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Gesichtserkennung Ethikfreie Zone

Die Gesichtserkennung im Netz wird nun nicht mehr heimlich aufgedrängt, sondern höflich angeboten. Harmlos macht sie das nicht. Zweite Folge unserer Kolumne „Silikon Demokratie“.

© dpa Vergrößern Gruß an die Überwacher: die Guy Fawkes-Maske steht für den Protest gegen die Invasion des Privaten

Ist Google also endlich erwachsen geworden? Der aufmerksame Umgang mit dem Feature Gesichtserkennung legt diese Vermutung nahe. Erinnern wir uns an den Proteststurm, der Facebook im Juni nach Einführung dieser Funktion entgegenschlug. Google ist geschickter vorgegangen. Vor einigen Wochen präsentierte man auf dem sozialen Netzwerk Google+ ein Feature, mit dem Freunde auf hochgeladenen Fotos automatisch identifiziert werden - und kaum jemand hat es bemerkt.

Die Unterschiedlichkeit der Reaktionen ist leicht zu erklären. Facebook aktivierte das Feature für alle Nutzer, ohne sie zu fragen, während es bei Google optional angeboten wird. Auch bei Facebook erwärmt man sich offenbar für diesen höflicheren Ansatz. Die jüngste Einigung mit der Federal Trade Commission besagt, dass bei allen künftigen Änderungen der Einstellungen, die die Privatsphäre tangieren, der Nutzer sein Einverständnis geben muss.

Der höfliche Weg

Das Web scheint sich von der „Opt-out“- Mentalität des arroganten Besserwissers („Wir wissen, dass euch dieses Feature gefallen wird, darum haben wir es standardmäßig aktiviert“) zu entfernen und der „Opt-in“-Mentalität des verbindlichen Diplomaten den Vorzug zu geben („Schaut mal, wir haben hier ein neues Feature, würde euch das interessieren?“). Wie Facebook mit seiner Politik des „reibungslosen Teilens“ demonstriert, ist es eine Sache, uns per Voreinstellung zu zwingen, Aspekte unserer Privatsphäre preiszugeben - etwas ganz anderes ist es, uns davon zu überzeugen, dass das schon okay (und sehr cool) ist. Das eine ist ein Übergriff, das andere ist lobenswert.

Allerdings hat dieser Triumph des „Opt-in“ noch andere Seiten. Zwar wird bei einem solchen Vorgehen kein Zwang ausgeübt, doch die jeweilige Technologie - hier die automatische Gesichtserkennung - erscheint dadurch normal und akzeptabel. Das aber wird kein Unternehmen zugeben. „Die Entscheidung liegt einzig und allein beim Nutzer.“ „Es geht nur darum, dem Nutzer mehr Macht zu geben.“ „Wir zwingen niemanden - die Leute brauchen ja nicht mitzumachen.“ Dieses leere Gerede von der „Stärkung des Nutzers“ ist seit Jahrzehnten in Silicon Valley zu hören. Dem liegt die naive Ansicht zugrunde, Technologien seien bloß praktische Werkzeuge. Wenn Nutzer zu Tool X greifen, um Aufgabe Y zu erledigen, gehe es also nur um die Frage, ob Aufgabe Y sinnvoll ist. Dass die allgemeine Akzeptanz von Tool X auch die unerwartete Auswirkung Z zur Folge haben kann, interessiert die Nützlichkeitspropagandisten nicht, und wenn, tun sie das als unkalkulierbar ab.

Wer sich nicht einklinkt, schließt sich aus

Diese Denkweise übersieht aber, dass Technologien, abgesehen von ihren unmittelbaren Funktionen, auch einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, insofern sie Umwelt, Ideologien, Nutzer, Machtverhältnisse und sogar andere Technologien beeinflussen können. Das Auto etwa mag eine effiziente Methode sein, um von A nach B zu kommen, aber man sollte nicht nur diesen einen Aspekt im Blick haben und dabei ignorieren, welchen Einfluss die Automobilkultur auf die Lebensqualität der Städter, auf Umweltverschmutzung oder Sterblichkeitsraten hat. Ausschließlich die unmittelbaren Nutzungsmöglichkeiten eines Produkts zu betrachten - ob optional oder nicht -, halte ich für einen unzureichenden Umgang mit dem Problem Auto.

Ebenso irrig ist die Annahme, eine Technologie sei unproblematisch, da sie ja deaktiviert werden könne. Warum schließt man die Möglichkeit aus, die kollektive Annahme dieser Technologie könnte, wenn nur genügend viele Leute sie nutzen, die sozialen Beziehungen dramatisch verändern und die Nichtnutzung zu einer unerwünschten, mitunter unmöglichen Option machen? Schauen wir uns die öffentlichen Räume in Kalifornien an: Sobald genügend viele Menschen für die Nutzung des Autos optiert hatten, änderte sich etwas (in der Infrastruktur und in den sozialen Normen), so dass Kalifornien weithin unbewohnbar wurde, wenn man kein Auto besaß. Das Auto bringt uns noch immer von A nach B, aber wäre unsere Lebensqualität nicht viel besser, wenn wir seine Technologie differenzierter sähen und Nebenwirkungen einkalkulierten?

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Von Niklas Maak

Berlin träumt davon, woran Paris bisher gescheitert ist: Ein Stadtbad im Fluss soll es sein. Gelungen ist Frankreichs Metropole aber immerhin ein tropischer Strand mitten im Urban-Getümmel. Ist ja auch was wert. Mehr 2