Home
http://www.faz.net/-gqz-70h8p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Schufa & Facebook Kredit auf Daten

Die Schufa wollte die Nutzung von Informationen aus Social-Media-Netzen wie Facebook, Twitter und Xing erforschen lassen. Der Rückzieher folgte schnell. Aber wo bleibt die Grundsatzdebatte?

© dapd Vergrößern Facebook auf dem Weg zu neuen Geschäftsfeldern?

Die ohnehin nicht eben positiv beleumundete Schufa sah sich dieser Tage unangenehmer Aufmerksamkeit ausgesetzt. Sie wollte vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam erforschen lassen, wie die systematische und flächendeckende Nutzung von Informationen aus Social-Media-Netzen wie Facebook, Twitter und Xing die sogenannte Datenqualität des Bestandes des größten deutschen Lebensdaten-Horters verbessern könnte. Dass das privat finanzierte Uni-Institut nach allseitiger Empörung einen Rückzieher machte, zeugt immerhin von einem Rest an Sensibilität gegenüber der öffentlichen Meinung bei den Verantwortlichen.

Dass die Schufa-Forschung ausgerechnet am HPI stattfinden sollte, passt ins Bild. Dessen Leiter, Prof. Dr. Christoph Meinel, vertritt durchaus nachdrücklich die Ansicht, dass in Zukunft jeder Mensch im Internet eindeutig identifizierbar und damit überwachbar sein sollte - er sich also zukünftig nur noch mit einem amtlich vergebenen Nummernschild im Datenverkehr bewegen darf. Mit der Einführung des neuen Internetstandards IPv6, so die von keinerlei Freiheitsgedanken getrübte Logik, ließe sich dies technisch problemlos umsetzen. Jeder Internetnutzer würde seine IPv6-Adressen, die nötig sind, damit etwa Computer oder Telefon im Netz erreichbar sind, nur gegen Vorlage eines Personaldokuments fest zugeteilt bekommen.

Mehr zum Thema

In dieser schönen neuen Welt der universellen Identifizierbarkeit wären dann laut Meinel - im Nebenjob Vorsitzender des an der Uni Potsdam gegründeten Deutschen IPv6-Rats - alle Sicherheitsprobleme verschwunden. Dank der Rückverfolgbarkeit sämtlicher Daten könnte die Industrie noch viel tollere und treffgenauer zugeschnittene Angebote unterbreiten. Dass Kriminelle und staatliche Cyberkrieger immer Wege finden werden, sich um eine etwaige Identifizierungspflicht herumzumogeln, ficht die Vision des industriebezahlten Professors nicht an.

Die „wissenschaftliche“ Logik der nun aufgekündigten Schufa-Zusammenarbeit funktionierte auf ähnliche Weise. Mehr Informationen über das Individuum anzuhäufen, es „besser zu verstehen“, ist in dieser Denkart per se erstrebenswert. Risiken und Nebenwirkungen werden mit der angeblichen „Ergebnisoffenheit“ der Forschung pariert.

Geheimnisvoll berechneter Scoring-Wert

Die Schufa ist schon jetzt der Datenhorter mit dem größten Einfluss auf das Alltagsleben der Deutschen. Rechtlich gesehen verschaffen weitreichende Privilegien im Datenschutzgesetz der Schufa und ihren Konkurrenten eine legale Basis: Kommerziell Daten über Menschen zu horten, zu handeln und zu scoren ist nur anrüchig, aber nicht illegal. Mit der Rechtfertigung, dass die Wirtschaft in der Lage sein müsse, die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden zu beurteilen, wird eine Vielzahl von Datenpunkten erfasst und geheimnisvoll zu einem sogenannten Scoring-Wert zusammengerechnet, der auch darüber entscheidet, ob man einen Mietvertrag, eine Lebensversicherung, einen Telefonanschluss oder Autokredit bekommt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Digitaler Bilderstreit Der Krieg in der Handfläche

Teilen oder Nichtteilen? Durch die Verbreitung von Bildern in sozialen Netzwerken werden Zivilpersonen zu Kriegsteilnehmern an der Medienfront. Welche Verantwortung trägt der Internetnutzer? Mehr

16.09.2014, 06:23 Uhr | Feuilleton
Danke für die Daten!

Was ist peinlicher – seine Privatsphäre verschenken oder zugeben müssen, dass man keine Ahnung hat, was Facebook alles über uns weiß? Mehr

07.07.2014, 14:56 Uhr | Feuilleton
Facebook gegen Twitter Investor: Bei Twitter wird zu viel gekifft

Twitter wird schlecht geführt, vielleicht rauchen die Manager zu viel Gras, wirft Facebook-Investor Peter Thiel dem Kurznachrichtendienst vor. Zahlen zeigen anderes. Mehr

17.09.2014, 16:41 Uhr | Wirtschaft
Ein lautstarkes Atomkraft nein Danke in Taipeh

Zehntausende Menschen haben am Sonntag in Taiwans Hauptstadt Taipeh gegen den Ausbau der Atomkraft demonstriert. Dabei kam es zu Ausschreitungen und Festnahmen. Ein vierter neuer Atomreaktor soll nun nicht gebaut werden. Mehr

28.04.2014, 15:57 Uhr | Politik
Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin Diese Frau will alles ändern

Somayya Jabarti ist die erste Chefredakteurin Saudi-Arabiens. Seit März leitet sie die Tageszeitung Saudi Gazette - und muss vor jeder Reise ihren Mann um Erlaubnis fragen. Ihre Ziele bestimmt sie selbst. Mehr

19.09.2014, 22:41 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.06.2012, 19:21 Uhr

Amazon steckt im Kampf um höhere E-Book-Rabatte zurück

Von Andreas Platthaus

Im Streit mit den deutschen Verlagen der Bonnier-Gruppe hat Amazon eingelenkt. Von ihrer Unbeugsamkeit sollte ein Signal ausgehen über die deutschen Grenzen hinaus. Mehr 5 5