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Kolumne „Silicon Demokratie“ Bonität übers Handy

Eine neue Generation von Unternehmen nutzt Daten im Netz, um Antragssteller für Kredite zu prüfen. Dabei sind längst nicht mehr nur Soziale Netzwerke von Interesse - selbst das Online-Shoppingverhalten wird bewertet.

© REUTERS Vergrößern Installierte Apps, Betriebssysteme: Daten fließen in die Bewertung der Bonität ein

Von den vielen vollmundigen Versprechungen, die im Zusammenhang mit Big Data gemacht werden, klingt eine immerhin plausibel - dass Millionen von Menschen Zugang zu Krediten erhalten, die ihnen gegenwärtig verwehrt sind. Welchen Preis werden diese neuen Schuldner aber in puncto Privatsphäre und Willensfreiheit bezahlen müssen, von den exorbitanten Zinsen ganz zu schweigen? In Ermangelung zuverlässiger Kreditdaten neigten Banken bislang dazu, Antragsteller ohne Bonitätsnachweis als hochriskant einzustufen. Das bedeutete, dass ihnen entweder extrem teure Darlehen angeboten oder ihre Anträge schlicht abgelehnt wurden.

Dank der Popularität von sozialen Medien und Smartphones schwimmt Silicon Valley geradezu in Daten. Das meiste hat auf den ersten Blick nichts mit der Finanzwelt zu tun, aber einiges kann sehr wohl herangezogen werden, wenn es etwa um Prognosen über Lebensstil und Sozialverhalten von Nutzern geht. Eine neue Generation von Unternehmen nutzt diese gigantische Datenmenge, um mit Hilfe von Algorithmen zuverlässige von potentiell weniger zuverlässigen Schuldnern zu unterscheiden und die Darlehenskosten entsprechend zu gestalten.

Manche - etwa das in Hongkong ansässige Unternehmen Lenddo, das gegenwärtig auf den Philippinen und in Kolumbien tätig ist - überprüfen dazu die Aktivitäten der Antragsteller auf Facebook und Twitter. Wer von Lenddo einen Kredit erhalten will, sollte in den sozialen Netzwerken mit einer Handvoll vertrauenswürdiger Personen verbunden sein.

Soziale Medien sind die Spitze des Eisbergs

Wenn diese für ihn bürgen und er das Darlehen bekommt, werden sie ebenfalls Updates über den Tilgungsverlauf erhalten (in der Vergangenheit drohte Lenddo sogar damit, bei Rückzahlungsschwierigkeiten die Freunde zu benachrichtigen, also maximalen Druck auf die Peergroup auszuüben).

Auch das amerikanische Unternehmen LendUp, das Überbrückungskredite zu hohen Zinssätzen vergibt, seinen Kunden aber längerfristig attraktivere Paketlösungen in Aussicht stellt, schaut sich deren Aktivitäten in sozialen Netzwerken an, um sicherzugehen, dass die auf dem Online-Antrag angegebenen Informationen zu dem passen, was Facebook und Twitter verraten. Soziale Medien sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Wonga, ein in London ansässiges Online-Kreditunternehmen, prüft sogar, zu welcher Tageszeit und in welcher Weise ein Antragsteller sich auf der Website bewegt (zwei Drittel aller Erstanträge werden abgewiesen).

Das Hamburger Unternehmen Kreditech, das „Scoring als Dienstleistung“ anbietet, stützt sich auf 8.000 Indikatoren, wie etwa „ortsbezogene Daten (GPS, mikro-geographisch), Social Graphs (Likes, Freunde, Locations, Posts), Verhaltensanalysen ( (Bewegen und Verweildauer auf der Website), Online-Shoppingverhalten sowie Gerätedaten (installierte Apps, Betriebssysteme)“.

Google und Facebook werden als Vorbilder gepriesen

Wer kein Smartphone und keinen Twitter-Account hat, muss aber nicht verzweifeln. Ein simples Handy tut es auch. Safaricom, der größte Mobilfunkanbieter in Kenia, untersucht, wie oft Kunden ihre SIM-Karte aufladen, wie oft sie den Sprachspeicher und die Bezahlfunktion ihres Handys nutzen. Sobald ihre Kreditwürdigkeit feststeht, tritt Safaricom als Bank auf den Plan und leiht ihnen Geld. Aber nicht nur Mobilfunkanbieter sind hier aktiv. Das amerikanische Start-up-Unternehmen Cignifi ermittelt die Bonität von Darlehensnehmern in Entwicklungsländern anhand der Dauer und der Tageszeit der Telefonate und des Standorts der Anrufer.

All diese Start-ups wollen möglichst viele Daten verarbeiten, vielleicht sogar potentielle Kunden dazu bringen, schon im Voraus möglichst viele persönliche Daten preiszugeben. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit, dass Reiche viel Geld für Dienstleistungen ausgeben, die ihre Privatsphäre schützen und ihnen zu einem besseren Status in den Suchergebnissen von Google verhelfen, während den Armen nichts anderes übrigbleibt, als im Namen der sozialen Mobilität auf ihre Privatsphäre zu verzichten.

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Veröffentlicht: 14.02.2013, 10:18 Uhr

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