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Zukunftsmodell „intelligente Stadt“ : Wir brauchen mehr intelligente Dörfer

  • -Aktualisiert am

Der Hafen von Barcelona. Auch bald eine „intelligente Stadt“? Bild: AFP

Ist die sensorengesteuerte, völlig vernetzte „intelligente Stadt“ das einzige Zukunftsmodell? Ein Gegenentwurf, der über die reine Effizienz hinausgeht.

          Wenige Ideen haben die Phantasie von Stadtplanern so nachhaltig erobert wie die „intelligente Stadt“ - die Utopie einer komplett vernetzten und sensorengesteuerten Metropole, die im Namen von Effizienz keinerlei Reibungen mehr kennt. Und man kann durchaus von „erobert“ sprechen. Der Hype um die „intelligente“ Stadt ist nicht zuletzt das Ergebnis aggressiver Anstrengungen von IBM, Cisco, Microsoft und Co., ihre teuren und komplizierten Lösungen an innovationshungrige, aber klamme Stadtverwaltungen auf der ganzen Welt zu verkaufen. Und obwohl die ersten intelligenten Städte (Masdar in Abu Dhabi und Songdo in Südkorea) dem Taylorismus offenbar näher stehen als dem Urbanismus, ist die Begeisterung ungebrochen.

          Immer mehr Städte, von San José bis Barcelona, von Rio de Janeiro bis Mailand, wollen auf diesen Zug aufspringen. Nun hat Singapur bekanntgegeben, dass Bushaltestellen, Parkanlagen und Straßenkreuzungen mit Sensoren diverser Behörden ausgerüstet werden sollen. Geplant ist, die öffentlichen Dienstleistungen auf ein „antizipatorisches“ Modell zuzuschneiden, um auf diese Weise die üblichen kommunalen Probleme komplett zu vermeiden. Die Sensoren würden etwa die Zahl der wartenden Fahrzeuge an einem Taxistand registrieren, die Sauberkeit öffentlicher Plätze überwachen und unerlaubtes Parken anzeigen. Die Stadtreinigung würde also nur dort auftauchen, wo es tatsächlich notwendig ist.

          Die Vorzüge der Unordnung

          Die Auffassung, dass die intelligente Stadt, gemanagt von großen IT-Konzernen, effizient und reibungslos funktionieren wird, ist umstritten. Kritiker wie etwa der britische Künstler Usman Haque verteidigen die Vorzüge von Unordnung. Der Wunsch, urbane Konflikte mittels Algorithmen schon im Vorhinein zu vermeiden, widerspreche wahrem städtischen Leben. Anthony Townsend, ebenfalls ein vehementer Kritiker, schreibt in „Smart Cities“, dass zwar einiges für intelligente Städte spreche, aber sie müssten von ihren Bewohnern beeinflusst und gestaltet werden können, andernfalls würden sie genauso seelenlos und bevormundend sein wie unsere Software.

          Adam Greenfield wies in seiner Streitschrift „Against the Smart City“ darauf hin, dass mit dem Etikett „intelligente Stadt“ bloß die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen kaschiert werde. Diese Kritiker stellen zu Recht jene Aspekte städtischen Lebens heraus, die in der aktuellen Debatte nicht vorkommen (Zufallsbegegnungen, Spontaneität, Gemeinschaft). Wirklich „intelligent“ ist nicht die Stadt, die mit weniger Aufwand mehr leistet, sondern die Stadt, die sich ihrer Grenzen und Mängel bewusst ist. In einer solchen Stadt werden Minderheiten toleriert und die Rechte der Einwohner nicht beschnitten.

          Gegenentwurf zur „intelligenten Stadt“

          Aber wie übersetzt man diese humanistische Haltung in konkrete Technologien? Selbst die Kritiker helfen uns da kaum weiter. Vielleicht könnte man mit der Frage anfangen, wie das Gegenteil der von IT-Konzernen gesteuerten „intelligenten Stadt“ aussieht. Wodurch zeichnet sich ihr ideologischer Antipode aus? Ist es die „dumme Stadt“? Heutzutage, wo Mülleimer mit Sensoren und Straßenlaternen mit hochentwickelten Kameras ausgestattet sind, ist die Sehnsucht nach einer analogen Stadt absolut verständlich, zumal nach dem NSA-Skandal. Doch diese Nostalgie ist historisch wenig tragfähig - Städte waren schon immer Versuchsfelder für revolutionäre Neuerungen, ob Kanalisation, Impfstoffe oder Untergrundbahn. Eine technikfreie Stadt kann nicht als Vorbild dienen.

          Und wenn nicht die „dumme Stadt“, dann vielleicht das „intelligente Dorf“? Das stünde in einer langen intellektuellen Tradition von Stadtkritik. Für Gegner der Stadt muss die Alternative nicht zwangsläufig ein hartes, asketisches Leben mit Plumpsklo sein. Wie der Historiker Steven Conn in seinem neuen Buch „Americans Against the City. Anti-Urbanism in the Twentieth Century“ darlegt, ist die Beziehung zwischen Technologie und Urbanismus schon immer ambivalent - einerseits brachte die technische Entwicklung Lärm, Enge und Übervölkerung mit sich, andererseits boten viele Neuerungen - von Elektrizität bis zum Auto - die Aussicht, dass man die Stadt auch ohne nennenswerte Einschränkungen an Lebensqualität hinter sich lassen konnte.

          Das Dorf als attraktive Option

          Viele radikale Utopisten hofften, dank technischer Neuerungen ein erfülltes Leben auf dem Land führen zu können, befreit von den Zwängen der Fabrikarbeit. Wie Ralph Borsodi, einer der prominentesten Vertreter eines solchen Hightech-Antiurbanismus in seinem Bestseller „Flight From the City“ (1933) schrieb, „wird die häusliche Arbeit nicht nur die unbeliebte und irrelevante Fabrik abschaffen, indem sie den Markt für deren Produkte beseitigt, durch sie werden die Menschen auch zu den Herren der Maschinen, nicht zu ihren Knechten, denn dann haben sie die Möglichkeit, Komfort, Schönheit und Erkenntnis zu erobern“.

          Borsodi wusste noch nichts von dem Potential von Makerspaces, 3D-Druckern und intelligenten Thermostaten. Heutzutage, da man Kleider, Werkzeuge und sogar Lebensmittel zu Hause ausdrucken kann, scheint das Dorf eine umso attraktivere Option zu sein. Nehmen wir nur Open Source Ecology, ein Netzwerk von Wissenschaftlern in Missouri, die das „Global Village Construction Set“ entwickelt haben - eine Vielzahl leicht zusammensetzbarer und billiger Maschinen wie etwa Traktoren und Backöfen. Auch für die kulturellen Bedürfnisse ist gesorgt, denn es gibt ja E-Reader und Tablets, und YouTube und Netflix bieten Unterhaltung und Information ohne Ende.

          Intelligente Vororte statt „intelligenter Stadt“?

          Natürlich kann das „intelligente Dorf“ zu einem „intelligenten Suburbia“ verkommen, das alle Annehmlichkeiten eines urbanen Lebens bietet, nicht aber den Gemeinschaftsgeist und die intellektuellen Anregungen, die in Städten angeblich Mangelware sind. Ein iPad, ein 3D-Drucker und ein Roboterauto machen noch kein intelligentes Dorf. Ohne soziale und ökonomische Reformen ist das emanzipatorische Potential von Technologie sehr beschränkt, wie die Stadtkritiker schon früh erkannten. Ein 3D-Drucker ist nur in dem Maße befreiend, wie er ein gutes Leben ermöglicht - und selbst dann ist er ziemlich teuer im Gebrauch.

          Die andere Gefahr ist die, dass das „intelligente Dorf“ einfach eine Kopie der „intelligenten Stadt“ ist, nur mit mehr Bäumen und Vögeln. Auch das wäre ein Irrweg. Während intelligente Städte verstärkt auf WiFi setzen, könnte das intelligente Dorf nicht nur autofreie Zonen einrichten, sondern angesichts des wachsenden Unbehagens an der permanenten Erreichbarkeit auch internetfreie Zonen schaffen - vielleicht mit Hilfe cleverer Sensoren, die widerspenstige Geräte eine Zeitlang abschalten.

          Effizienz ist nicht alles

          Das „intelligente Dorf“ sollte auch nicht Marshall McLuhans „globales Dorf“ kopieren. Kleine, überschaubare Einheiten, vernünftig dosiert, können durchaus sinnvoll sein. Das „intelligente Dorf“ wäre stolz auf seine lokalen Meme. Dieser Gemeinschaftssinn ist wichtig, denn es ist kein Netzwerk von „elektronischen Bauernhäusern“, wie sie Alvin Toffler in seinem Bestseller „The Third Wave“ (1980) entwarf. Es geht nicht darum, in einer angenehmeren Umgebung mehr zu arbeiten, sondern zu fragen, wie viel wir überhaupt arbeiten wollen.

          In der Auseinandersetzung mit den Zeitrhythmen, Konnektivitätsmustern und Arbeitsritualen des „intelligenten Dorfs“ können wir die Vision der „intelligenten Stadt“ hinterfragen. Effizienz, Produktivität und antizipierte Problemlösungen mögen interessante Ziele für autoritäre Behörden in Singapur und Sales Manager bei IBM sein. Städte sind aber schon immer mehr gewesen als Kommerz.

          Straßenfeste und andere Freizeitveranstaltungen passen nicht in das Paradigma der hypereffizienten „intelligenten Stadt“. Eine Stadt, in der Raum ist für solche Angebote, ist nicht weniger „intelligent“ als Singapur. Wir werden es noch bedauern, wenn wir auf IT-Fuzzis hereinfallen, die uns das Gegenteil schmackhaft machen wollen - wenn es dann nicht längst zu spät ist.

          Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

          Quelle: F.A.Z.

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