09.08.2001 · Heute nimmt in Meißen das bundesweit erste staatliche Gymnasium für Hochbegabte seinen Unterrichtsbetrieb auf.
Von Thomas Reinhold, MeißenImmer wieder muss in den Medien Lessing als Vorbild herhalten: Der Dichter und Literaturtheoretiker ist der berühmteste Schüler Meißens. Dort hat sich die ehemalige Fürstenschule Sankt Afra zum bundesweit ersten staatlichen Gymnasium für Hochbegabte entwickelt. Am Donnerstag beginnt der Unterricht.
Vermutlich ist es kein Zufall, dass die innovative Schule, die intensives Lernen mit dem Leben im Internat verbindet, 260 Jahre nach Lessing nun in einem der neuen Bundesländer eröffnet wird. Gründungsrektor Werner Esser, der von der privaten Schlossschule Salem am Bodensee ins sächsische Elbland gekommen ist, lobt die Verantwortlichen seiner neuen Wahlheimat: „Nirgendwo sonst ist in Deutschland Bildungspolitik so systematisch vorangetrieben worden wie in Sachsen.“
„Hier fehlt Selbstzufriedenheit“
Zur Erklärung bemüht Esser aber nicht nur mögliche historische Wurzeln in der gezielten Eliten-Förderung der DDR - einer Selektion, die in den 20 sächsischen Gymnasien mit besonderem Profil, etwa für Sportler oder begabte Naturwissenschaftler weiterlebt. Denn auch andere Länder bieten Fachprofile oder das Überspringen einzelner Klassen an. Der Schulleiter nennt einen anderen Grund: „Hier fehlt eine bestimmte Art der Selbstzufriedenheit.“
Mit diesem Charakterzug hätten auch die Schüler in dem mehrtätigen Bewerbungsverfahren in Sankt Afra keine Chance gehabt. Was von ihnen erwartet wird ist ein hohes Maß an Intelligenz, Kreativität - und sozialer Kompetenz. Deshalb passte es den Jugendlichen auch nicht, „schnell als Streber abgestempelt“ zu werden, wie es die 14-jährige Sophie Rost an ihrer alten Schule erlebt hat, weil sie den Unterrichtsstoff nach einer von vier Stunden schon kapiert hatte oder sich selbst in ihrer Freizeit mit Chemie beschäftigte.
„Wenn die Klasse nichts will, schaffst du auch nichts“
Auch der 16-jährige Christoph Kuhlmann ist froh, endlich unter engagierten Gleichgesinnten zu sein. Er hatte die Nase voll von einer Null-Bock-Haltung vieler Mitschüler, die „im Unterricht lieber mit dem Handy telefoniert“ hätten, statt über den Stoff zu diskutieren. „Wenn du in deiner Freizeit Goethe liest, bist du bei vielen voll der Schwachkopf“, klagt er über die Isolation - und erzählt, dass er sich Sorgen um seine eigenen Leistungen gemacht habe. „Das ist wie Mannschaftssport, wie ein Spitzenfußballer bei Unterhaching. Das zieht dich runter.“ Sophie bestätigt: „Wenn die Klasse nichts will, schaffst du auch nichts.“
Diese Sorgen werden sich die 96 Kinder und Jugendlichen, die meisten aus Sachsen, in den beiden siebten und zehnten Klassen nun nicht mehr machen müssen. Doch damit sie hoch über Stadt in der ehemaligen Fürstenschule nicht abheben, wird ihnen Zurückhaltung und Bescheidenheit nahe gelegt. Schulleiter Esser ist vorsichtig mit dem Begriff der Elite, der zu häufig mit elitär gleichgesetzt werde.
Elite - ein schwieriger Begriff
In Sankt Afra spricht man lieber von Mehrfachbegabungen und lobt den Bildungshunger der Jungen und Mädchen. Zwar stimmt Esser ausdrücklich zu, wenn Kultusminister Matthias Rößler (CDU) sagt, in Meißen werde „die künftige Elite Sachsens ausgebildet“, aber das sei nur die strategische Komponente. Schon aus psychologischen Erwägungen wehrt er sich dagegen, die Schüler pauschal als „die Elite“ zu bezeichnen. Eaton an der Elbe? Zu platt, der Vergleich. „Rundgelutschte“ Etiketten mag der Schulleiter nicht.
Die ungewöhnlich jungen Lehrer und Lehrerinnen, im Durchschnitt eher 30 als 40 Jahre alt, die ihre besondere Eignung und Motivation eigens in einem Assessment-Center unter Beweis stellen mussten, wohnen zum Teil mit auf dem Campus. Acht Mentoren sollen die Persönlichkeit der Kinder fördern, weitere sechs vor allem deren intellektuelle Entwicklung. Ein Vorgehen mit Hintergrund: „Das akademische Verhalten beginnt bei den Afranern früher“, sagt Esser.
Selbstständigkeit fördern
Der Stundenplan gliedert sich in Grundlagen- und Vertiefungswissen, um den Schülern größere Selbstständigkeit zu ermöglichen. In der siebten Klasse stehen Lerntechniken im Vordergrund, die achte führt ins wissenschaftliche Arbeiten ein. Die neunte Klasse wird einen naturwissenschaftlich technischen Schwerpunkt setzten, in der zehnten soll ein Teil des Unterrichts auf Englisch sein.
Solch ein forderndes Förderprogramm ist nicht einmal elitär teuer. Ganz in der Tradition der aufklärerischen Fürstenschule soll es gute Bildung für alle geben. Sachsen bezahlen für die Unterbringung im Internat rund 300 Mark im Monat, Auswärtige 600. Begabte Bedürftige müssen nur 200 Mark aufbringen. Salem, prominentes Beispiel einer privaten Internatsschule, verlangt 3.800 Mark.
Millioneninvestition des Freistaats
Am Geld kann das ehrgeizige Projekt also nicht scheitern. Bis 2004 investiert der Freistaat 85 Millionen Mark in das Gebäude, und auch Privatleute haben Unterstützung angeboten. Für die vielen Pianisten unter den Schülern hat die Schule zum Beispiel fünf nagelneue Klavier bekommen - kostenlos als Dauerleihgabe. Die Startbedingungen erscheinen ideal, zum Lampenfieber gesellt sich die Euphorie. Der Erfolg des jüngsten Experiments in der deutschen Bildungslandschaft scheint also programmiert. Bleibt nur eine Bremse Essers: „Es wäre vermessen, nur lauter kleine Lessinge ausbilden zu wollen.“