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Kolumne „Silicon Demokratie“ Effizienter als die Polizei

Hochkomplexe Algorithmen dienen der amerikanischen Polizei inzwischen zur präventiven Verbrechensbekämpfung. Auch Facebook macht mit beim „Predictive Policing“ - so wird jeder zum Verdächtigen.

© Hyungwon Kang/REUTERS Vergrößern Schon längst vernetzt: zwei Beamte des Los Angeles Police Department im Einsatz

Dank modernster Technologie sieht die Polizei einer strahlenden Zukunft entgegen, nicht bloß, weil sie Verdächtige googeln kann. Es gibt zwei andere, weniger augenfällige Trends, die ihre Arbeit erleichtern und effizienter machen, die jedoch heikle Fragen hinsichtlich Datenschutz und verfassungsmäßiger Grundrechte aufwerfen.

Erstens wird, wie so vieles andere, im Zeitalter massenhafter Datenspeicherung auch die polizeiliche Arbeit auf eine neue Grundlage gestellt; denn es besteht die Erwartung, dass eine ausgeklügelte Analyse von Informationen über verübte Straftaten, in Verbindung mit hochkomplexen Algorithmen, zur Prävention von Straftaten beitragen kann. Diese Methode wird als „Predictive Policing“ bezeichnet, und obwohl sie erst wenige Jahre alt ist, sehen viele darin eine Revolutionierung der polizeilichen Arbeit. Amerikanische Polizisten sind schon längst überzeugt von diesem Ansatz; die Europäer, an der Spitze die Briten, holen allmählich auf.

Nehmen wir das Police Department in Los Angeles, das aus Hollywood-Filmen einschlägig bekannte LAPD, das mit der Software PredPol arbeitet. Hier werden zunächst bereits vorliegende Verbrechensstatistiken der letzten Jahre analysiert. Dann werden die Streifenabschnitte in ungefähr 45 Quadratmeter große Zonen unterteilt und die Verteilung und Häufigkeit der registrierten Verbrechen ermittelt. Am Ende können die Streifenpolizisten abfragen, mit welchen Straftaten wo und wann zu rechnen ist, woraufhin die betreffenden Zonen verstärkt überwacht werden können.

Wie die Algorithmen von Internetfirmen

Die zugrundeliegende Idee, dass es besser ist, Straftaten im Vorhinein zu verhindern, als später ermitteln zu müssen, ist natürlich verführerisch. Auch wenn die Streifenbeamten einen Täter vielleicht nicht in flagranti erwischen, so kann ihre Präsenz am richtigen Ort zur richtigen Zeit eine abschreckende Wirkung haben.

Das klingt plausibel. In fünf Bezirken von Los Angeles mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, wo die Polizei diese Software einsetzt, ist die Kriminalitätsrate denn auch um dreizehn Prozent gesunken; in Santa Cruz, wo ebenfalls PredPol zur Anwendung kommt, ist die Zahl der Einbrüche um knapp dreißig Prozent zurückgegangen. Ähnlich hoffnungsvolle Zahlen liegen für viele andere amerikanische Städte vor. Die Beamten, die das Projekt an der Universität von Los Angeles betreut haben, reisen durch die ganze Welt, um ihre Kollegen über diese Möglichkeiten zu informieren.

Wenn einem derlei „Vorhersagen“ bekannt vorkommen, dann deswegen, weil sie schon von Internetfirmen praktiziert werden. Ein hoher Beamter des LAPD schrieb 2009 in der Zeitschrift „The Police Chief“ ganz begeistert, dass Amazon imstande sei, Kundendaten aufzuschlüsseln und das individuelle Kaufverhalten zu analysieren, was dem Unternehmen die Möglichkeit biete, „künftiges Verhalten nicht nur zu prognostizieren, sondern auch zu fördern und zu beeinflussen“. So, wie Amazon anhand seiner Algorithmen prognostizieren kann, welche Bücher der Kunde wahrscheinlich als Nächstes kaufen wird, so können ähnliche Algorithmen im Polizeicomputer Aufschluss darüber geben, wie oft, wo und wann bestimmte Straftaten demnächst möglicherweise verübt werden.

Das Problem der Dunkelziffern

Allerdings können wir die Algorithmen von Amazon nicht analysieren, weil sie strikter Geheimhaltung unterliegen. Das Unternehmen verweist darauf, dass dies aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit notwendig sei, und wahrscheinlich stimmt das sogar. Diese Logik kann aber nicht für die Polizei gelten. Solange wir ihre Algorithmen nicht zu Gesicht bekommen - und da PredPol von Privatunternehmen entwickelt wird, ist damit auch nicht zu rechnen -, werden wir nicht erfahren, welche Verzerrungen und diskriminierenden Praktiken in die Daten eingebaut sind.

Predictive Policing © AP/Damian Dovarganes/dapd Vergrößern Jeff Brantingham, Anthropologie-Professor an der University of California, zeigt das „Predictive Policing“-System des Los Angeles Police Department

Beispielsweise werden viele Straftaten in armen und multiethnischen Problemvierteln verübt. Werden Algorithmen, mit ihrer unterstellten Objektivität, zu noch intensiverem „Profiling“ führen? In den meisten Demokratien braucht es einen vertretbaren Grund (Beweise und nicht bloß Verdächtigungen), wenn Polizisten einen Passanten auf der Straße kontrollieren wollen. Könnten sie, gestützt auf ihre Software, sich einfach auf die Algorithmen berufen? Und wenn ja, wie muss man sich die Algorithmen als Zeugen vor Gericht vorstellen?

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Veröffentlicht: 07.08.2012, 12:31 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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