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Sexualaufklärung in Spanien In eigener Hand

18.11.2009 ·  Spanien streitet um die Sexualaufklärung für Jugendliche: Ist es wichtig, dass sie in Kursen das Masturbieren lernen? Wenn man den Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und sexueller Aufgeklärtheit betrachtet, wirkt die Sache nicht einmal mehr bizarr.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Die alten Klischees werden brüchig. Spanien, bis vor gut drei Jahrzehnten im Doppelgriff von Franco-Diktatur und streng katholischer Morallehre und bis heute als Machokultur verschrien, verschreibt sich unter sozialistischen Regierungen in hohem Tempo sexuelle Freizügigkeit, notfalls auch gegen den Protest derer, die anders empfinden. Während die Abtreibungsdebatte in den letzten Wochen wieder hohe Wellen schlägt und konservative Spanier zu Protestdemonstrationen auf die Straßen bringt, ist der Kampf um die homosexuelle Lebensgemeinschaft längst geschlagen. Männer und Frauen können ihre gleichgeschlechtlichen Partner heiraten und ihre Verbindung „Ehe“ nennen.

Ein Fall aus der Extremadura zeigt in diesen Tagen, dass der öffentliche Umgang mit der Sexualität die Spanier in zwei Lager spaltet. In einer der ärmsten Regionen Spaniens haben das Jugend- und Frauenreferat der sozialistisch geführten Regierung eine 14.000 Euro teure Aufklärungskampagne mit dem Titel „Die Lust liegt in deiner Hand“ lanciert. Sie wendet sich an Jugendliche zwischen vierzehn und siebzehn Jahren und soll mit Broschüren und Workshops Wissen über den respektvollen Umgang mit dem Sexualpartner, die Verhütung von Infektionskrankheiten und ungewollter Schwangerschaft sowie das Abc der Selbstbefriedigung vermitteln.

Masturbation ist Selbsterforschung

Es ist der letzte Punkt, der in konservativen Kreisen für Empörung gesorgt hat. „Die Jugendlichen der Extremadura haben zwar die meisten Arbeitslosen, aber dafür liegen sie bei der Masturbation ganz vorn“, spottete die rechte Publizistin Pilar Rahola in der katalanischen Zeitung „La Vanguardia“. Auch Eltern- und Kirchenverbände kritisierten die Kampagne. Ein Vertreter der oppositionellen Volkspartei (PP) nannte die Aktion der Regionalregierung „Verschwendung“. Die öffentlich finanzierten „Masturbationsworkshops“ seien „ein Attentat auf die Intelligenz der Jugendlichen“. Der intime Umgang mit sich selbst gehöre hinter die eigenen vier Wände.

Sieht man sich die Broschüren und das Unterrichtsmaterial an, mag man sich in der Tat fragen, ob man auf der richtigen Veranstaltung gelandet ist. In den Workshops werden Vibratoren und anderes Erotikspielzeug vorgeführt. Die Instrumente wie auch die Broschüren stellte ein Erotikgeschäft zur Verfügung. Die Behörden verteidigen sich mit dem Hinweis, es gehe um „Gefühls- und Sexualerziehung“ der Jugendlichen, und die „Selbsterforschung“ nehme beim verantwortlichen Umgang mit der Sexualität einen wichtigen Platz ein. Pilar Lucío, Leiterin des Referats Arbeit und Gleichstellung, sagte, sie sei es müde, die Workshops auf das Thema Masturbation reduziert zu sehen. Dieses werde in den zweistündigen Kursen nur kurz behandelt. Bisher haben zweihundert Jugendliche daran teilgenommen; die Resonanz sei positiv.

Der gesellschaftliche Hintergrund der Initiative in der Extremadura wird von den Kritikern tunlichst verschwiegen. Nach neuesten Zahlen der Regierung in Madrid sind bei mehr als vierzig Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt, bei denen das Opfer Polizeischutz benötigt, die Täter unter dreißig Jahre alt. Eine Kombination aus Gefühls- und Sexualerziehung, die zur Achtung des Gegenüber ermuntert, vielleicht sogar Hemmungen und Verklemmungen löst, wäre beim spanischen Mann also durchaus angezeigt. Jedes Jahr sterben in Spanien etwa siebzig Frauen durch die Hand ihrer Ehemänner, Partner oder Expartner. Trotz der Einrichtung von Hotlines und umfangreicher Aufklärungskampagnen ist es noch nicht gelungen, die Zahl der Morde signifikant zu verringern. Es gehe bei der Initiative in der Extremadura auch um Gleichberechtigung, sagt Pilar Lucío. Solange nur Frauen zu Opfern werden, kann davon noch keine Rede sein.

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