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Veröffentlicht: 23.08.2016, 13:25 Uhr

Die Welt hinter den Apps Überall ist nur noch Silicon Valley

Wer sich mit dem Smartphone auf eine Reise durch Kalifornien macht, sieht auf seinen Apps nur die Erfahrungswelt ihrer Schöpfer und Investoren. Was hat sie mit der Realität vor Ort zu tun?

von Adrian Daub
© dpa Wer die Welt nur mit seinem Smartphone erkundet, verpasst die Realität.

Es ist der Sommer von Pokémon Go. Überall im Silicon Valley und in San Francisco bücken sich die Menschen über ihre Handys und sammeln Pokémons. Das Spiel verursacht Menschenaufläufe an den absonderlichsten Orten. Viele Läden haben die Pokémon-Jäger schon verbannt. Man hört von jungen Menschen, die auf der Pirsch von Autos angefahren oder ins Meer gefallen sind.

Selbst Akademiker spielen mit und schalten sich ein. Evan Kindley, Herausgeber des „Los Angeles Review of Books“, witzelte, Pokémon zeige ja, dass George Berkeley doch recht hatte. Der englische Gelehrte und Bischof behauptete im achtzehnten Jahrhundert, dass Sein Wahrgenommenwerden bedeute (esse est percipii). Die Welt, in der alle uns umgebenden Objekte nach Berkeley nur Verstandesideen sind, die wir in die Welt hinausprojizieren, ist tatsächlich eine zutreffende Beschreibung von Pokémon Go.

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Zur Trenddiagnose taugt Pokémon Go trotzdem nur bedingt. Es ist nämlich nicht so, als würde uns Pokémon Go endlich den langersehnten Vorwand liefern, den Blick nicht mehr vom eigenen Smartphone abwenden zu müssen. Das ging vorher auch schon sehr gut. So sehr ich über die Menschen lächele, die im Bus auf ihren Handys herumwischen, um DuoDuos und Tentacools einzusammeln: Ich lächele und fange an, auf meinem eigenen Handy herumzuwischen, um an Mails zu kommen oder an Nachrichten über Donald Trump.

Pokémon Go bringt ein Risiko auf den Punkt, das vom Rest des App-Arsenals genauso ausgeht, nur eben weniger bunt und verspielt: die Gefahr, dass die Welt, die wir mit unseren Smartphones entdecken, nur die ist, die wir mit ihnen in den Kosmos hinausprojizieren. Bischof Berkeley ist demnach der Säulenheilige des Gadgets.

Man bekommt das heraus, was man hineinsteckt

Das ist der Fluch des Algorithmus: Man bekommt das heraus, was man hineinsteckt. Eine Bekannte schrieb mir vor kurzem auf Facebook, dass Hillary Clinton ganz eindeutig die Vorwahl in New York nicht gewonnen haben könne, denn alle Artikel, die sie auf Facebook sehe, hätten einen Sieg für Bernie Sanders prophezeit, und keiner ihrer Facebook-Freunde habe für Hillary gestimmt. Sie hatte offenbar vergessen, dass die Welt, die Facebook ihr bietet, nur für sie existiert und komplett auf ihre Wünsche und Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Das Handy stülpt anderen Orten eine virtuelle Geographie über. So weit, so bekannt. Ein kleiner Feldversuch im Central Valley Kaliforniens macht jedoch klar, dass diese virtuelle Geographie nicht im Ortlos-Ungefähren wabert. Sie ist vielmehr die Geographie, welche die Designer der verschiedenen Apps vorfanden, als sie aus dem Büro schauten oder während sie von der Arbeit nach Hause fuhren. Die App-Realität ist nicht von der realen Geographie getrennt, vielmehr verwandelt sie jeden Ort in einen Klon Silicon Valleys.

Das Central Valley unterscheidet sich von der kalifornischen Küste in fast jeder Hinsicht: geprägt von der Landwirtschaft, konservativ, arm. Die Belegschaften der Technologiekonzerne, die oft sehr jung und weltfremd sind, kennen nur eine äußerst limitierte Zahl von Ferienzielen. Gleich mehrere von ihnen machen die Durchquerung des Central Valley notwendig. Und so haben die Technologisten, wie Pioniere, ihre Wegmarken und Schatzkarten hinterlassen.

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