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Sexuelle Belästigung : Graf Gatti bittet um Verzeihung

Im Jahr 2016 trat Daniele Gatti seine Position als Chef-Dirigent im Amsterdamer Koninklijk-Concertgebouw-Orchester an. Bild: AFP

Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester hat sich von seinem Chef-Dirigenten getrennt. Daniele Gatti weist die Belästigungsvorwürfe von Musikerinnen zurück. Mit seiner Erklärung redet er sich um Kopf und Kragen.

          Wenn Don Giovanni dem Bauernmädchen Zerlina in A-Dur, bei Mozart oft die Tonart der Verführung, die Hand reicht, nötigt er sie zur gestischen Einwilligung in den hierarchischen Sex. Zerlina weiß, was auf dem Spiel steht: „Vorrei e non vorrei, mi trema un poco il cor“, singt sie, „ich will und will auch nicht, mir zittert leicht das Herz.“ Die Frage der Einvernehmlichkeit von sexuellen Handlungen bei sozialem Hierarchieunterschied ist heikel und für Mozarts Opern zentral. Kaum ein Regisseur beschäftigt sich heute nicht damit, ob Konstanze im Serail nicht doch insgeheim mit Bassa Selim ins Bett will oder ob Susanna, mag sie ihrem Verlobten Figaro gegenüber noch so sehr klagen über die Nachstellungen des Grafen, von ebenjenem Grafen nicht loskommen kann und will.

          Nun sind die Fragen von Einvernehmlichkeit und Hierarchie aktuell wieder welche des Lebens geworden. Zwei Sängerinnen hatten am 26. Juli in der „Washington Post“ dem Dirigenten Daniele Gatti vorgeworfen, sie begrapscht und geküsst zu haben. Nachdem Musikerinnen des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam ähnliche Vorfälle berichteten, hat sich das Orchester mit sofortiger Wirkung von seinem Chef getrennt.

          Er wolle künftig mehr Acht geben

          Gatti sei, so teilt sein Turiner Anwalt nun mit, von diesem Schritt „extrem überrascht“ und weise alle Beschuldigungen zurück. Gerichtliche Schritte erwäge er auch. Nur hatte er auf den Artikel in der „Washington Post“ am 27. Juli bereits mit einer öffentlichen Erklärung reagiert, worin er alle Frauen, „besonders jene, die glauben, ich hätte sie nicht mit dem höchsten Respekt behandelt, den sie sicherlich verdienen, und ihre Würde nicht geachtet, aufrichtig und von ganzem Herzen“ um Entschuldigung bat.

          Er wolle künftig mehr Acht geben auf sein Verhalten und seine Handlungen, damit keine Frau sich unbehaglich fühlen müsse, besonders wenn sie mit ihm beruflich zusammenarbeite. „Es tut mir aufrichtig leid“, steht am Ende der Erklärung, und Gattis Sprecher soll nachgesetzt haben, der Dirigent sei in den fraglichen Fällen von Einvernehmlichkeit ausgegangen.

          Nun hat sich Gatti durch eine solche Erklärung arbeitsrechtlich um Kopf und Kragen geredet. Sie bestätigt die Vorfälle und kann wie ein Schuldeingeständnis gewertet werden. Gedacht war sie offenbar als joviale Begütigung eines Privilegierten, der im menschlichen Sinne Verzeihung erbitten darf, weil er rechtlich nicht belangbar ist. „Contessa, perdono! Perdono! Perdono!“, bittet der Graf in Mozarts „Figaro“ am Ende seine Gattin – nicht übrigens Susanna – um Vergebung für seine außerehelichen Abenteuer.

          Mozarts Utopie beschreibt diese Vergebung als möglich, nur steht sie außerhalb der Rechtsordnung, denn das „Recht der ersten Nacht“ steht dem Grafen ja noch immer zu. Gatti hat sich mit seiner Erklärung die falsche Rolle ausgesucht. Die Privilegien der Grafen, auch des Dirigentenadels, sind abgeschafft. Aber die Frage der Einvernehmlichkeit bleibt heikel.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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