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Seligsprechung Der gute Hirte leidet für die Schafe

Georg Häfner, ein Pfarrer, der schon zu seiner Zeit unzeitgemäß wirkte, ist heute in Würzburg seliggesprochen worden. Was an Häfners Leben heiligmäßig war, entschlüsselt sein Tod im KZ Dachau.

© Diözesanarchiv Würzburg Vergrößern Die Lagerhaft als Sühne tragen: Georg Häfner, ein ungewöhnlicher Seliger

Wer Selig- und Heiligsprechungen für ein bewährtes Werbemittel hält, mit dem die katholische Kirche die Zugkraft ihrer größten Sympathieträger über deren Ableben hinaus noch einmal kräftig verlängert, mag sich wundern. Am Sonntag wird in Würzburg ein Priester seliggesprochen, der Zeit seines kurzen Lebens kein Publikumsliebling war - und der sich auch über seinen Tod hinaus als wenig marktgängig erwiesen hat. Dabei trägt Georg Häfner das gemeinhin problemlos anerkennungsfähige Gütesiegel eines Nazi-Opfers. Er ist als Regimegegner ins KZ Dachau gekommen und dort im August 1942 verhungert. Doch er hatte sich für seine entscheidende Auseinandersetzung mit dem NS-System ein Thema gesucht, das aus Sicht der Nachgeborenen abseitig wirkt. Ins Lager brachte ihn kein Konflikt um Hitlers Angriffskriege, um Rassenwahn oder Judenverfolgung, sondern einer um Scheidung, Wiederheirat und eine kirchliche Beerdigung.

Sommer 1941: Als Pfarrer des fränkischen Marktfleckens Oberschwarzach lässt Häfner ein todkrankes NSDAP-Mitglied eine Erklärung unterschreiben. Der Parteigenosse deklariert seine zweite, kirchlich nicht anerkannte Ehe „als vor Gott und seinem Gewissen für nichtig“. Und das macht der Pfarrer wenig später auch bei der Beerdigung bekannt. Schließlich muss er begründen, warum der Mann trotz seines Vorlebens ein kirchliches Begräbnis bekommt.

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Dabei hätte der NSDAP-Ortsgruppenleiter so gerne gezeigt, dass auch die Partei einen Toten anständig unter die Erde bringen kann. Wutschnaubend schrieb er an den Kreisgruppenleiter, forderte Bestrafung. Allerdings: Lagerhaft, gar mit tödlichem Ausgang, verlangte auch er nicht. Er schlug vor, den „Pfaffen“ aus seiner schönen Wohnung im Oberschwarzacher Schloss zu werfen, ihm seinen Teil der Scheune und des Gartens wegzunehmen. Dass Häfner stattdessen im KZ landete, mag damit zu tun haben, dass die Partei ihren Druck auf die Kirche ohnehin gerade erhöhte. Eines war den Schergen des Regimes wohl außerdem nicht entgangen. Diesmal hatten sie einen Pfarrer in ihren Klauen, der in seiner Gemeinde wenig Rückhalt hatte.

häfner 02 © Bernhard Schweßinger Vergrößern „In schwerer Kriegszeit 1941 von Pfr. Georg Häfner zum Lobe Gottes in Auftrag gegeben”: Ziborium (Speisekelch zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien) der Pfarrkirche Oberschwarzach

Dem Überirdischen offen, dem Weltlichen verschlossen

Zum Publikumsliebling taugte der im Jahr 1900 in Würzburg geborene Häfner nicht. Schon seine Cousins und Cousinen, so meint man aus ihren 1987 gesammelten Erinnerungen herauszulesen, taten sich manchmal schwer mit dem frommen „Schörschle“, das in den Sommerferien lieber betete, als der Verwandtschaft auf dem Acker zu helfen. Und in der Ahnengalerie seiner Studentenverbindung, der Würzburger Unitas Hetania, hat sein Bild zwar einen großen Ehrenrahmen bekommen, aus dem er streng in den holzvertäfelten Kneipsaal blickt. Doch persönliche Erinnerungen an ihn hat hier niemand überliefert, berichtet der Verbindungsarchivar Fritz Flach.

Anders sieht es immerhin bei den Karmelitinnen im Würzburger Kloster Himmelspforten aus: Schwester Maria Dominica von Jesus Maria zum Beispiel konnte noch Jahrzehnte später von zwei kurzen Begegnungen mit dem Priester berichten, der ihr vor allem durch sein „innerliches Wesen“ aufgefallen war. In ihrem Kloster hatte Häfner einst auch ministriert und 1924 seine erste heilige Messe gefeiert. Ein Gruppenbild hält eine Flachserei fest, die nun fast wie eine Prophetie wirkt: Das Foto zeigt den Jungpriester schon mit Heiligenschein. Grinsende Jungtheologen halten ihm einen Teller hinter den Kopf.

Seine Pfarrkinder in Oberschwarzach - Häfner tritt seinen Dienst dort 1934 an - nahmen ihn mit weniger Humor. Zu verschlossen wirkte auf sie dieser Pfarrer, der so viel Zeit mit dem Beten verbrachte und so wenig Zeit mit den Menschen. „Er war ein Geistlicher, ganz im Übernatürlichen zu Hause, der nach außen eher distanziert wirkte“, so deutet das der Würzburger Domherr Günter Putz, der im Seligsprechungsverfahren Häfners Leben durchleuchtet hat. Trotz Beheimatung im Überirdischen: Der spätere Märtyrer war nicht nur fromm, sondern auch streng. Er neigte zu Schimpfkanonaden. Und er schlug Kinder - heftig, auch nach den Maßstäben seiner Zeit.

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