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Einsturz des Stadtarchivs : Kölns Wunde

Ein Aufruf, der gehört wird? Nach sechs Jahren, soll nun sechs Minuten für die Opfer des Archiv-Einsturzes in Köln geschwiegen werden. Bild: dpa

Verlängerung von Verjährungsfristen, kein Abschluss der Beweissicherung, klaffende Baustellenlöcher: Sechs Jahre ist der Einsturz des Historischen Archivs in Köln nun her. Und es wird sich Zeit gelassen – in jeder Hinsicht.

          An diesem Dienstag ist wieder Jahrestag: Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv ein, das Gedächtnis der Stadt versank in der U-Bahn-Baustelle am Waidmarkt, zwei junge Männer kamen ums Leben. Sechs Jahre danach findet am Krater eine Gedenkaktion statt: „6 Jahre Archiveinsturz – 6 Minuten Schweigen“. Mehr als ein Häuflein Aktivisten der Initiative Archivkomplex wird sich, so steht zu erwarten, nicht einfinden, und um 13.58 Uhr werden die Kirchenglocken läuten.

          Seit dieser Katastrophe ist nichts mehr, wie es war in der größten Stadt am Rhein, und die Auswirkungen werden noch lange schmerzen. Denn alle Nachrichten über den Verlauf der Aufarbeitungen sagen eines: Es wird länger dauern, noch länger, viel länger. So wurde 2014 die Verjährungsfrist aufgehoben, damit die Verantwortlichen, sofern sie überhaupt ermittelt werden, noch zur Rechenschaft gezogen werden können. Die Beweissicherung, deren Abschluss schon mehrmals in Aussicht gestellt wurde, verzögert sich weiter; noch immer konnten die Taucher nicht bis zu der Stelle vordringen, wo der Schaden in der Außenwand der Baugrube vermutet wird.

          Eine klaffende Wunde mitten in Köln: Die Einsturzstelle des Stadtarchivs heute.

          Die Restaurierung der Archivalien, dreißig Regalkilometer insgesamt, die zu neunzig Prozent gesichert sind, wird mindestens dreißig Jahre beanspruchen. Der Neubau am Eifelwall, der doch 2015 bezogen werden sollte, wird nicht vor 2019 fertiggestellt sein. Und die Nord-Süd-Bahn, die ursprünglich Ende 2009, neun Monate nach dem Unglückstermin, eröffnet werden sollte, wird frühestens und optimistisch gerechnet 2023 die Gesamtstrecke befahren können. Beschlossen wurde ihr Bau, um die Fahrt vom Hauptbahnhof in die Südstadt, Ab- und Aufstieg in der Haltestelle nicht mitgerechnet, um acht Minuten zu verkürzen. Wie viele solche Zeitersparnisse in diese, wenn es dabei bleibt, vierzehn Jahre passen, wurde noch nicht ermittelt, und wie lange die rechtlichen Auseinandersetzungen dauern werden, wenn die Anklage erst einmal erhoben ist und die Prozessparteien sich gegenüberstehen, kann noch niemand beantworten. Nun wurde, ganz und gar gegen den Trend, bekannt, dass die „Teilinbetriebnahme“ der Haltestellen südlich der Severinstraße schon im Dezember und nicht erst Mitte 2016 erfolgen kann. An der Einsturzstelle aber wird die Verbindung unterbrochen bleiben: eine Wunde im Stadtkörper, die als Mahnung offen bleibt.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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