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Veröffentlicht: 15.01.2013, 22:24 Uhr

Kolumne „Silicon Demokratie“ Die Ausspionierten

Online-Lehrveranstaltungen werden immer beliebter: Mittlerweile beeinflussen die Programme sogar schon das Lernverhalten der Studenten. Wer profitiert am Ende?

von Evgeny Morozov
© mauritius images Oft sind die Herausgeber der elektronischen Lehrbücher zugleich die Produzenten der Geräte, auf denen sie gelesen werden.

Universitäten und Schulen scheint eine strahlende Zukunft bevorzustehen. Sogenannte „Massive Online Open Courses“ sind in aller Munde. Firmen wie Coursera und Udacity und Initiativen wie edX (ein von Harvard und MIT initiiertes Projekt) bieten bereits Tausende von kostenlosen Vorlesungen an - mancher Student könnte vermutlich einen Schein bekommen, ohne jemals einen Hörsaal betreten zu haben.

Die Beliebtheit dieser Online-Lehrveranstaltungen rührt daher, dass zu den Millionen Texten und YouTube-Clips, die ohnehin schon im Internet zirkulieren, nunmehr Unmengen professionell gemachter Inhalte hinzukommen. So verringert sich auch das Risiko, auf YouTube einen Vortrag zu verfolgen und am Ende festzustellen zu müssen, dass der Dozent ein unseriöser Spinner ist. Bei aller Konzentration auf die Inhalte darf aber die andere Seite der zunehmenden Digitalisierung des Unterrichts nicht übersehen werden. Es geht schließlich nicht nur um Inhalte, denn die Infrastruktur des Lernens verändert sich ebenfalls, und auf dieser (weitgehend verborgenen) Ebene sind die Auswirkungen der Digitalisierung nicht ganz so offensichtlich.

Das Lehrbuch als Spion

Nehmen wir nur CourseSmart, den unangefochtenen Branchenführer bei Lehrbüchern und Unterrichtsmaterial in digitalisierter Form. Dieses Unternehmen, 2007 von Pearson und McGraw-Hill Education und anderen Verlagsgiganten gegründet, hat über zwanzigtausend elektronische Lehrbücher im Angebot, das sind etwa 90 Prozent aller in Nordamerika verwendeten Lehrbücher. Diese Texte können online und offline am Computer, auf Tablets oder Smartphones gelesen werden. CourseSmart verfolgt globale Ambitionen. Wie kürzlich bekanntgegeben wurde, expandiert das Unternehmen in den Nahen Osten und nach Afrika, so dass seine Produkte auch in Ländern wie Saudi-Arabien und Zimbabwe erhältlich sind.

Anfang November wurde seine jüngste Innovation namens CourseSmart Analytics vorgestellt, ein Trackingsystem, mit dessen Hilfe verfolgt werden kann, wie lange sich Studenten auf jeder Seite eines elektronischen Buchs aufhalten, welche Kapitel sie überspringen, welche Passagen ihnen Mühe bereiten und so weiter. Aus all diesen Informationen wird für jeden Studenten ein „Engagement Score“ ermittelt, den Dozenten abrufen können. Die nächste Version des Systems wird über ein spezielles Dashboard verfügen, mit dem Verleger die Interaktion zwischen Student und Lehrbuch nachverfolgen können.

Für eine Prognose, ob sich dieses neue Instrument durchsetzen wird, ist es noch zu früh, aber drei amerikanische Universitäten haben sich bereits als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt. Die Idee ist nicht völlig abwegig, sondern im Grunde ganz vernünftig. Immerhin könnten Dozenten mit Hilfe dieses Features erkennen, wo Lehrbücher Schwierigkeiten bereiten, und Verlage könnten die betreffenden Passagen verständlicher präsentieren.

Der passive Widerstand des Lesers

Allerdings hat das Projekt etwas Gespenstisches. Stellen wir uns eine Lehrveranstaltung vor, deren Teilnehmer sich mit George Orwells „Neunzehnhundertvierundachtzig“ beschäftigen, und zwar unter Verwendung elektronischer Lehrbücher, die sie bei der Lektüre ausspionieren. Oder nehmen wir Studenten, die solche „intelligenten“ Lehrbücher in einem Seminar über die Geschichte des sowjetischen Überwachungsapparats verwenden.

Von dieser Absurdität einmal abgesehen, stellt sich aber die Frage, inwieweit solche spionierenden Lehrbücher die Herausbildung kritischen Denkens beeinflussen. „Kritisch“ heißt ja auch, die Qualität unterschiedlicher Texte erkennen zu können, sich mitunter gegen vorherrschende Strömungen zu stellen und nicht bereit zu sein, gewisse Pflichttexte zu lesen. Studenten, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts weigerten, eine Eugenikvorlesung zu besuchen, mögen gegen die akademische Ordnung verstoßen haben, mangelndes Interesse wird man ihnen kaum vorwerfen können.

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