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Schweiz Leidgenossen

 ·  Von allen guten Geistern und Freunden verlassen, irrt die Schweiz durch die Weltgeschichte. Libyens Machthaber Gaddafi fordert jetzt die Auflösung des Landes. Die Sprachregionen sollen den Nachbarländern zugeschlagen werden.

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Jetzt ist sie wohl endgültig verloren. Von allen guten Geistern und Freunden verlassen, irrt die Schweiz durch die Weltgeschichte. Auf die graue Liste der Steuerparadiese wurde sie gesetzt. Bankgeheimnis ade. Ausgerechnet zum Jahrestag des Kriegsbeginns, den sie 1989 als einziges Land der Welt mit „Diamantfeiern“ ihrer Wehrhaftigkeit zelebriert hatte, wird sie von einem üblen Diktator gegängelt und gegeißelt.

Während Europa die rettende Aufnahme Polens feiert, zelebriert in Libyen Gaddafi den vierzigsten Jahrestag seiner Machtübernahme. Zu den Feierlichkeiten gehört ein Nervenkrieg gegen die Schweiz. Der Aufstieg des einst als Terrorist verfemten Tyrannen in die Respektabilität erfolgte parallel zum Niedergang der Schweiz. Sie war im Gegensatz zu ihm nicht beim G20. Im Steuerparadies fließt kein Erdöl. Gaddafis Zorn hat die Schweiz mit der vorübergehenden Verhaftung seines Sohns vor einem Jahr in Genf ausgelöst. Die geschlagenen Dienstboten hatten die Polizei gerufen. Gaddafi schwor Rache und drohte mit der Atombombe. Gelder wurden abgezogen, Geiseln genommen, Hähne zugedreht.

Ausgerechnet der als Landesverräter verschriene Jean Ziegler, ansonsten regelmäßig Gast bei den Revolutionsfeiern Gaddafis, „der alle meine Bücher gelesen hat“, flog dieser Tage nicht nach Tripolis: Boykott eines Patrioten. Man hatte schon gedacht, dass ihm der Genosse die Geiseln zum Triumphzug nach Hause mitgeben würde. Unverrichteter Dinge war zuvor Bundespräsident Merz von seinem Canossagang in die Wüste zurückgekehrt. Später schickte er nochmals den Jet der Regierung. Längst sind alle Forderungen der Erpressung erfüllt, Entschuldigung für die Verhaftung inklusive. Aber die Geiseln noch immer nicht frei. Jeden Tag legt Gaddafi nach.

Jetzt fordert er von den Vereinten Nationen die Auflösung des Landes. Die Sprachregionen sollen den Nachbarländern zugeschlagen werden. Offenbar kennt er die wunden Stellen und Schwächen der Schweiz besser als deren Diplomaten und Regierung die Zustände in Libyen. Als es um die Judengelder und Steuerflucht ging, konnte sich die Welt eine gewisse Schadenfreude über den Sündenfall der Musterschüler im Alleingang durch die Geschichte nicht verkneifen. Inzwischen erzeugt deren außenpolitische Hilflosigkeit nur noch Mitleid.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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