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Veröffentlicht: 15.02.2014, 14:17 Uhr

Sexualität und Gesellschaft Das Ende der Toleranz

Ist das wirklich das Jahr 2014? Ist es wirklich wahr, dass Homosexualität zwar geduldet wird – aber nur dann, wenn Lesben und Schwule möglichst unsichtbar bleiben? Ein paar notwendige Worte zu einem Kulturkampf.

von Stefan Niggemeier
© AP Regenbogenprotest gegen die russische Geschlechtspolitik in St. Petersburg

Johann Wolfgang Goethe hätte der Diskussion gutgetan. Gleich am Anfang der Talkshow von Sandra Maischberger in dieser Woche, als sich die Runde hoffnungslos in der Frage verhedderte, ob man von den Menschen verlangen dürfe, dass sie Homosexualität akzeptieren, oder nur, dass sie sie tolerieren. Die konservative Journalistin Birgit Kelle hatte auf dieser Unterscheidung bestanden und bot Toleranz, aber keine Akzeptanz. Sie müsse bestimmte Dinge hinnehmen, sagte sie, aber sie müsse sie nicht gut finden. Akzeptanz aber würde bedeuten, „dass ich meinen Standpunkt ändern muss“.

Aber dann sollte sie sagen, ob sie die Travestiekünstlerin Olivia Jones „akzeptiert“ oder „toleriert“, und Maischberger stolperte darüber, dass sie nicht wusste, ob sie den als Frau auftretenden Mann nun als „er“ oder „sie“ bezeichnen sollte, und Frau Kelle verwirrte mit dem Satz, sie müsse ja auch andere politische Meinungen innerhalb des demokratischen Spektrums nicht „akzeptieren“, und die kleine Chance, an einem entscheidenden Punkt der Debatte für Klarheit zu sorgen, verpuffte im allgemeinen Durcheinander.

Toleranz muss zur Anerkennung führen

Goethe hätte geholfen. In seinen „Maximen und Reflexionen“ findet sich der Spruch: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Was er meint, hat der Philosoph und Politikwissenschaftler Rainer Forst anhand von Beispielen aus der Geschichte erläutert. Dem Edikt von Nantes etwa, mit dem Heinrich IV. den protestantischen Hugenotten im katholischen Frankreich 1598 religiöse Toleranz gewährte. Das erlaubte ihnen innerhalb enger Grenzen die Ausübung der Religion, machte aber die Ausbreitung des Protestantismus gleichzeitig faktisch unmöglich. Es erkannte die Hugenotten als Staatsbürger an, fixierte aber ihren Status als Staatsbürger zweiter Klasse.

Oder die „Toleranzpatente“ des deutschen Kaisers Joseph II. von 1781, die es drei christlichen Minderheitskonfessionen in den Habsburger Erbländern erlaubten, ihre Religion auszuüben – im Privaten. Ihre Kirchen durften keine Glocken haben und keinen Eingang von der Straße.

Konservative auf den Barrikaden

Diese „Toleranz“ war für die betroffenen Minderheiten ein großer Fortschritt. Sie bedeutete das Ende der Verfolgung. Aber sie zementierte zugleich die Ungleichheit. Rainer Forst spricht von „Inklusion bei gleichzeitiger Exklusion“. Toleranz in diesem Sinne bedeutet, etwas, das man ablehnt, aus pragmatischen Gründen hinzunehmen. Es bedeutet ausdrücklich nicht, es als gleichwertig zu akzeptieren.

Die Begriffe „Toleranz“ und „Akzeptanz“ werden im Alltag so unscharf und austauschbar verwendet, dass der Versuch aussichtslos ist, den Unterschied anhand der Wörter zu erklären. Aber die verschiedenen Konzepte lassen sich sehr klar beschreiben. Konservative wie Birgit Kelle sind bereit, Homosexualität als Tatsache hinzunehmen, und sie sind sogar dafür, dass Homosexuelle nicht mehr verfolgt werden. Aber sie lehnen es scharf ab, Lesben und Schwule und deren Partnerschaften als gleichberechtigt anzuerkennen. Und sie gehen auf die Barrikaden, wenn der Staat den Kindern in den Schulen vermitteln will, dass es „sexuelle Vielfalt“ gibt und dass andere Identitäten als die heterosexuelle nicht minderwertig sind. Sie lehnen es ab, mehr zu sein als tolerant. Und vor allem lehnen sie es ab, dass der Staat es ist oder wird.

Duldung als Beleidigung

Das ist im Kern der Kulturkampf, der da tobt. Die Menschen, die in Baden-Württemberg und anderswo auf die Barrikaden gehen, kämpfen für das Recht, Homosexualität und Homosexuelle „nicht gut“ finden zu müssen (als ergäbe das irgendeinen Sinn). Sie sind oder geben sich insoweit tolerant, als sie Lesben und Schwule nicht mehr verfolgt wissen wollen. Aber sie sagen: Das muss jetzt gefälligst reichen!

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