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Schulbildung : Zuviel Hitler und zuviel Heinrich

Bloß keine Geschichte?! Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die britische Erziehungs- und Prüfungsbehörde beklagt Mängel und eine „Hitlerisierung“ des Geschichtsunterrichts in den Schulen. Das Fach werde dominiert von den Tudors und den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Bei einem Land, das sich derzeit in so hohem Maße seiner Identität besinnt wie Britannien, verwundert es um so mehr, daß es immer wieder Grund gibt, die Mängel des Geschichtsunterrichts zu beklagen. Das fängt damit an, daß Geschichte nach dem vierzehnten Lebensjahr kein Pflichtfach mehr ist, so daß einem erschreckend hohen Anteil der Bevölkerung elementarste Kentnisse fehlen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Einer Umfrage zufolge wissen 29 Prozent der Erwachsenen nicht einmal, daß der offizielle Name der königlichen Familie Windsor ist, bei den Fünfzehn- bis Vierundzwanzigjährigen liegt die Zahl wesentlich höher, wie denn überhaupt jüngere Briten über ihre Geschichte weit weniger im Bilde sind, obwohl ihre Schulzeit kürzer zurückliegt.

          „Hitlerisierung“ des Geschichtsunterrichtes

          Dieser Tage hat die Erziehungs- und Prüfungsbehörde beklagt, daß Geschichte in den Grundschulen ebenso wie in den Sekundarschulen zunehmend vernachlässigt wird: Schuld ist die Auffassung, daß das Fach für das künftige Berufsleben vieler Schüler von geringer Relevanz sei. In einem von neun Jahresberichten über die Schwerpunktfächer des Lehrplans hat die Behörde unter anderem die „Hitlerisierung“ des Geschichtsunterrichtes in der Sekundarstufe bemängelt und ihre „wachsende Sorge“ über die Verengung der Themen zum Ausdruck gebracht, allerdings nicht ohne dem Zeitgeist gemäß einzuwenden, daß der „Beitrag schwarzer und anderer ethnischer Minderheiten zur britischen Vergangenheit“ unterbewertet werde.

          Das Geschichtsfach werde dominiert von den Tudors, inbesondere Heinrich VIII., und den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts. Diesem Trend zur verfrühten Spezialisierung werde Vorschub geleistet durch die Aufteilung der Prüfungskurse in „mundgerechte“ Einheiten, die „zur Fragmentierung des allgemeinen Lernprozesses“ führe und die Zeit für breiteres Lesen und Nachdenken verkürze.

          Kaum daß sie ihre Kritik an „zuviel Hitler und zuviel Heinrich“ veröffentlicht hatte, wartete das Lehramt mit Empfehlungen für einen Kurs auf, der den Horizont von Schülern zwischen elf und vierzehn Jahren über die zwölf Jahre der Hitler-Diktatur hinaus erweitert und die deutsche Nachkriegsgeschichte in einen Zusammenhang stellt mit den Erfahrungen anderer europäischer Staaten und dem europäischen Intergrierungsprozeß: „Wie Deutschland den Weg von der Trennung zur Einheit gegangen ist“.

          „Britskrieg“

          Die Ereignisse der Zeit zwischen 1933 und 1945 würden zu Recht stets auf dem Lehrplan stehen, sagte Ken Boston, Leiter der Prüfungsbehörde, doch müßten Schüler lernen, daß „die deutsche Geschichte nicht mit dem Tod Hitlers zu Ende ist“. Boston erhofft sich von der Fußballweltmeisterschaft 2006 ein verstärktes Interesse der Schulen an Deutschland, wie es heute ist. Die Lehrer aber werden sich schwertun, gegen die alten Klischees und Vorteile anzukommen.

          In Sachen Fußball-WM hat der „Sun“ schon die erste Salve losgelassen: Unter der in gotischer Schrift gesetzten Schlagzeile „Britskrieg“ empörte sich die Zeitung darüber, daß ferngesteuerte Mini-Panzer angeblich zur Ausspähung britischer Rowdies eingesetzt werden sollen. Der Bericht war mit Bildern von Hitler und Rommel illustriert.

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