Home
http://www.faz.net/-gqz-74b82
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Shades of Grey Eine literarische Magersuchttherapie

Die Trilogie der „Fifty Shades“ rettet in diesem Jahr die Absatzzahlen des deutschen Buchhandels. Aber was begeistert Millionen Leserinnen jeden Alters an diesem sexuellen Machtspiel?

Jetzt, da der Siegeszug von E.L. James’ „Fifty Shades of Grey“ mit dem abschließenden dritten Band in die Endrunde gegangen ist, sind alle kritischen Reflexe erlahmt. Gegen einen Verkaufserfolg von mehr als dreißig Millionen Exemplaren weltweit scheinen auch politisch wie ästhetisch argumentierende Kommentatorinnen nicht mehr antreten zu wollen. Die Frage, ob der Erfolg der Trilogie wirklich nur auf der latenten Unterwerfungslust scheinbar emanzipierter Frauen beruht und ihre Bereitschaft demonstriert, literarische Qualitätskriterien über Bord zu werfen, bleibt weiterhin ungeklärt.

Um von der These abzurücken, dass die Geschichte von Anastasia Steele und Christian Grey vor allem durch transgressiven Sex fasziniert, muss man ihre Wirrungen und Irrungen nicht bis ans Ende eines Plots verfolgen, in dem sich kosmische Orgasmen mit jener beruhigenden Regelmäßigkeit ereignen, mit der Commissario Brunettis Ehefrau in Donna Leons Venedig-Krimis ihren ermittelnden Gatten kulinarisch bei Laune hält. Massenwirksam wird die Trilogie vielmehr dadurch, dass sie auf geschickte Weise an jene Sphäre geschlechtertypischer gesellschaftlicher Kommunikation anschließt, in der kosmetische und therapeutische Angebote so zugeschnitten werden, dass das Ideal der Selbstoptimierung ein unabschließbares und daher dauerhaft lukratives Projekt bleibt. „Fifty Shades of Grey“ macht Leserinnen, die ihre Leben erfolgreich mit den Endlosschleifen von Diät-, Beziehungs- und Karriereberatung synchronisiert haben, ein dramaturgisch geschickt aufbereitetes Angebot.

Der Held ist auf ansehnliche Weise nachhaltig beschädigt

Im Zentrum dieses Angebots steht ein Held, der nicht allein nach frisch gebügelter Wäsche und teurem Duschgel duftet, sondern auch doppelt traumatisiert ist: Christian Grey verkörpert eine populäre Frauenphantasie, weil er auf ansehnliche Weise nachhaltig beschädigt ist. Die Mission seiner Rettung ist das heroische Erzählziel der Trilogie; es gilt, den kontrollsüchtigen Unternehmer in postkoitalen talking cures mit jenem empfindsamen Jungen zu versöhnen, der einst von seiner cracksüchtigen Mutter aufgegeben und von einer mittelalten Nachbarin verführt wurde. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, lässt die Autorin beide Hauptfiguren populärtherapeutisch so versiert zu Werke gehen, als hätten sie die Probleme von Christians „Prägephase“ bereits auf Oprah Winfreys Studiocouch erörtert.

Anastasia betreibt als Ich-Erzählerin ein Selbstgespräch, in dem sie an Freuds Instanzen erinnernde Autoritäten wie ihr „Unterbewusstsein“ und ihre „innere Göttin“ zu einer munteren Beziehungskommunikation versammelt, an der bei Bedarf auch ihre beste Freundin beteiligt werden kann. Christian qualifiziert sich ebenfalls durch seine Kommunikationswilligkeit. Er rüstet Anastasia mit Laptop, Blackberry und iPod aus und schreibt stilbewusste and anspielungsreiche E-Mails - nur folgerichtig also, dass seine erste elektronische Nachricht eine nahezu orgiastische Wirkung auf die junge Novizin der digitalen Kommunikation ausübt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
F.A.Z.-Leser helfen Aufsteigen mit Mary

Cargo Human Care wagt sich an ein neues Projekt in Nairobi: Die Pläne für das Jugendzentrum sind fast fertig. Eine Sozialarbeiterin freut sich darauf genauso sehr wie die Kinder, die dort wohnen sollen. Mehr Von Christian Palm

08.12.2014, 15:29 Uhr | Aktuell
Im Kino: Tribute von Panem Das singende, schießende Spottvögelchen

Mit Mockingjay - Teil 1 wird die Tribute to Panem-Trilogie fortgesetzt. Der Film ist ein Solo für Jennifer Lawrence, die heutigste aller Heldinnen unserer Zeit. Mehr

20.11.2014, 11:46 Uhr | Feuilleton
Hans Magnus Enzensberger Das Marmorierte im Menschen

Im Gespräch mit seinem jüngeren Ich: Hans Magnus Enzensbergers Erinnerungen an die sechziger Jahre sind höchster Literaturgenuss und ein Meisterstück der Ironie. Mehr Von Andreas Platthaus

07.12.2014, 10:35 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Paddington

Wie man Europa den Pelz wäscht: Der Paddington in Paul Kings Kinderbuchverfilmung gleicht zwar nicht ganz seinem literarischen Vorbild. Aber der sprechende Bär ist trotzdem ein würdiger Held. Mehr

03.12.2014, 15:42 Uhr | Feuilleton
F.A.Z.-Leser helfen Die Mothers kümmern sich drum

Ein Heim in Nairobi hilft Aids-Waisen. Nun sind die ersten Kinder groß, haben ihren Highschool-Abschluss geschafft und müssen auf eigenen Beinen stehen – und Sie können dabei helfen. Mehr Von Christian Palm, Nairobi

15.12.2014, 15:04 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.11.2012, 10:01 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 3 2