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Veröffentlicht: 31.08.2012, 15:00 Uhr

Sensationelle Entdeckung in München Der Fund im Panzerschrank

Um Erwin Panofskys verschollenes Manuskript rankten sich Legenden. 1934 verließ der jüdische Kunsthistoriker Deutschland. Jetzt wurde seine Schrift gefunden - in einem ehemaligen Panzerschrank der NSDAP.

© ZI für Kunstgeschichte Ein Blick in den Tresor: Panofskys Maunskript liegt abgeheftet unten links

Vieles ging im Zweiten Weltkrieg verloren, aber nur einiges davon wurde zur Legende. Von Thomas Manns Romanmanuskript zu „Der Zauberberg“ sagt man, es sei nach Manns Emigration 1933 in die Hände der Gestapo gefallen. Es wurde nie wieder gesehen. Nie gefunden wurde auch Franz Marcs berühmtes Gemälde „Der Turm der Blauen Pferde“ von 1913, nachdem es aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und in den Besitz Hermann Görings geriet. Und auch nach dem Manuskript von Erwin Panofsky, einem der bedeutendsten Kunsthistoriker des zwanzigsten Jahrhunderts, der 1933/34 Deutschland verlassen musste, wurde schon so lange vergeblich gesucht, dass es in der Erinnerung fast phantastische Züge annahm. Von Michelangelo soll das Manuskript gehandelt haben, auf dessen Grundlage der junge Panofsky 1926 in Hamburg zum Professor ernannt worden ist. Er erhielt den Lehrstuhl.

Julia Voss Folgen:

Doch veröffentlicht hat Panofsky dieses Manuskript nicht, es erschien nie als Buch. Abenteuerliche Theorien kursierten, warum es verschwunden sei. Es hieß, es sei bei der Bombardierung Hamburgs 1943/44 vernichtet worden. Eine andere These lautete, Panofsky habe das Manuskript selbst auseinandergeschnitten, um Teile davon in Aufsätzen zu verarbeiten. Kopiermaschinen gab es nicht, das Original wäre damit als Puzzle in die Welt gegangen.

Kein Schicksal, kein Zufall - sondern Absicht

Eine aber hat nie aufgehört zu suchen: Gerda Panofsky, die zweite Frau Erwin Panofsky. Die Kunsthistorikerin, die Panofsky 1966 heiratete, unternahm noch im Juni dieses Jahres den erneuten Versuch, die Habilitationsschrift ihres Mannes zu finden. Was sie nicht wusste, nicht wissen konnte, war, dass sie, wie alle zuvor am falschen Ort suchte. In Hamburg vermutete Gerda Panofsky das Manuskript. In Hamburg hatte Panofsky 1920 die Habilitation eingereicht, in Hamburg lehrte er bis 1933. Nur: Das verloren geglaubte Manuskript lag seit mehr als sechzig Jahren in München. Fest verschlossen in einem Panzerschrank der NSDAP.

Wie kommt das Manuskript eines jüdischen Emigranten in einen Panzerschrank der NSDAP? Gefunden wurde es dort, und auch das hat auf den ersten Blick fast sagenhafte Züge, von jemanden, der nie danach suchte. Wie Parzival die Gralsburg in der Sage nur entdecken kann, wenn er nicht danach sucht, so unverhofft stieß auch der Kunsthistoriker Stephan Klingen in München auf das Manuskript. Damit endet alles Märchenhafte. Denn dass diese Schrift bisher nicht gefunden wurde, war kein Schicksal, nicht einmal Zufall. Es war Absicht. Wie kam das Manuskript also nach München? Hätte man es früher wissen können? Vielleicht.

Portrait Of Erwin Panofsky © getty Vergrößern Der Lehrer: Erwin Panofsky

Im Rückblick scheinen die Spuren so offensichtlich, als ob sie von demjenigen, der die Habilitationsschrift über Jahrzehnte versteckte und hütete, bis er 1978 starb, absichtsvoll ausgelegt worden, als wünschte er sich, dass ihn eines Tages jemand von seinem Besitz, der ihm zur Bürde geworden sein muss, befreite. Erwin Panofsky heißt der Autor. Derjenige aber, der die Arbeit die längste Zeit besaß, hieß Ludwig Heinrich Heydenreich. Von 1946 bis 1970 leitete er das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, in dessen Keller das Manuskript gefunden wurde.

Eine große Lücke wird geschlossen

Insofern gibt es zwei Geschichten, die hier zum ersten Mal rekonstruiert werden: Die eine über das späte Glück dieses herausragenden Fundes. Der Titel der Schrift lautet: „Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“. Wolfgang Augustyn, der stellvertretende Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Vorsitzende des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft zählt „die jahrzehntelang verloren geglaubte Habilitationsschrift von Erwin Panofsky zu den Mythen unseres Faches“. Der unerwartete Fund schließe „eine große Lücke in der Geschichte der europäischen Kunstgeschichte“. Das ist die Geschichte von ihrem glücklichen Ende her gesehen.

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