Sie weisen darauf hin, dass der Regisseur das Format für einen Oscar hat oder dass der Produzent ein erfahrener Mann ist oder dass einige Fernsehsender bereits Interesse an dem Film gezeigt haben.

Das leuchtet ein. Potentielle Geldgeber, die sich ein Bild von den Erfolgschancen eines Films machen wollen, möchten natürlich erfahren, was Fachleute, die in der einen oder anderen Weise der Branche verbunden sind, davon halten. Von all jenen, die Kickstarter als revolutionäres, emanzipatorisches Projekt bejubeln, wird das gern übersehen. Das, was den Erfolg eines Films ausmacht, wird noch immer von den Schwergewichten der Branche definiert.

Mit dem Glauben an die Selbstermächtigung

Ein gutes Beispiel ist die jüngste Kickstarter-Initiative für den Independent-Film „Hotel Noir“. Die angestrebten 50.000 Dollar kamen tatsächlich zusammen. Aber wofür wird das Geld gebraucht? Um den Film über die herkömmlichen Kanäle in die Kinos zu bringen. Der Regisseur hat sich folgendermaßen dazu geäußert: „Wir müssen den Film in einem Kino in New York und L.A. zeigen, weil wir ihn nicht nur auf VoD und digitalen Plattformen zeigen wollen, sondern auch im guten alten klassischen Kino. Eine Vorführung in New York und L.A. könnte der Beginn von etwas Größerem sein.“ Die Überlegung ist offenbar, dass dieses „Größere“ auf iTunes oder Youtube nicht automatisch eintreten wird.

Wie Sørensen anmerkt: „Obwohl Crowdfunding und Crowd Investment Ventures als schrankenlose Aktionsfelder wahrgenommen werden, ist es nicht nur das materielle Kapital, sondern in hohem Maß auch das kulturelle Kapital, das darüber entscheidet, ob ein Film die notwendigen Gelder zusammenbekommt und in der Folge eine signifikante Zahl von Zuschauern erreicht.“ So gesehen, dürfte das die Dominanz der kulturellen Gralshüter nur stärken, auch wenn sie nun viel indirekter und dezentraler funktionieren wird. Filmemacher werden sich noch immer den Bedingungen der Branche unterwerfen, aber jeder wird an Selbstermächtigung à la Oprah Winfrey glauben. Kein Grund, Crowdfunding an sich zu verteufeln, ist nur eine Empfehlung, das Ganze kritisch, mit einer gewissen Portion Skepsis, anzugehen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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