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Schwarzenegger auf Reisen Wenn 1,3 Milliarden Chinesen ihre Träume entfesseln

17.11.2005 ·  Die muskulöse Verkörperung des amerikanischen Traums spricht in Peking: Arnold Schwarzenegger ist auf brisanter Mission - und kämpft für den Schutz des geistigen Eigentums.

Von Mark Siemons, Peking
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Wer hätte gedacht, daß Hollywood einmal nach China gehen muß, um sich selbst zu behaupten. So aber stehen die Dinge, wenn Arnold Schwarzenegger („Terminator“) in seiner Eigenschaft als kalifornischer Gouverneur jetzt - noch vor Präsident Bush - durch die Volksrepublik reist und für den Schutz des geistigen Eigentums streitet.

Denn dabei steht zumal für Hollywood viel auf dem Spiel: Amerikanische Unterhaltungs- und Technologiefirmen verlieren durch die chinesischen Raubkopien jährlich acht Milliarden Dollar. Repräsentanten von Walt Disney, Rupert Murdoch und achtzig weiteren Unternehmen reisen mit. In Hongkong will Schwarzenegger zusammen mit Jackie Chan für die gute Sache kämpfen, und in Peking gab er schon ein feierliches Bankett in der Großen Halle des Volkes, für das jeder der vierhundert mitessenden chinesischen Geschäftsleute umgerechnet fünfzigtausend Euro ausgeben mußte, wenn er zuvor denn überhaupt ein Eigenkapital von fünf Millionen Euro nachweisen konnte.

Der Schmerz bringt ihn weiter

Jetzt aber steht er an einem Pult der Tsinghua-Universität, einer der angesehensten des Landes. Etwa zweihundert zuvor ausgeloste Studenten, die meisten sehr jung und alle sehr gesittet, sitzen in den rosa bezogenen Polstersesseln. Schwarzenegger lädt die Studenten nach Kalifornien ein („ein Land voller Möglichkeiten“) und fängt dann gleich an, sein Leben zu erzählen: von Beginn an große Hoffnungen und noch größere Enttäuschungen. Seine Karriere als Gewichtheber und Bodybuilder startete schleppend. Doch dann habe er gemerkt, daß der Schmerz ihn weiterbringt. Er habe seinen Körper, seine Einstellung und seinen Geist verändert, habe das österreichische Dorf, in dem er aufgewachsen war, verlassen und sei nach Amerika gegangen.

Schwarzenegger besucht China

Bis dahin hätte man Schwarzeneggers Rede als nahtlose Fortsetzung seiner Hollywood-Mission verstehen können, als operettenhafte Exemplifizierung des amerikanischen Traums am eigenen Leben. Doch dann kommt ein Satz, den man auch anders verstehen kann: „Auch Sie können sich verändern, China kann sich verändern, alles in der Welt kann sich verändern.“ Bevor es jedoch allzu heikel wird, geht es weiter in der Biographie: Er wurde Mister Universum, wurde Filmstar, wurde Gouverneur. Und warum? Weil er an seinen Träumen festgehalten hat. Und deshalb kommt wieder so ein Satz: „Halten Sie an Ihren Träumen fest! Geben Sie niemals auf!“

Der Traum, anderen zu helfen

Je länger Schwarzeneggers Rede dauert, desto mehr entpuppt sie sich als Meisterleistung des subtilen Themenwechsels. Chinas Wirtschaft, sagt er nun, sei ein Motor für den menschlichen Fortschritt, von dem auch Amerika nur profitieren könne, eine Nation übrigens, die an die Macht jedes einzelnen glaube. Rosa Parks zum Beispiel, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen frei zu machen, habe damit eine Bürgerbewegung ausgelöst, die das Ende des rassistischen Systems einläutete. Auf jeden einzelnen kommt es an. „Stellen Sie sich vor, was erreicht würde, wenn die Träume von 1,3 Milliarden Chinesen entfesselt werden könnten.“ Doch bevor das als Aufforderung zum Umsturz gedeutet werden kann, spricht er über den Traum, anderen zu helfen. Freundlicher, aber nicht überschwenglicher Beifall.

Jeder der Appelle läßt sich politisch deuten. Aber so muß man es nicht verstehen. Die Studenten ziehen es vor, Schwarzeneggers Worte allein als Aufforderung zum Selbstmanagement zu deuten, und fragen danach, wie einem das sportliche Training bei der Arbeit hilft. Als sich ein Politikstudent danach erkundigt, welche Gemeinsamkeiten es gebe zwischen einem Filmstar und einem Gouverneur - man könnte auch sagen: zwischen Politik und Kino -, antwortet Schwarzenegger: „Beide müssen in Tuchfühlung sein mit dem, was die Leute wollen.“ Das läßt sich als das Prinzip von Hollywood verstehen, für das Schwarzenegger der geborene Verteidiger ist. Aber eben auch als demokratisches Credo.

Quelle: F.A.Z., 17.11.2005, Nr. 268 / Seite 36
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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