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„Sex and the City“ Finale Körperflüssigkeit: Tränen

24.02.2004 ·  In der letzten Folge von „Sex and the City“, die jetzt in Amerika gesendet wurde, laufen die vier Damen zwar nicht geschlossen in den Hafen der bürgerlichen Ehe ein. Dennoch wird alles - unter Tränen - gut. Und konventionell.

Von Matthias Rüb
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Von der recht erträglichen Leichtigkeit des geschlechtlichen Seins, mit der vor sechs Jahren und 94 Folgen die Serie "Sex and the City" begann, ist am Ende nichts mehr geblieben: Wo Sex war, ist jetzt Liebe.

Die letzte Folge der wegen ihrer "Saftigkeit" bald gepriesenen, bald gescholtenen Serie über Leben und Lieben vier junger Frauen in Manhattan, die der amerikanische Kabelsender HBO am Sonntag ausstrahlte, entsprach diesem Prädikat nur in der Hinsicht, daß als Körperflüssigkeit diesmal einzig Tränen vorkamen. Nach allerlei Turbulenzen in der aufgewühlten See sexueller Begegnungen liefen die vier Damen zwar nicht geschlossen in den Hafen der bürgerlichen Ehe ein, aber immerhin in die ruhige Bucht traditioneller heterosexueller Zweierbeziehungen.

Für jede eine dabei

Die "kühle" blonde Samantha (Kim Cattrall), durch Krebs und Chemotherapie erschöpft, glaubt am Ende doch an die monogame Liebe ihres jugendlichen Herkules namens Smith (Jason Lewis), der sich entgegen aller Erwartung und trotz ausdrücklicher Erlaubnis zu sexuellen Nebentätigkeiten für die in die Jahre gekommene einstige Männerfresserin "aufhebt" und damit deren verschüttete Libido wiedererweckt; das ist dann immerhin die einzige Nacktszene der Abschlußepisode mit der fabelhaften Kim Cattrall wert.

Die "kalte" rothaarige Miranda (Cynthia Nixon) richtet sich vollends im Familienleben mit ihrem neuen Ehemann Steve (David Eigenberg) samt Baby Brady und sogar mit der von Alzheimer gezeichneten Schwiegermutter ein, für deren liebevolle Betreuung ihr in Deutschland Leistungen aus der Pflegeversicherung zustünden. Die "warme" brünette Charlotte (Kristin Davis) und ihr reicher, aber kahlköpfiger und dazu untersetzter Harry kriegen nach dem gescheiterten Versuch, über eine Leihmutter an das ersehnte Baby zu kommen, plötzlich doch noch ein Adoptivmädchen aus China - und weinen darüber fast um die Wette.

Die "aufgedrehte" dunkelblonde Carrie (Sarah Jessica Parker) schließlich, temperamentvolle Heroine und Narratorin der Serie, kehrt erwartungsgemäß von ihrem Ausflug nach Paris zurück, wo sie zwar in Restaurants rauchen und auf Bürgersteigen in Hundekot treten darf, sich dafür aber von ihrem egozentrischen Künstler-Liebhaber auf Zeit, Aleksandr Petrovski (Mikhail Baryschnikow), ohrfeigen lassen muß. Die Rückkehr Carries, immerhin eine "all American" Powerfrau, aus einer französisch-russischen Verirrung ins geliebte New York und in die Arme des amerikanischen Geschäftsmannes Mr. Big (Chris Noth) hat hübsche politische Konnotationen, obwohl es dem Chefdrehbuchschreiber Michael Patrick King auch bei seiner Hauptfigur vor allem um die emotionale Festigung gegangen sein dürfte.

Happy End in der Nachspielzeit

Die letzte Folge, deren Inhalt streng geheimgehalten worden war, wurde naturgemäß mit großem Rummel angekündigt. Es wurden sogar mehrere letzte Folgen abgedreht, und nur Autor und Regisseur King wußte angeblich am Ende, welche Variante ausgestrahlt würde. Dazu kamen die obligatorischen Auftritte von Sarah Jessica Parker, die nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Produzentin der Serie war, in diversen Late-Night-Shows und Klatschsendungen. Schließlich gab es vor dem Beginn der letzten Folge, von der üblichen halben Stunde auf 45 Minuten verlängert, eine einstündige Dokumentation über die Serie, in welcher die Selbstbeweihräucherung auf den Gipfel getrieben wurde. Bustouren mit den Fans der Sendungen werden auch nach dem Ende der Serie die einschlägigen Restaurants und Boutiquen in New York mit Konsumenten bedienen.

Gewiß wurden in keiner anderen Fernsehserie die teils lustvollen, teils lustlosen, aber jedenfalls "selbstbestimmten" sexuellen Begegnungen junger urbaner Frauen mit Männern in Wort und Bild so explizit verhandelt wie in "Sex and the City". Daß sich die vier Freundinnen in aller Offenheit über die körperliche und seelische Ausstattung ihrer Geschlechtspartner austauschten und die Männer dabei meist in nicht so gutem Licht dastanden, daß die Dialoge witzig und die Episoden temporeich waren, hat wesentlich zum Erfolg der Serie beigetragen. Und auch dazu, daß sich viele Zuschauerinnen mit einem der vier Rollenmodelle identifiziert haben mochten.

Wie im richtigen Leben

Am Ende gab es dann, wie gesagt, weniger zu lachen und mehr zu weinen. Man mag es als etwas angesäuerte Schlußmoral, ja eigentlich als Verrat am Ideal der lebenslustigen und emotional ungebundenen Single-Frau beklagen, daß alle vier ihre "éducation sentimentale" mit einem festen Partner für Bett und Tisch beendeten. "Vielleicht ist es an der Zeit, daß ich mir klarwerde, wer ich bin", notiert Carrie kurz vor ihrer Rückkehr aus Paris, der "Stadt der Liebe", von deren stark überzuckertem Mythos sich ihr herzlich wenig mitteilt. "Ich bin jemand, der nach Liebe sucht. Nach richtiger Liebe. Nach lächerlicher, unbequemer, anstrengender Nicht-ohne-einander-leben-können-Liebe", faßt sie zusammen.

Das ist, nach einer sechsjährigen Selbstfindungsodyssee in "Sex and the City", in deren Verlauf auch die wirklichen Frauen hinter ihren Rollen älter wurden, eine recht konventionelle Quintessenz. Sie liegt so nahe am Moralkitsch wie am richtigen Leben: Sex ohne Liebe wird eher früher als später öde, Liebe mit Sex aber nie. Wahrscheinlich ist es nur in Amerikas Film- und Fernsehkunst möglich, große Botschaften über die menschliche Existenz selbst in der Dutzendverpackung einer Fernseherie noch glaubwürdig darzustellen und zugleich gut zu verkaufen.

Leinwand, DVD, entschärfte Fassung

Denn mit der Vermarktung des Produkts "Sex and the City" ist es noch lange nicht vorüber, weil bei einer erfolgreichen Serie die letzte Folge immer nur die vorletzte sein kann. Eine Fortsetzung der Geschichte von den vier Freundinnen ist schon in Form eines abendfüllenden Films für die Kinoleinwand geplant - Autor und Regisseur wird wieder Michael Patrick King sein. Eine von Nacktszenen und expliziten Dialogen "gesäuberte" Fassung wird von Juni an auf Sendern ausgestrahlt, die anders als HBO nicht durch ein Abonnement vor dem "Mißbrauch" durch Minderjährige geschützt sind.

Nicht zu vergessen die Vermarktung der Serie auf DVD, an der übrigens die Mitproduzentin Sarah Jessica Parker kräftig weiterverdienen wird, weniger aber die anderen drei Hauptdarstellerinnen. Gegen Ende, so heißt es, hätten die vier im Film so unzertrennlichen "Freundinnen" nach Drehschluß auch kaum mehr miteinander gesprochen. "Sex and the City" ist zum vorläufigen Schluß tatsächlich im richtigen Leben angekommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2004, Nr. 46 / Seite 38
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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