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Shakespeare trifft Hip Hop : Du Wischhader! Du Bagage! Du Schlampalie!

  • -Aktualisiert am

Wie wär’s mit einem Battle? Shakespeare und die Hip Hopper von heute haben mehr gemeinsam, als man so denken mag. Bild: dpa

Ein amerikanischer Programmierer hat herausgefunden, dass die Texte einiger Hip Hopper eine größere sprachliche Vielfalt aufweisen als Shakespeare. An dessen Street Credibility und Status als coolster Dichter der Weltliteratur wird das kaum etwas ändern.

          Matt Daniels, seines Zeichens Programmierer aus New York City, hat den Wortschatz berühmter Hip Hopper untersucht und dabei festgestellt, dass einige der Musiker über ein größeres Vokabular als Shakespeare verfügen, Kool Keith zum Beispiel und die CunninLynguists. Aha.

          Zunächst einmal: Kool Keith? CunninLynguists? Nie gehört. Nun muss man fairerweise dazu sagen, dass meine einzige Verbindung zu Hip Hop darin besteht, dass Lil B From The Pack mir auf Twitter folgt (warum ist mir schleierhaft); dass ich bei Jimmy Fellon Justin Timberlakes Mashups „History of Rap in three Minutes“ so gut wie keinen Song erkenne; und dass ich nicht einmal sagen könnte, was denn nun genau der Unterschied zwischen Rap und Hip Hop ist.

          Shakespeare und die Ghetto-Rapper

          Nicht, dass ich irgendwelche intellektuell-versnobten Aversionen gegen Rap oder Hip Hop pflege, es ist einfach nicht meine Musikrichtung. Ich kenne ein paar Linguisten, die von Universitäten dafür bezahlt werden, dass sie sich mit Hip Hop als treibender Kraft der Sprachentwicklung beschäftigen, und ich finde diese Tätigkeit genauso berechtigt wie jene ihrer Kollegen, die sich eher „kanonischer“ Werke der Literatur angenommen haben.

          Aber zurück zum Thema: Diese Hip Hopper haben also ein breiteres Vokabular als Shakespeare. Daniels hat 35.000 Wörter der diversen Künstler analysiert, was drei bis fünf Studioalben der Musiker entspricht, und sieben von Shakespeares Dramen. Dann hat er mithilfe eines Wörterzählers, der die Zahl der verwendeten Worte eines Textes berechnen kann, herausgefunden, wie viele verschiedene im Gesamtpaket der 35.000 auftauchen.

          So weit, so gut. Die alles entscheidende Frage ist: Was will uns Daniels damit sagen? Dass die Rapper sich gewählter ausdrücken als Shakespeare? Dass die Literaturwissenschaftler mit ihren Lobeshymnen auf den Barden (28.829 verschiedenen Wörter in seinem Gesamtwerk!) mal die Kirche im Dorf lassen sollen? Oder vielleicht einfach nur, dass Shakespeare und die Hip Hopper mehr gemeinsam haben, als man glauben möchte?

          Letzteres würde ich jedenfalls sofort unterschreiben. Das ist ja das Erstaunliche an Shakespeare: Dass er sich nicht nur bei ergrauten Wissenschaftlern großer Beliebtheit erfreut, sondern auch bei jungen Leuten, die in den letzten gut 400 Jahren immer wieder festgestellt haben, dass dieser William aus Stratford ein ziemlich cooler Dude war, dessen Punchlines es mit jedem Ghetto-Rapper aufnehmen können.

          Die Mutter aller Punchlines

          Kein Dichter der gesamten Weltliteratur, so scheint es, hat eine vergleichbar hohe Street Credibility wie Shakespeare.  In der extrem erfolgreichen Youtube-Serie „Epic Rap Battles“ durfte Shakespeare gegen Dr. Seuss antreten. Bücher wie „Shakespeare’s Insults: Educating Your Wit” oder “Filthy Shakespeare – Shakespeares most outrageous sexual puns” feiern die Wortgewalt des Dichters abseits des Anständigen.

          Shakespeare hat ja auch einiges zu bieten. „Du taugst für keinen Ort als für die Hölle”, sagt Anne zu Richard („Richard III”). Jaques stellt in „Wie es euch gefällt” fest: „Dein Hirn ist so trocken wie Überrest von Zwieback nach der Reise.“ Und im zweiten Teil von „König Heinrich IV.“ sagt der Page zur Wirtin: „Fort, du Wischhader! Du Bagage! Du Schlampalie! Ich will dir das Oberstübchen fegen!“

          Cooler Dude: William Shakespeare ist nicht nur bei Literaturwisenschaftlern beliebt.

          An der Spitze der Schimpftiraden steht wohl die folgende aus König Lear, die auf das Konto des Grafen von Kent geht: „Ein Schurke bist du, ein Halunke, ein Tellerlecker; ein niederträchtiger, eitler, hohler, bettelhafter, dreiröckiger, hundertpfündiger, schmutziger, grobstrümpfiger Schurke; ein hasenherziger, Ohrfeigen einsteckender Schurke; ein liederlicher, spiegelgaffender überdienstfertiger, geschniegelter Taugenichts; einer, der aus lauter Diensteifer ein Kuppler sein möchte und nichts ist als ein Gemisch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Bastardpetze [im englischen Original: „the son and heir of a mongrel bitch“]; einer, den ich in Greinen und Winseln hineinprügeln will, wenn du die kleinste Silbe von diesen deinen Ehrentiteln ableugnest.“ Da wird so mancher Rapper vor Neid ganz blass.

          Für alle jene, die ebenso stilsicher fluchen wollen die Shakespeare, gibt es das „Shakespeare Beleidigungs-Kit“ und den mit diesem Kit gefüttereten automatischen Beleidigungs-Generator, der auf Mausklick („Beschimpf mich nochmal!“) eine Beleidigung nach der anderen abfeuert.

          Also: Mag sein, dass die Hip Hopper können, was Shakespeare konnte. Shakespeare beherrschte die Königsdisziplin der Hip Hopper, die Beleidung nach allen Regeln der Kunst, jedenfalls mindestens genauso sicher  wie Kool Keith, die Cunninlynguists und Kollegen. Bleibt abzuwarten, ob in weiteren 400 Jahren Zeilen wie „The devil was eating me alive but I climbed out of that sandwich“ (Cunninlynguists) noch bekannt sind, oder ob man weiterhin den alten William auspackt, wenn man sich an die besten Punchlines aller Zeiten erinnert: „Villain, I have done thy mother.“

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