http://www.faz.net/-gqz-7rndz

Schriftsteller Boris Pahor im Gespräch : Was ein Hundertjähriger zu erzählen hat

  • Aktualisiert am

Die Leidenschaft eines Hundertjährigen: Boris Pahor wurde 1913, als Angehöriger der slowenischen Minderheit, in Triest geboren. Bild: Hubert Spiegel

Der Autor Boris Pahor war Häftling in Bergen-Belsen und möchte nun die Erinnerung an die Opfer mit einer Ausstellung lebendig halten. Ein Gespräch über sein Leben und die Zukunft.

          Sie haben in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Kranz niedergelegt und anschließend beklagt, dass Europa immer noch so gut wie nichts über die Lager wisse. Historiker forschen seit Jahrzehnten darüber, und es gibt die Bücher der Überlebenden: Ihre Bücher und jene von Imre Kertész, Jorge Semprun, Primo Levi und vielen anderen. Hat all das nichts genutzt?

          Es hat etwas genutzt, allerdings nicht überall in demselben Maße. Italien zum Beispiel hat keine Gedenkstätten und Erinnerungsorte wie Deutschland. Orte wie die Gedenkstätte Neuengamme sind ungeheuer wichtig, aber in Italien gibt es leider keine vergleichbare Kultur der Erinnerung. Als die Italiener im Februar 1941 Ljubljana besetzten, ohne einen Schuss abzugeben, errichteten sie sofort die sogenannte Provinz Laibach, in der sie dann bis zu ihrer Kapitulation sechs oder sieben Konzentrationslager betrieben. Das Hauptlager war auf der Insel Rab, das war das schlimmste Lager, es sind dort mehr Menschen gestorben als in Dachau. Aber die offiziellen Stellen tun so gut wie nichts dafür, die Erinnerung an diese Greueltaten lebendig zu erhalten.

          Jetzt erinnert die Ausstellung, die Sie in der Gedenkstätte Neuengamme eröffnet haben, an diese Verbrechen.

          Was damals in den italienischen Lagern geschah, ist schlimmer, als die Ausstellung zeigen könnte. Es gibt Erinnerungsstücke, das bestickte Taufkleidchen für ein im Lager geborenes und dann auch gestorbenes Kind etwa, und das ist sehr bewegend. Und doch vermittelt es keinen angemessenen Eindruck von den Greueltaten, die dort verübt wurden. Vielleicht ist das auch eher Sache der Literatur. Der Dichter Igor Gruden hat Gedichte darüber geschrieben, dass sterbenden Kindern im Lager das Essen weggenommen wurde, weil diejenigen, die es ihnen stahlen, weiterleben wollten. Mütter haben die Kadaver ihrer eigenen Kinder im Stroh versteckt, um deren Essensrationen zu bekommen.

          Wo waren Ihre Gedanken, als Sie den Kranz vor dem Ehrenmal in Neuengamme niederlegten?

          Ich habe mich vor den Toten verneigt und dies in dem Bewusstsein getan, dass es vor allem politische Häftlinge waren, die hier ermordet wurden, Menschen, die sich den Nazis widersetzt haben. Die politischen Häftlinge waren in den Augen der Nazis Schuldige - schuldig, weil sie gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten. Also wurden sie wie Schuldige behandelt. Im Krankenlager, wo ich eine Zeitlang gearbeitet habe, wurde zwar nicht systematisch gemordet, aber es kam vor, dass man einem Häftling Luft injizierte, damit sein Bett frei wurde. Das schlimmste Verbrechen im Lager war Diebstahl. Dafür kam man ins Gefängnis, das heißt, man wurde in eine Kiste gesperrt, in der man sich kaum bewegen konnte. Jede Form der Rechtsprechung im Lager musste natürlich etwas Absurdes an sich haben, aber es war eine wichtige Methode, um das System funktionsfähig zu erhalten. Man wusste, was einem drohte: Wer beim Appell einschlief, bekam 25 Stockhiebe. Wer drei Tage ins Gefängnis musste, konnte das überstehen. Wurde strafverschärfend die Essensration gestrichen, konnten diese drei Tage Haft eine Sache auf Leben und Tod sein.

          Sie haben Ihre Erlebnisse in mehreren Büchern verarbeitet. Welche Hoffnungen und Erwartungen waren damit verknüpft?

          Weitere Themen

          „Si“ für mehr Autonomie Video-Seite öffnen

          Volksabstimmung in Italien : „Si“ für mehr Autonomie

          In den italienischen Regionen Lombardei und Venetien haben sich zahlreiche Bürger in einer Volksabstimmung für mehr Autonomierechte ausgesprochen, etwa in der Steuerverwaltung. Aus den beiden relativ reichen Regionen fließt viel Geld in den ärmeren Süden.

          „Das Problem sind die Monokulturen“

          Artenvielfalt : „Das Problem sind die Monokulturen“

          Ausgeräumte Landschaften und einige Herbizide schaden Insekten, dabei sind die Tiere wichtig für die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen zum Insektensterben.

          Hand in Hand gegen Madrid Video-Seite öffnen

          Katalonien : Hand in Hand gegen Madrid

          Nach der angekündigten Machtübernahme durch die spanische Regierung wollen sich die Befürworter der Unabhängigkeit dem Druck nicht beugen. Tausende haben in Barcelona gegen die Pläne Madrids demonstriert.

          Topmeldungen

          Cyber Valley : Warum Amazon ins Schwäbische zieht

          Bei Stuttgart entsteht eine große Forschungskooperation für schlaue Computer. Angesagte Unternehmen machen mit – nun auch der weltgrößte Internethändler. Und nicht nur mit einer jährlichen Millionen-Überweisung.

          Streamingdienst : So analysiert Netflix seine Nutzer

          Die Online-Videothek gibt Milliarden für Eigenproduktionen wie „Stranger Things“ aus. Deshalb wird der Erfolg dieser Serien minutiös geplant. Und der Geschmack der Zuschauer ganz genau durchleuchtet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.