08.03.2010 · Nicht nur Voltaire, auch bedeutende Schweizer investierten in den Sklavenhandel und wurden damit reich. Heute macht man um das Thema lieber einen großen Bogen. Nun fordert ein Kritiker wenigstens die Umbenennung eines Berggipfels.
Von Jürg AltweggSie ist ein Binnenland und hatte keine Kolonien. Ihre Mythen sind die Berge und die Banken. Aber am transatlantischen Sklavenhandel hat die Schweiz mitverdient, bevor sie zum Paradies für Schwarzgeld wurde. Dieses schwarze Kapitel ihrer Wirtschaftsgeschichte wird seit einem Jahrzehnt aufgearbeitet. Der Prozess setzte nach den Auseinandersetzungen um den Verbleib jüdischer Vermögen aus dem Krieg ein. Sklaven arbeiteten auf Plantagen, die Schweizern gehörten. Schweizer besaßen Anteile an Gesellschaften, die mit Sklaven handelten.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte sich – noch im Elan der Kriegsbewältigung – die Regierung zu den Sünden bekannt und den Sklavenhandel verurteilt. Doch inzwischen geht alles etwas schleppender. Schließlich drohen keine Sammelklagen amerikanischer Anwälte und keine Millionenforderungen. Und die Banken kämpfen, um das Bankgeheimnis zu verteidigen. Weil das für die Gegenwart sehr schwierig geworden ist, versuchen sie es für die Zeit vor seiner Einführung 1934. Die Konten amerikanischer Kunden wurden den Behörden ihres Staates gemeldet. Doch bei der eidgenössischen Prominenz, die im achtzehnten Jahrhundert in den Sklavenhandel investierte, wird es nicht gelockert.
Umbennung eines Berggipfels gefordert
Unter anderen geht es um den damaligen Bürgermeister von Zürich, Johann Jakob Leu. Er starb zehn Jahre vor Voltaire, der heute als engagierter Kritiker des Sklaverei gilt, aber einen Teil seines großen Vermögens ebenfalls mit dem Menschenhandel verdient hatte. Leu war nicht nur Politiker, er begründete die Privatbank Leu, die heute der Credit Suisse gehört. Seine Nachfolger in der Stadtregierung haben die Bank längst aufgefordert, die Archive zu öffnen. Deren Weigerung mit dem Hinweis auf ein Bankgeheimnis für Tote hat selbst die „Neue Zürcher Zeitung“ als „etwas eigenartig“ empfunden.
Mit Leus Vergangenheit beschäftigt sich der Historiker und Kabarettist Hans Fässler, der manchmal allzu eifrig vorgeht. Fässler schrieb zum Beispiel an die Behörden von Chicago, die nur mit Unternehmen arbeiten, die ihre kolonialistische Vergangenheit aufgearbeitet haben. Dieser historische Prozess hat kürzlich den berühmten Naturforscher und Sklavenhalter Louis Agassiz erreicht. Nach Agassiz ist ein Gipfel im Jungfraugebiet benannt. Eine Petition fordert, dass dieser Berg künftig den Namen jenes Sklaven tragen soll, mit dem Agassiz seine Rassentheorie illustrierte: Rentyhorn. Die Umbenennung wäre ein weltweit hörbares Signal gegen das Verbot der Minarette.