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Veröffentlicht: 21.02.2017, 11:13 Uhr

Nationalismus in Japan Kein Volk ist eine Insel

Nationalisten haben nicht nur in Europa oder Amerika Zulauf. In Japan arbeitet die politische Rechte mit der spirituellen Elite geräuschlos am Umbau des Staates. Ihre Pläne sind weit gediehen.

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© AFP Verstehen sich: Shinzo Abe und Donald Trump auf einer Pressekonferenz in Florida Anfang Februar.

Japan ist stolz. Nach mehr als einem Jahrzehnt ist der Großmeister wieder ein Landsmann. Seit 2003 hat es kein japanischer Sumo-Ringer an die Spitze geschafft. Nun darf sich Kisenosato Yutaka aus der Präfektur Ibaraki mit der Yokuzuna-Würde gürten, dem dicken weißen Hanfseil mit den wie Blitze gefalteten Papierstreifen (Shide) daran – im Shintoismus ein Symbol der Unantastbarkeit. Der Druck war groß. In der Hauspostille der ultrarechten Lobby-Organisation „Japan Konferenz“ mit dem Titel „Der Atem Japans“ („Nippon no Ibuki“) sagte ein ehemaliger Ringerkollege: „Japans Selbstgefälligkeit gegenüber dem Frieden und seine Abneigung gegen alles Kämpferische zeigt sich auch im Sumo.“ Die Schwäche resultiere „aus Japans masochistischem Bildungssystem und der Gehirnwäsche durch die Nachkriegsbesatzung“.

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Aus dem Jubel um den Yokuzuna spricht nicht nur Sportbegeisterung. Japans Rechte nährt damit die Sehnsucht, wieder Großmacht zu sein. So wie einst: mit aufgehender Sonne auf weißer Flagge, herabgestiegenem Gottkaiser und allem, was dazugehört. Und, ganz wichtig: auf Augenhöhe mit Amerika. Der Wunsch ist zwar nicht am Kaiserhof und nicht im überwiegenden Teil der japanischen Bevölkerung verbreitet. Wohl aber in der politischen Führungsriege.

Wovon Rechtspopulisten in Europa noch träumen

Seit der Präsidentenwahl im November schauen wir auf Amerika wie das Kaninchen auf die Schlange. Doch was in den Vereinigten Staaten mit Donald Trump und seinem Slogan „Make America Great Again“ scheinbar ruckartig Realität geworden ist, findet in Japan unter der Parole „Take back Japan“, mit der der Nationalist Shinzo Abe und seine Liberaldemokratische Partei (LDP) 2012 überraschend die Wahl zum Ministerpräsidenten gewannen, schon seit Jahren statt.

44899551 © Reuters Vergrößern Der Stolz Japans: Der siegreiche Sumo-Ringer Kisenosato Yutaka auf einer Pressekonferenz in Tokyo.

Am 15. August, dem Jahrestag der japanischen Kapitulation, wird stets registriert, ob Abe abermals den umstrittenen Yasukuni-Schrein in Tokio besucht, wo die seit 1868 gefallenen Soldaten der Kaiserlichen Armee, aber auch Kriegsverbrecher geehrt werden. Dass hinter solchen Gesten nicht nur eine Geschichtsverklärung steckt, die China und Korea provoziert, sondern der Plan, das Land umzubauen, indem man an den Nationalstolz appelliert, wird dabei selten zum Thema gemacht. Die Überalterung des Landes, die angeblich beziehungsfaule Jugend und die Lage der Wirtschaft prägen unser Bild des modernen Japans. Wie sehr jedoch Abe in Japan vorwegnimmt, wovon Rechtspopulisten in Europa träumen, wird selten registriert. Die Regierung fördert das, stehen 2020 doch die Olympischen Spiele in Tokio an, und das Image des Landes darf keine Kratzer erhalten.

Gabriele Vogt, die sich an der Universität Hamburg mit der Politik und Gesellschaft Japans befasst, sagt: „Ich glaube, für die Medien ist es zunehmend schwerer, der gewaltigen PR-Maschinerie des Landes, ausgehend von Wirtschafts- und Außenministerium, zu entgehen.“ Die Wahrnehmung des Landes sei geprägt vom Image des „Cool Japan“.

Pressefreiheit ist in Gefahr

Das Land hat seine Wahrnehmung als Marke virtuos im Griff. Dahinter verbirgt man das Bestreben, an alte „Größe“ anzuknüpfen. Auf diesem Weg stört vor allem die Verfassung mit ihrem Artikel 9, der dem Land Krieg und die Existenz einer Armee zur Kriegsführung untersagt. Die Verfassung, die Japan aus der Sicht der Nationalisten von den Amerikanern nach 1945 aufgedrückt wurde, ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert worden. Deshalb wirbt Ministerpräsident Abe für eine Verfassungsreform und sagt: „Wir wollen eine Verfassung, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist.“ Er meint damit: eine Armee mit Auslandseinsätzen und ein Geschichtsbild, das – ohne all die dunklen Flecken – patriotismusfähig ist.

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Wer dazwischenfunkt, bekommt die Vehemenz, mit der dieser Plan verfolgt wird, zu spüren – vor allem Journalisten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ ist Japan nicht von ungefähr in den vergangenen Jahren von Platz 22 (von 180) auf Rang 72 abgerutscht. In dem gerade erschienenen Buch über „Press Freedom in Contemporary Japan“ beschreibt der in Tokio lebende Japan-Forscher Jeff Kingston zusammen mit 22 Autoren aus Wissenschaft und Journalismus ein finsteres Bild: Da werden linksliberale Zeitungen wie die „Asahi Shinbun“ öffentlichkeitswirksam an die Kandare genommen oder kritische Moderatoren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk NHK geschasst. Auch gilt bei NHK nun das „gelbe Handbuch“, in dem die Regierung wichtige Sprachregelungen zu allen sensiblen Themen zusammengefasst hat. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Situation in Japan verschlechtere, sei gravierend, schreibt Kingston.

Widerstand in Japan „naturgemäß ein stiller“

Doch wer sind die Vordenker dieses neuen Japans? Großen Einfluss hat die „Japan Konferenz“ (Nippon Kaigi). Dahinter steckt eine nationalistische Lobby-Gruppe, die Japan, wie sie sagt, den Japanern endlich „zurückgeben“ will. Mehr als 35000 Mitglieder soll die Gruppierung haben. Wer in der japanischen Politik Karriere machen will, für den ist eine Mitgliedschaft unerlässlich. Im Herbst 2014 zählten, wie die „New York Times“ schrieb, 289 der 722 Parlamentsabgeordneten zu den Anhängern von Nippon Kaigi. Mindestens dreizehn von neunzehn Mitgliedern des Kabinetts von Shinzo Abe sowie ihm selbst wird eine enge Verbindung zu den Nationalisten nachgesagt. Allen voran der Kultus- und Wissenschaftsminister Hirokazu Matsuno, der 2014 forderte, die Regierung möge sich von der Erklärung des einstigen Ministerpräsidenten Tomiichi Murayama distanzieren, der sich 1995 offiziell bei den Nachbarländern für Japans Aggressionskriege und die Kolonialherrschaft entschuldigt hatte.

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Dass der Einfluss auf die japanische Politik groß ist, sagt auch Gabriele Vogt. Aber „anders als hierzulande ist der Rechtspopulismus in Japan ein von oben gesteuerter Prozess“. Man solle nicht annehmen, dass die Mehrheit der Japaner die Großmachtträume der Lobbyisten und Politiker teile. Allein sei der Widerstand in Japan „naturgemäß ein stiller“.

Auf der Internetseite der „Japan Konferenz“ listet die Organisation ihre Ziele auf: Die kaiserliche Familie soll wieder Zentrum des japanischen Lebens werden. Ein nationales Recht auf Verteidigung, die Familie als Kern des Staates und die Lockerung der Trennung von Staat und Religion gehören dazu. Das verbindet sich mit aggressivem Nationalismus in historischen Debatten. Geschlechtsneutrale Erziehung und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sollen verschwinden.

Geschichtsrevisionismus wird von der Regierung geduldet

Das Interesse an der „Japan Konferenz“ ist gewachsen, nachdem der Autor Tamotsu Sugano im April 2016 das Buch „Nippon Kaigi no Kenkyu“ (Eine Untersuchung der Japan Konferenz) veröffentlicht hat. Es wurde in Japan schnell zum Bestseller und vermarktete sich noch besser, als der Autor „besorgte“ Anrufe aus dem Umfeld der „Japan Konferenz“ erhielt: Wenn er merke, dass sich irgendetwas in seinem Umfeld verändere, möge er sich bitte melden, laute die kryptische Botschaft. Tamotsu Sugano verstand, reagierte prompt und schnitt mit, wie er einen der Anrufer zur Rede stellt. Ob das ein Drohanruf gewesen sei? Nein, nein, man wolle nur wissen, ob in seinem Umfeld alles in Ordnung sei. Den Mitschnitt lud Sugano bei Youtube hoch. Dann zeigte er den Vorfall an. Danach hatte er Morddrohungen auf seinem Anrufbeantworter. Anfang Januar erließ das Bezirksgericht Tokio eine einstweilige Verfügung gegen sein Buch. Ein Mitglied der „Japan Konferenz“ hatte seine Persönlichkeitsrechte verletzt gesehen. Die entsprechenden Passagen des Buches sind tatsächlich in Teilen fraglich: Sugano hatte die Geschichte des Mannes aufgeschrieben, ohne mit ihm gesprochen zu haben oder Quellen zu nennen. Allerdings gab das Gericht dem Mann nur in einem von sechs Punkten recht.

44899672 © dpa Vergrößern Japanische Nationalisten schwenken zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten die sogenannte „Fahne der aufgehenden Sonne“. Sie ist Symbol japanischen Imperialismus’.

Mit Büchern hingegen, die Glanz und Glorie des Landes preisen, hat man in Japan an oberster Stelle kein Problem. Die japanische APA-Hotelgruppe geriet kürzlich in die Kritik, nachdem zwei Touristen über „Weibo“ (das chinesische Pendant zu Twitter) in einem Video aus Büchern des APA-Besitzers und einflussreichen „Japan Konferenz“-Mitglieds Toshio Motoya zitierten. Motoya legt seine Schriften standardmäßig in den Zimmern seiner 370 Businesshotels aus. Darin leugnet er unter anderem das Nanking-Massaker. In Nanking, schreibt er, sei 1937 kein Zivilist durch die japanische Armee verletzt worden. Die Rüge der Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Hua Chunying, folgte umgehend. Die japanische Regierung aber schweigt.

Der Umbau Japans wird nicht allein von Abe und der politischen Spitze befeuert. Die selbsternannte spirituelle Elite, die Zentrale Vereinigung der Shinto-Schreine (Jinja Honcho), die 80000 Schreine in Japan verwaltet – darunter auch den wichtigsten, den „großen Schrein von Ise“ –, macht ebenfalls mit. Lange schon wird die japanische „Urreligion“ für politische Zwecke eingespannt. Zwar hat sie im Alltag wenig Bedeutung, doch beherrschen Shinto-Rituale viele Feste. Auf ihrer Internetseite erklärt die Vereinigung selbstbewusst jeden Japaner zum Gemeindemitglied, „ganz gleich, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht“. In diesem Sinne schaffen Politiker wie Ministerpräsident Abe, die dem politischen Flügel der Shinto-Vereinigung (Shinto Seiji Renmei) angehören, das spirituelle Fundament für ein „neues“ Japan. Dieses nähert sich ohne die Lautstärke einer Marine Le Pen oder eines Donald Trump, aber es kommt.

Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 2

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