Als Brandon erwacht, ist die Kamera bei ihm. Er liegt wie ein Toter auf seinem Bett; dann zwinkert er mit den Augen, und schließlich erhebt er sich, um seiner Hauptbeschäftigung nachzugehen: Sex. Sex mit Prostituierten, Barbekanntschaften, Frauen aus der U-Bahn, Cybersex, Telefonsex, Masturbation. Brandon ist nicht der erotische Dienstleister, den Richard Gere als „Mann für gewisse Stunden“ gespielt hat, obwohl er durchaus den Körperbau dafür hätte. Brandon ist der Kunde. Er zahlt für die gewissen Stunden, die Leiber, die Bilder, die Stimmen, und die Welt zahlt es ihm zurück: mit Einsamkeit.
Vor vier Jahren hat Michael Fassbender für Steve McQueen den IRA-Kämpfer Bobby Sands verkörpert, der sich sechsundsechzig Tage lang im Gefängnis zu Tode hungerte. Der Film, „Hunger“, machte die beiden bekannt, den irischen Schauspieler, der zuvor Nebenrollen in französischen und amerikanischen Produktionen gespielt, und den britischen Installationskünstler, der eine preisgekrönte Karriere zurückgestellt hatte, um Regie zu führen. In „Shame“, ihrem zweiten gemeinsamen Film, spielt Fassbender jetzt kein Individuum mehr, sondern einen Typus. Brandon Sullivan ist ein Destillat aus sieben Männern, die McQueen für seinen Film befragt hat, sieben Patienten, die wegen Sexsucht in Behandlung waren. Um das Gefühl auszudrücken, das sie nach der Befriedigung ihres Drangs überkam, verwendeten alle dasselbe Wort; es gab dem Film den Titel: „Shame“ - Scham.
In der Schwebe
„Shame“ ist im Kern keine Kinoerzählung, sondern eine Fallstudie. Das ist der Witz des Films und seine Achillesferse, sein Stolz und sein Makel. Denn auch der Fall Brandon braucht eine Geschichte, die zu der Figur passt, ohne ihre Typik einzuschränken, und da kommt McQueen von Anfang an ins Rudern. Brandon wohnt auf der besseren Seite von Manhattan, er arbeitet in einer Firma, die von der Krise unberührt bleibt, und sein Chef traut ihm nicht zu, dass er die Ferkeleien, von denen die Festplatte seines Computers überquillt, selbst angesehen hat; so weit, so allgemein.
Aber dann verguckt sich Brandon in eine Kollegin (Nicole Beharie), auch sie ist nicht abgeneigt, die beiden verabreden sich in einem Restaurant an der Upper West Side, und auf einmal muss der Film auf konventionelle erzählerische Art zur Sache kommen. Das passt Brandon nicht, der sich wie ein Knabe anstellt, wenn er etwas über sich verraten soll, und es passt auch McQueen nicht, der seinen Helden lieber weiter in der Schwebe lassen will.
Während die beiden also am Tisch sitzen und Banalitäten austauschen, springt die Kamera plötzlich auf die Straße und blickt von außen durch die Scheibe zu ihnen herein, als könnte sie genauso gut eine ganz andere Geschichte erzählen. Das ist die dramaturgische Grundbewegung des Films. McQueen will, dass uns „Shame“ auf andere Art nahekommt als die gewöhnlichen Männergeschichten im Kino, in denen am Ende geheiratet, in die Prärie geritten oder würdevoll gestorben wird; deshalb hält er uns Brandon vom Leib wie ein Seuchenforscher einen ansteckenden Kranken. Wir sollen ihn nicht lieben. Wir sollen ihn fürchten.
Brandons trostlos um Trieb und Abfuhr kreisendes Leben gerät aus dem Takt, als seine Schwester (Carey Mulligan) bei ihm auftaucht - die einzige Frau in „Shame“, die von Brandon nicht als Beute betrachtet wird, sondern als Zumutung. Die Verzweiflung, die sich ihr Bruder in kleinen Dosen verabreicht, trinkt Sissy in großen Schlucken. Dahinter steckt eine Kindheit in der Provinz, die aus den Geschwistern gemacht hat, was sie sind, ohne dass wir mehr darüber erfahren als das Stichwort „New Jersey“. Als die beiden auf Brandons Sofa über ihr Leben zu sprechen versuchen, läuft auf dem Bildschirm im Hintergrund unscharf ein alter Zeichentrickfilm, so verschwommen wie die Herkunft von Brandon und Sissy.
Der Himmel weint für ihn
Was Worte nicht sagen können, verrät die Coverversion des Sinatra-Klassikers „New York, New York“, die Carey Mulligan in einer Cocktailbar mit gedehnter Traurigkeit ins Mikrofon haucht, als sänge sie auf ihrem eigenen Begräbnis. Die einsame Träne, die ihr Gesang aus Michael Fassbenders Auge presst, wäre in einem anderen Film ein Auslöser dramatischer Enthüllungen; hier bleibt sie, wie vieles, im Raum stehen, der in „Shame“ alle Zudringlichkeiten der Story abpuffert. Sissy wird sich, nach einem One-Night-Stand mit Brandons Chef, die Pulsadern öffnen, und ihr Bruder wird wieder in seine Hölle aus bezahlter Lust abtauchen, bis ihn am Ende doch das große Heulen überkommt. Aber selbst da bricht McQueen seinem Pathosversuch die Spitze ab, indem er die Szene im Regen spielen lässt: Der Himmel hat schon für Brandon geweint.
„Shame“: ein seltsamer Fall. Ein Film, der immer wieder über seine eigene Kunstfertigkeit stolpert, wie in den Szenen, die Brandons Nachmittags-Lustpartie in einem New Yorker Hotel zeigen, zuerst im Bett mit seiner Kollegin, dann am Fenster mit einer Prostituierten; da erstickt das überzüchtete Design jede Nähe zu den Figuren. Aber auch ein Film der exzessiven Bilder und großen Momente: Als Brandon nach einer rauschhaften Nacht seine letzten Kräfte mit zwei Prostituierten verausgabt, zucken im Augenblick des Orgasmus die Splitter seines zerbrochenen Daseins über Fassbenders Gesicht - der kleine Junge, der Jäger, der Gequälte, der Kämpfer, der todessüchtige Autist. In einer anderen Geschichte, in einem anderen Universum wäre aus Brandon ein Patrick Bateman oder Raskolnikow geworden, hier aber zerstört er vor allem sich selbst, den Körper, den er so mühsam gestählt hat und den er nun dem ersten Besten zum Faustschlag oder zur Penetration hinhält.
Und noch ein Bild, das bleibt, gibt es in „Shame“: ein Mann im Trainingsanzug mit Kopfhörern, der zu Klaviermusik von Bach durch die nächtlichen Straßen von Manhattan läuft. Vor vierzig Jahren war es Dustin Hoffman, der als „Marathon-Mann“ in John Schlesingers Film so durch die Stadt rannte, zu seinem letzten Zweikampf mit Laurence Olivier. Brandons Gegner aber ist die Kindheit, der er so wenig entkommen kann wie seinem eigenen Schatten. „Wir sind nicht schlecht“, spricht ihm seine Schwester auf den Anrufbeantworter, bevor sie zur Rasierklinge greift. „Wir sind nur von einem schlechten Ort.“ Wo liegt dieser Ort? Und was ist dort geschehen? Davon sollte Steve McQueen erzählen.