Das Stück beginnt mit einem Haftungssauschluss. „Wenn der Besitzer eines Pharmaunternehmens, das in die Krise geraten ist, den Tod auf den Schienen sucht, macht er sein Ende zum letzten Akt einer Tragödie. Und uns macht er damit, ob wir es wollen oder nicht, zu deren Zuschauern.“ So schreibt Burkhard Spinnen es in der „Süddeutschen Zeitung“. Und derart abgesichert will sich der Schriftsteller nicht in den Psychiater des toten Unternehmers verwandeln, denn das wäre ja „Voyeurismus, Besserwisserei und moralische Überheblichkeit“, sondern in dessen Dramatiker.
Spinnen literarisiert Adolf Merckle, als könnte er sich damit unangreifbar machen; er stellt ihn auf eine Bühne und steckt ihn in ein Kostüm, das allerdings sofort zu identifizieren ist. Er meint, Motive eines Gegenwartstheaters zu erkennen und in Merckle den „Repräsentant der Unmöglichkeit, richtig zu leben“. Und hält es dann für ein „Angebot“, in Metaphern über den toten Unternehmer zu mutmaßen, auf das man nur eingehen muss. Er denkt sich, all das gefahrlos tun zu können, denn Merckle habe sich ja schließlich selbst auf diese Bühne gestellt und zu einer „Figur“ gemacht. So beginnt er dann also zu interpretieren und zu urteilen, über Scheitern, Schuld und Selbstbilder.
Es drängt sich doch so auf!
„In diese Verlegenheit bringen einen alle Tragödien“, schreibt Spinnen; aber das ist keine Dramaturgie, es ist die Logik des Kernerschen Fernsehtalks. Auf der einen Seite ist da eine öffentliche Figur, auf der anderen sitzt jemand und behauptet, in die überaus unangenehme Verlegenheit gebracht worden zu sein, jetzt all diese Fragen stellen zu müssen. Aber ich frage ja nur, ich mache ja gar nichts! Es drängt sich doch so auf! Ich kann es nicht verhindern, ich müsste mir beide Hände auf den Mund drücken, um nicht laut herauszuschreien! Und wenn ich den Mund dann doch öffne, bin ich nur Medium. Wie es dem wirklichen Merckle gegangen ist in den letzten Jahren - das, so gesteht Spinnen dann auch noch, wisse er gar nicht; aber er könne und dürfe sich diese Tragödie durchaus vorstellen. Wenn er außer „dürfe“ auch noch „müsse“ gesagt hätte, wäre es eine echte Notdurft.
Jedenfalls spielt sie nicht im wirklichen Leben, sondern in Spinnens Kopf. Und dort, im Kopf, kann man sie dann „lesen“. Darum geht es am Ende: Man will ja immer dringend etwas darüber lesen, wenn sich jemand das Leben nimmt. Man könnte allerdings auch wegsehen - am Gafferstau auf Autobahnen ist nicht der Unfall schuld. Oder man könnte auf das andere Angebot eingehen und schweigen, so groß die Nachfrage auch ist.
Der Tragöde
Gerhard Leipert (Trepiel)
- 10.01.2009, 13:18 Uhr