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Veröffentlicht: 03.08.2013, 15:21 Uhr

Schuhdesign-Ausstellung in Leipzig Elegant zum Affen gemacht

Eine Fußleidenschaft wird auf den Kopf gestellt: Das Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst zeigt zweihundert Künstlerentwürfe für Schuhe. Tragbarkeit ist dabei kein Kriterium.

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© Grassimuseum Tiere sehen dich an: Gwen Murphy sorgt mit ihrem MOdell „Planet of the sneakers“ für Affenliebe

Am Anfang war das Tier. Aus ihm machte der Mensch sich Schuhe. Unter anderem. Doch während die Nutzung, man könnte auch sagen: der Missbrauch von Tieren sich in vielerlei Hinsicht modifiziert hat, ist der Grundstoff für die Schuhproduktion meist noch immer Leder. Das ist ein wichtiges Thema für einige der hundertfünfzig Künstler, die auf Anregung des Grassimuseums für Angewandte Kunst in Leipzig und der Niederländerin Liza Snook, die 2005 ein virtuelles Schuhmuseum ins Leben gerufen hat (www.virtualshoemuseum.com), Entwürfe für Schuhe ihrer Wahl gemacht haben. Die Ergebnisse sind jetzt zu beschauen - und teilweise zu beschauern.

Andreas Platthaus Folgen:

Iris Schieferstein arbeitet als Künstlerin generell mit toten Tieren. Für Leipzig hat sie einen höllischen hochhackigen Damenschuh namens „Angel Heart“ gestaltet, der als Absatz ein Bocksbein nachbildet und an der Spitze in einem echten Bockshuf ausläuft. Roxanne Jackson hatte für ihre „Hoof Heels“ dieselbe Idee, umhüllt die Knöchel der Trägerin aber noch mit Fellstulpen. Maulwurfshäute und Hasenpfoten sind als Materialien zu finden, aber weitaus häufiger ist die ironische Gestaltung, wie beim gestrickten Mäuseschuh von Sarena Huizinga oder bei den zauberhaften Rhinozerosschnürschuhen von Lie van der Werff, die das so begehrte Horn des Tiers aus Porzellan nachbildete.

25359553 „Cow girl“ von Iris Schieferstein © Virtual shoe museum Bilderstrecke 

Am radikalsten aber wendet sich das britische Künstlerpaar Mariana Fantich und Dominic Young gegen die hergebrachte Materialgewinnung. Sie drehen kurzerhand den Spieß um und besohlen ihren „Apex Predator Shoe“ dicht an dicht mit menschlichen Backenzähnen: Natürlich ist es kein Zufall, dass der „Fleischfresserschuh“ eines der wenigen Männermodelle in der Ausstellung ist. Ansonsten dominiert klar das klassische Muster des hohen Absatzes, und dies bevorzugt, wenn Künstlerinnen sich als Gestalter betätigten. Die Männer sind weniger fixiert: Olaf Nicolai hat das Modell eines amerikanischen Sportschuhherstellers als riesiges aufblasbares Objekt nachgebildet und damit die Marketingbezeichnung „Air“ wörtlich genommen. Das ist der zweite von nur drei eindeutigen Männerschuhen im Reigen der fast zweihundert Entwürfe.

Doch der übliche High-Heels-Fetischismus kommt nicht zur Geltung angesichts des Vergnügens, das etliche der ausgestellten Entwürfe machen. Ob es die Besenschuhe der Uruguayerin Sol Alonso sind, die das klassische Klischee der Hausfrau buchstäblich auf die Spitze treiben, oder die schöne Idee des venezianischen Glaskünstlers Luigi Bona, seine Aschenputtelschuhe aus den Bruchstücken von Cola-Flaschen zusammenzusetzen und sie mittels Einschmelzungen doch noch zu wahren Prinzessinnenaccessoires zu adeln.

Tragbar ist so etwas natürlich genauso wenig wie die aus Silberbesteckteilen geformte „Cutlery“ von Lauren Johnstone oder gar die mit zwei Kilo Stecknadeln, die ihre Spitzen nach innen richten, gespickten Pumps von Erwina Ziomkowska. Da war Lauren Luna mit ihren verwandten „Pinhead Shoes“ vorsichtiger: Deren Nägel richten sich nach außen und treten neben dem spitzen Absatz als Waffe auf.

Gebrauch ist relativ

Es gibt aber auch Schuhe, die durchaus für den Gebrauch gemacht sind, und es muss gar nicht einmal die in Japan so populäre Berliner Manufaktur Trippen sein, die hier als einziger namhafter Hersteller vertreten ist - mit „Dream“, der sich über die Bondage-Elemente der Schnürung als eher zwiespältiger Traum erweist. Ari Choklat aus Finnland hat ein Herrenmodell mit schwarzen Federn drapiert, und Elena Savchenko aus Odessa hüllt ihre Damenschuhe in weißen Taubenflaum. Der dürfte allerdings ebenso kitzlig an der Haut sein wie die Strohschuhe der Belgierin Tabitha Gwyn Osler.

Völlig untragbar wirken zwei Entwürfe aus Japan: die hölzernen Kugelformen von Yu Otaki und die mit getrocknetem Algenbrei überzogenen vasenartigen Stiefel von Daisuke Horie, die das bewusst grobe Erscheinungsbild japanischer Teekeramik aufnehmen. Beide sind aber trotz ihres klobigen Äußeren mit ergonomisch ausgefeilten Fußbetten ausgestattet und dürften somit gesünder zu benutzen sein als Beatriz Espinosas elegante Stiletti im Origami-Look. Und wer die geräumigen Puschen von Egidijus und Remigijus Praspaliauskas aus Litauen trägt, hat immer etwas zu essen dabei; die Brüder haben ihr Modell aus Brot geformt.

Ja, es gibt viel zu lachen hier. Und noch mehr zu staunen. Dass die Ausstellung sich zum größten Publikumsrenner des Grassimuseums seit langer Zeit entwickelt hat, kann bei ihrem Thema nicht verblüffen. Wohl aber, wie wohltuend selbstironisch das Gros der Entwürfe geworden ist.

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