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Sibylle Berg im Gespräch Hassen aus Liebe

 ·  Sibylle Berg schreibt grandios pessimistische Bücher, doch im Interview zeigt sie sich als sehr zarter Mensch, vor dem man keine Angst haben muss.

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© Katharina Lütscher Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, siedelte 1984 in die BRD über: Heute lebt sie in Zürich

Als Toto, die Protagonistin von Sibylle Bergs neuem Roman „Vielen Dank für das Leben“ 1966 in der DDR zur Welt kommt, sagt die Hebamme: „Tausende hab ich hier gehabt, keine hat sich so albern betragen.“ Es wird nicht wirklich besser: Toto ist geschlechtslos, man beschließt, dass sie ein Junge ist, und wenig später, dass sie in ein Heim muss, weil ihre Mutter sich nicht mehr zuständig fühlt. Man wird beim Lesen sehr traurig, weil man die Protagonistin sehr zu mögen beginnt. Das Merkwürdige aber ist, dass Toto nicht traurig wird. Sie hat beschlossen, nichts zu wollen, und so treibt sie durch die Systeme, das sozialistische, dann das kapitalistische, welches sich schließlich auflöst. Ein Gespräch mit der Autorin.

Rauchen Sie?

Also rauchen, nein, seit zehn Jahren nicht mehr. Rauchen erzeugt traurige Haut und tristen Atem. Ich habe aus Eitelkeit aufgehört und weil es immer anstrengender wurde unter den bösen Blicken der Raucherhasser.

Essen Sie Fleisch?

Natürlich nicht, ich esse ja auch keine Menschen. Obwohl - ein paar Idioten könnte ich schon aufessen.

Wen?

Sage ich nicht.

Spiegel online ist schon ziemlich schrecklich, oder? Warum schreiben Sie da?

Weil die, äh, Publikation - sagt man auch so bei Onlineformaten? - eine rechte Gewalt hat. Vielleicht irre ich mich, aber zeitweise lesen fünf Millionen Menschen dort herum, oder waren es 500 Millionen?

In Ihrem Buch ist der kommunistische Osten ebenso grausam wie der kapitalistische Westen. Kommen unterschiedliche Menschen dabei heraus?

Beide Systeme sind bravourös gescheitert. Vielleicht übersteigt es die menschliche Hirnkapazität, ein neues zu erfinden. Oder es will eben keiner etwas Neues, was heißen würde: Beide Systeme haben begrenzt lernfähige Menschen hervorgebracht. Im Osten war die völlige Bedeutungslosigkeit von Geld natürlich ein interessanter Faktor und die relative Gleichberechtigung, die darin bestand, dass Frauen mehr arbeiten durften als Männer. Sicher hat ein Mensch, der von Kindheit an um die Bedeutung von Geld weiß, einen gewissen Startvorteil im Rennen um den besseren Mittelklassewagen.

Sie schreiben: „Der einzig erkennbare Vorteil des Systems war, dass es niemals den Neid der Menschen herausforderte, denn es gab da nicht viel, worum man den Nachbarn beneiden konnte.“

Es gab auch im Osten Neid: Hat einer eine größere Wohnung, hat er nur sieben Jahre auf sein Auto gewartet, hat er Verbindungen zur Partei?

Es gibt Menschen, die haben sich in der DDR wohl gefühlt.

Es gibt auch viele die es in einem Gefängnis kuschelig finden, wegen der klaren Strukturen, oder in Religionsgemeinschaften, weil sie einen Sinn geben. Das ist sehr verständlich, die Erleichterung, sich keine Sinnfragen stellen zu müssen, ist sicher eine gewaltige. Angenehmer scheint mir aber, wenn man frei wählen kann, welche Art Bevormundung man erträgt oder gar schätzt.

Warum haben Sie diese beiden Systeme einander gegenübergestellt?

Toto wächst genau in der Zeitspanne des Überganges zwischen zwei Gesellschaftsformen auf. Ich wollte zeigen, wie es ist, Geschichte zu erleben, ohne das Bewusstsein zu haben: „Wow, ich erlebe jetzt Geschichte.“ Denn das, was später kurz und griffig in Geschichtsbüchern steht, war für die Menschen, die sich in jener Zeit auf der Erde aufhielten, meist sehr unspektakulär. Im Buch erleben wir, neben der Geschichte von Toto, das Ende von Sozialismus und Kapitalismus. Ich räume auf für Neues.

Toto bewertet sein Leben nicht. Die Erzählinstanz bewertet hingegen ständig. Wären die Menschen besser, wenn sie nicht bewerten würden, wenn sie nicht ehrgeizig wären?

Die Figur ist der Versuch eines idealen Menschen. Wenn wir nicht werten würden, würden wir mehr vertrauen und mehr erleben, mehr überrascht und mehr enttäuscht werden, dadurch würden wir lernen, keine Erwartungen mehr zu haben, das wäre interessant.

Ist Toto Buddhist?

Nein, sicher nicht. Ich habe keine Ahnung, wie weise der Buddhismus ist. In der ursprünglichen Form ist es auch wieder eine von Männern erdachte Religion mit einem männlichen Ansprechpartner. Das interessiert Toto nicht, und unter uns - mich auch nicht.

Wie ist Toto in Ihrem Kopf entstanden?

Toto ergab sich als Hauptfigur, weil ich weder einen Mann noch eine Frau durch die Welt gehen lassen wollte, um den Leser die klare Geschlechterzuschreibung zu verderben, dieses: Aha klar, eine Frau, darum verhält sie sich so oder so. Dazu kam, dass ich mit Toto einen Menschen beschreiben wollte, wie ich gerne einer wäre. Eine Person, die nicht bitter wird, die in einer Reinheit lebt, die man selten findet.

Sie erinnert an den Sänger von Antony and the Johnsons.

Vielleicht hat sich Antony unbewusst eingeschlichen, als ich nach dem Äußeren der Heldin suchte. Antony, der ja etwas von einem großen weichen Wesen ohne klares Geschlecht hat und der sich selber auch als Transgender bezeichnet.

Wie ist es für Sie, wenn Sie sich googeln?

Warum sollte ich so etwas Wahnsinniges tun?

Im Buch gibt es eine Unterhaltung: „Sie hatten von der Unmöglichkeit gesprochen, eine Meinung zu haben. Meine Meinung wechselt täglich.“ Kennen Sie das?

Unbedingt. Meinungen bestehen aus Gedanken, und nichts ist flüchtiger. Nichts wiederum zeichnet eine Inflexibilität des Geistes so stark, wie auf seiner angeblichen Meinung zu beharren. Eine Meinung zu haben und sie nicht zu verändern heißt, sich nicht weiterzubilden.

Betrifft dieses Meinungsproblem auch die Haltung? Und wenn ja, wie soll man so Bücher schreiben?

Haltung ist etwas anderes. Wenn ich sage, dass ich versuche ein Mensch zu sein, der andere nicht belästigt, dann ist es eine Haltung. Das Schreiben allerdings wird schwieriger. Der Stil ist ja nur das Handwerkszeug, Schreiben lebt von Gedanken, die immer fragiler werden, die, sind sie aufgeschrieben, vielleicht schon wieder überholt sind, weil man etwas Neues erfahren hat. Es wäre unbedingt einfacher zu malen. Pech gehabt. Das kann ich nicht.

Das Jahr 2030 wird von Ihnen als eine stromlinienförmige, abwaschbare Zeit beschrieben, welche von Frauen bestimmt wird. Ist diese Abwaschbarkeit für Sie etwas, das von Frauen ausgeht? Tendieren nicht auch Männer inzwischen sehr dazu?

Frauen haben, ob es am mangelnden Testosteron liegt oder an der bisher mangelnden Gelegenheit, ein weniger aggressives psychopathisches Führungsprogramm als Männer. Eine wunderbare Studie, inzwischen schon wieder ein alter Hut, hatte Börsenspekulanten untersucht und den Einfluss von Testosteron auf die Krise . . . ich schweife ab . . . also, ich denke, dass eine geschlechtlich ausgewogene Führung, egal, ob in Politik oder Wirtschaft, wunderbar wäre, oder sagen wir: auf jeden Fall interessant. Davon sind wir aber noch weit entfernt.

Sie halten die ganze Geschlechtlichkeit generell für Mist. Warum?

Weil hauptsächlich Geschlechterzuschreibungen dazu benutzt werden, um 50 Prozent der Menschheit, die weibliche, zu unterdrücken, ist alles, was Geschlechterzuschreibungen meint, Sexismus. In ungefähr tausend Jahren wird es sie vielleicht nicht mehr geben, wenn es uns dann noch gibt. All die Ausgrenzungen, Klischees, wie ich sie zum Beispiel mit den Investmentbankern gerade erwähnt habe, existieren dann nicht mehr. Es gibt nur noch Menschen, fähig oder unfähig, und keiner wird wegen seines Geschlechtes in eine Rolle gepresst. Alle tanzen glücklich über künstliche Wiesen und spielen mit künstlichen Tieren.

Sind Sie gerne eine Frau? Merken Sie das an irgendwas? Gibt es Vorteile?

Ich dachte bis zum Eintreten der Pubertät, dass ich ein Mann sei. Ein sehr furchteinflößender. Später durchlief ich alle Stadien der hormonellen Verwirrung, bis ich aufwachte und es mir egal war, welches Geschlecht ich zufällig in der Lotterie erwischt hatte. Ich habe mich nie als Frau gefühlt, wie soll denn das gehen? Man wacht doch nicht auf, am Morgen und denkt sich: Wow, was bin ich heute wieder Frau. Solange man Waschmittel mit Frauen bewirbt, solange man Verrichtungsboxen zur Benutzung von Frauen aufstellt, solange Frauen nach ihrer Verwertbarkeit als Sexualpartner beurteilt werden . . . solange gibt es keine Gleichberechtigung, und ich habe nicht das Gefühl, in irgendeinem Bereich einen Vorteil zu haben.

Welche Luxussachen mögen Sie?

Neben Weltfrieden und Essen für alle meinen Sie? Ich habe sehr gerne schöne Hotels, am liebsten, wenn ich sie irgendwie umsonst benutzen kann.

Sie haben mal gesagt, dass Sie Frauen, die durch ihre Kleidung sexuelle Verfügbarkeit suggerieren, nicht so richtig gut finden. Ab wann signalisiert man denn, frei verfügbar zu sein? Es ist so unerfreulich, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil man enge Kleider und Lippenstift trägt.

Völlig falsch verstanden! Jeder kann in meiner gerechten Welt anziehen, was er will. Alle könnten auch nackig sein. Aber! Wir leben nicht in meiner Welt, sondern immer noch in einer heteronormativen. Und für viele Männer bedeutet Brust-raus, hohe Schuhe, Hintern kaum bedeckt: Aha, die ist billig zu haben. Das ist sehr langweilig. Man muss sich aber darüber bewusst sein, dass diese Haltung vieler Männer, und auch vieler Frauen nebenbei bemerkt, existiert. Jeder Mensch muss sich darüber klar sein, dass er mit seiner Kleidung eine Aussage macht. Das meine ich damit. Make-up, enge Kleider, aber hallo! Bitte immer und vor allem: Auch Männer sollten sich so kleiden können.

In dem Roman schreiben Sie sehr liebevoll über Menschen, besonders über Kinder. Wollen Sie irgendetwas zu Kindern sagen? Oder zu Müttern und Vätern?

Sehr, sehr gerne habe ich ja alte Menschen. Freundliche alte Menschen hauen mich um. Kinder muss man sorgfältig behandeln, sie sind so grauenhaft ausgeliefert.

Die Liebe ist in Ihrem Text ein „großes Theater“, ein „Missverständnis“. Worin besteht das?

Oh nein, welch furchtbares Missverständnis. Einen Menschen außerhalb sich selber zu lieben, ist das Einzige, was irgendwie sinnvoll ist in unserem Leben.

Sie entwerfen eine hoffnungslose Zukunft. Trotzdem irgendwelche Tipps? Auch für die Politiker?

Ich möchte bitte nicht mit Politikern reden müssen. Welche Qualifikation, einen Staat, der ja nichts anderes als ein sehr großes Unternehmen ist, zu führen, haben die denn? Ich möchte alle Politiker auffordern, sich andere Jobs zu suchen. Ich möchte von Menschen verwaltet sein, die die Bevölkerung widerspiegeln. Frauen, Männer, Kinder, Alte, Behinderte, Homosexuelle, Transgender. Fachleute aus allen Bereichen. Ansonsten: Die Zukunft wird okay. Wir werden kaum merken, dass die Welt noch voller und die Umwelt noch zerstörter wird. In den Büchern wird stehen, es war die letzte Generation, die noch ohne Sauerstoffzelt auskam.

Als Sie anfingen zu schreiben, wollten Sie gegen die Umstände kämpfen. Wie ist das heute?

Ich habe den Einfluss von Literatur früher überschätzt, vielleicht weil Bücher mein Denken sehr beeinflusst haben. Heute glaube ich, dass Bücher einigen Trost geben können, das Gefühl, nicht allein zu sein. Mehr liegt nicht drin.

Interview Antonia Baum

Sibylle Berg: „Vielen Dank für das Leben“. Hanser Verlag, München 2012. 400 S., 21,90 Euro.

Quelle: F.A.S.
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