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© Larissa Sansour/Soren Lind

Zeitgeschichte aller Welten

Von DIETMAR DATH

12. Juni 2017 · Die Ausstellung „Into the Unknown“ im Londoner Barbican Centre öffnet sämtliche Möglichkeiten der Science Fiction.

Bomben fallen in der Wüste – kein Sprengstoff, sondern Keramik. Die Erzählerin sagt: „Very few raptures are instanteneous“ – sehr wenige Entrückungen geschehen augenblicklich. Das Publikum, das in einem abgedunkelten Filmsaal des Londoner Barbican Centre auf dem unbestuhlten Boden hockt, versteht die Behauptung richtig, wenn es sie persönlich nimmt: Für die Ausstellung, die derzeit diese Videoarbeit von Larissa Sansour und Søren Lind zeigt, muss man sich Zeit nehmen, dann wird man belohnt, mit Entrückung, aber nicht augenblicklich.

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© Larissa Sansour, Søren Lind

„In the Future They Ate From The Finest Porcelain“ heißt der neunundzwanzigminütige Film, der zu Sansours weit verzweigtem Projekt einer Geschichtsschreibung des Möglichen statt des Tatsächlichen gehört – es geht um den Versuch, Spuren einer nie gewesenen Zivilisation in einem desolaten Gebiet (man darf denken: dem Nahen Osten) zu vergraben, um die Geschichte umzuleiten wie einen Fluss. Der Strom trägt politische Absichten; man muss die betreffenden Positionen der Künstlerin weder kennen noch teilen, um seinem Verlauf fasziniert zu folgen. Derzeit führt ihn seine Selbstbewegung durch die Schau „Into the Unknown: A Journey through Science Fiction“ in Londons größtem Kultur– und Tagungsgebäudekomplex Barbican Centre, die Patrick Gyger, der Direktor des Zentrums für Gegenwartskunst und -musik Le Lieu Unique in Nantes, und die Ausstellungsentwicklerin Laura Clarke kuratieren.

Zwischen der Sansour-Vorführkammer und dem höhlenartigen Zentralgang „The Curve“, wo die ausstellungsbestimmende Komposition aus Dokumentation, Film und Literatur untergebracht ist, passiert man einen hohen Spiegelpolyeder, der an Raymond Roussels mit Kryptowasser gefüllten Illusionsdiamanten aus „Locus Solus“ (1914) erinnert. Das Ding heißt „Orbital Reflector (Diamond Variation)“ und wurde im Auftrag des Barbican von Trevor Paglen aus Aluminium und Stahl geschaffen; ein künstlicher Erdbegleiter, den man vom Boden aus mit bloßem Auge sehen könnte, wenn er in einer der Standard-Satellitenbahnen seine Kreise zögen. Im zweiten Kellergeschoss des weitläufigen Baus schreibt ein Roboter von Conrad Shawcross mit Licht sprachlose Gedichte auf stanzlochverzierte vertikale Himmelsplatten. Die Werke von Sansour, Paglen und Shawcross sind ums Historische arrangiert, das sich in der Schaukurve mit ihren zahlreichen hallenartigen Unterbrechungen zeigt, zu gequantelten Einlasszeiten, damit man einander nicht auf die Füße tritt. Vor der Tür wird man unterrichtet, die Passage nehme etwa 45 Minuten in Anspruch – wenn man sehr kursorisch hinschaut und hinhört, mag das stimmen, der Rezensent hat aber an zwei Tagen je drei Stunden in der Anlage verbracht und ist sicher, dabei immer noch einiges verpasst zu haben.

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© Barbican Centre

Mit Saurierkitsch und Jules Verne geht es los; Modelle von Nemos U-Boot „Nautilus“ und Roburs Luftschiff „Albatros“ befriedigen Kinderneugier, daneben beweist ein Mondreisen-Romananfang von Vernes eigener Hand durch Ziffern am Rand, dass der Autor es mit dem Nachrechnen in seiner Kunst genauer nahm als der Massengeschmack, dem die Schau mit Darth Vaders Helm und einer H.-R.-Gigerschen „Alien“-Monsterecke so weit entgegenkommt, wie sie wohl muss. Das Kuratorenduo weiß jedoch, dass Science-Fiction zwar von Film, Fernsehen, Comics popularisiert wurde, im Kern aber Text ist.

Deshalb liegen hier Kostbarkeiten der Genreliteraturgeschichte aus: Olaf Stapledon, Großbritanniens genialer Epiker der evolutionären Tiefenzeit, die uns Menschen zu Menschen gemacht hat und uns eines Tages zu etwas anderem machen wird, hatte offenbar, erkennt man nicht ohne innere Bewegung, eine entzückende Kinderschrift, die merkwürdigerweise wie eine aufgeräumtere Variante der gehetzten Klaue von Karl Marx aussieht. Stapledons Landsmann Brian Aldiss ist mit zwei Seiten aus der Phantasie „Supertoys Last All Summer Long“ vertreten, auf deren Grundlage Spielbergs „A.I.“ (2001) entstand. Wer die Korrekturen und Revisionen auf dem Aldiss-Typoskript untersucht, sieht eine hypnotisch karge Sprache auskristallisieren, sich straffen, endlich Feuer fangen. Eine andere Vitrine führt vor, wie sich das beste Buch von John Brunner circa 1968 Stein um Stein ins Uferlose selbst zusammensetzte: „Stand on Zanzibar“, ein Roman, in dem das ökologische Weltgleichgewicht kippt, während Amokläufe einzelner Terrorverblendeter sich häufen und ein Computersystem namens Shalmaneser (statt „Google“, klingt ja auch besser) auf jede Frage eine Antwort ausspuckt.

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©Youtube/Archiv John Brunner, der darüber redet, was Science Fiction ist und warum er eigentlich nicht dazugehören will.

Der außer mit solchen Schätzen vor allem als dichtes Arrangement von Büchern hinter Glas und Lesungen per Kopfhörer umgesetzte Literaturschwerpunkt von „Into the Unknown“ reicht über die Schau selbst hinaus; in Kooperation mit dem Barbican hat der Verlag Penguin eine Reihe von SF-Klassikern mit neuen Umschlägen von Jamie Keenan publiziert: Wells, Burgess, Shelley, lauter Material, das wohl auch in der persönlichen Bibliothek des science-fiction-kundigen Jorge Luis Borges stand, aus der man in der Kurve unter anderem eine von Terry Carr herausgegebene Anthologie präsentiert, deren Titel die Ausstellung übernommen hat. Dass das Ausstellungskonzept folglich den Ehrentitel „belesen“ verdient hat, bedeutet keineswegs, dass es den erweiterten Resonanzraum des Genres zwischen Fernsehunterhaltung, Computerspiel und künstlerischer Avantgarde ausspart: Wer das Barbican Centre vom Silk Street Exit her betritt, wird auf Großbildschirmen mit der Episode „Fifteen Million Merits“ (2011) des formatsprengenden BBC-Serienprojekts „Black Mirror“ konfrontiert, wer von der anderen Seite her kommt, muss an einer Videoprojektion der wie aus Eisbrocken geschnitzten audiovisuellen Collage „Encore II: Radioactive“ (2004) vorbei, die Isaac Julien nach Motiven der schwarzen Science-Fiction-Schriftstellerin Octavia Butler geschaffen hat.

In kurvenexternen Nischen kann man das Computerspiel „Half-Life 2“ spielen; ein Kinoprogramm an mehreren Sonntagen der Ausstellungslaufzeit macht Neugierige mit unzureichend berühmten Werken wie Jindrich Polaks schon auf der letzten Berlinale wiederentdecktem Wunder „Ikarie XB-1“ (1963) oder Koji Shimas „Uchûjin Tôkyô ni arawaru“ (1956) bekannt.

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© Totalfilm „IKARIE XB-1“, 1963 von Jindřich Polák

Diese Filme stammen wie das meiste in der Schau zwischen Afrofuturismus, Jazzgeschichte (Sun Ra!), Architekturzeichnungen und Chris-Foss-Gemälden allesamt von Menschen – anders als „Sunspring“ (2016), ein neunminütiges Kuriosum von Oscar Sharp und Ross Goodwin, die ein lernfähiges elektronisch-neuronales Netz mit Filmen wie „Alien“ (1979), „Tron“ (1982) und „Moon“ (2009) gefüttert haben, auf die es sich dann einen Reim machte, den man mit willigen Humaneinheiten verfilmt hat. Das Ergebnis wirkt wie von Christopher Nolan nach einer Überdosis Erkältungssirup ersonnen, also sehr gut. Bei aller kuratorischen Originalität und Umsicht, die „Into the Unknown“ verrät, lässt sich ein kleiner Einwand gegen das Prinzip der thematischen (statt etwa: chronologischen) Ordnung der Hauptschau (nach Rubriken wie Weltraumfahrt, Katastrophen oder Robotik) allerdings nicht unterdrücken: Samuel R. Delanys Roman „Dhalgren“ (1975) neben irgendwelche Erdbeben- und Flutkatastrophenschmöker ins Regal zu stellen ist ein bisschen so, als würde jemand ein „Dallas“-Skript neben Uwe Johnsons „Jahrestage“ (1970 bis 1983) legen (Familienerzählungen!), oder Joyce’ „Finnegans Wake“ (1923 bis 1939) neben einen Rübezahlband (Riesen!).

  • © Barbican/Katalog Ein Film über die fiktive Raumfahrt Sambias: Frances Bodomos „Afronauts“ aus dem Jahr 2014
  • © Picture-Alliance „2001: Odyssee im Weltraum'“, 1968 von Stanley Kubrick
  • © Picture-Alliance „Krieg der Sterne“, 1977 von George Lucas
  • © AKG Berlin Das Unterseeboot „Nautilus“ aus dem Film „20.000 Meilen unter dem Meer“, 1954 von Richard Fleischer nach dem Roman von Jules Verne aus dem Jahr 1870 gedreht.

Je weiter wir uns als Kulturkreis historisch von den spezifischen Fortschritts- und Untergangsaussichten entfernen, die klassische Science-Fiction der Menschheit eröffnen wollte – sagen wir: von Hugo Gernsback bis William Gibson, von 1920 bis 1990 –, desto klarer wird, dass das anhaltende Interesse an dieser Sorte Fiktion nicht nur ein stofflich-thematisches ist. Es ging und geht um mehr, nämlich darum, neues Wissen zu ästhetisieren, bevor es uns die Ästhetik austreibt – naturwissenschaftlich-technisches nämlich, wo nicht Götter oder das Schicksal, sondern kühle Gleichungen regieren. Kann man noch phantasieren, wo sich dieses Wissen in allen sozialen Verkehrsformen (nicht zuletzt: der Warenform) geltend macht? Man kann’s, wenn man Kunst kann – das sagt die Science-Fiction, deren Entrückung (um Larissa Sansours Kategorie hier wiederaufzunehmen) dem erzmodernen Übel der Entfremdung widersteht. Denn wo keine persönliche Gottheit, kein je eigenes Schicksal mehr walten, sondern anonyme Mächte (etwa die Gravitation oder das Kapitalverhältnis), droht das Individuum aus der Welt zu fallen, und die Abwehr dieser Gefahr der Weltlosigkeit durch das Erfinden anderer Welten hat nicht nur die Science-Fiction, sondern allerlei Pop-, Jugend- und Subkulturen motiviert, die das kulturhistorische Gesicht der jüngeren westlichen (und dann bald: globalen) Zeitgeschichte prägten: Nehmt Drogen! Hört Captain Beefheart oder Ornette Coleman! Lest Joanna Russ oder Greg Egan! Werdet seltsam! Erlebt die letzten Minuten von Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ (1968)! Das apollinisch-klinische Vernunftlicht, in das Kubrick einige der merkwürdigsten Szenen jenes Films getaucht hat, steht heute nicht mehr zur Verfügung – was Moderne war, verdämmert und verdunkelt sich. So ist die Beleuchtung auch in „Into the Unknown“ eher schummrig – Die wunderschöne Rakete aus dem Film „Destination Moon“ (1950) scheint hinter Glas zu schlafen, wenn man das von Maschinen sagen darf.

In der medialen Begleitmusik zur Ausstellung wird trompetet, es wäre die bislang größte zu ihrem Gegenstand. Das ist einerseits eine Übertreibung: Es gibt sowohl von der Öffentlichkeit einsehbare literarische Sammlungen als auch dekorative Filmrequisiten-Spektakel und Säle voll bildender Kunst zur Sache, die mehr Material bieten. Das Lob für „Into the Unknown“ als Quantitätsrekord untertreibt aber auch: Warum muss etwas das Größte sein, was in seiner Art derzeit vor allem das Beste ist? Wenn die Zukunft demnächst noch länger zurückliegt, mag diese Ausstellung übertroffen werden. Einstweilen sollte man den Augenblick nutzen, weil hier Erstaunliches geschieht: Entrückung, in aller Ruhe.

„Into The Unknown“. Barbican Centre, London, Vom 3. Juni bis zum 1. September 2017. Der Katalog kostet 35 Pfund. Barbican Centre, Silk Street, London.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 09.06.2017 13:27 Uhr