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Schreibwerkstatt “Mein Zuckerfräulein!“ “Meine Schmetterlingslarve!“

Wir eröffnen die „Schreibwerkstatt“, ein Forum für angehende und erfahrene Autoren, die sich mit ihren Gedanken einem monatlich wechselnden Thema anschließen möchten. Ein Essay aus der Berliner U-Bahn zeigt, wie es gehen kann...

© dpa Vergrößern Berlin - U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park am Potsdamer Platz

Am Handy kommt niemand vorbei. Das Objekt zeigt nicht nur, was gerade angesagt ist, es wirft zudem ein neues Licht auf Evolution und Geschlechterfrage. Nirgends wird dies so deutlich wie in der Berliner U-Bahn. An einem Samstag kurz vor Mitternacht zeigt die Welt der Imagination am deutlichsten, wie nah sie an der Wirklichkeit vorbeirauscht. Vor allem auf der Strecke von Tegel nach Tempelhof.

Alles fängt mit den Kids an, die immer in der U-Bahn herumhängen. Lautstark wird die nächtliche Gang zusammengerufen: “Hey Alter, wo steckst du?“ Meist sitzt er in einem anderen Abteil des gleichen Zuges. Gemeinsam begleiten sie die U-Bahn wie eine Mafia ohne Auftrag.

Im Wedding, da wo die neue Mitte nicht ankommen will, steigen dunkle Gestalten in die Waggons. Breitbeinig setzen sie sich auf die Bänke. Ihre Hände legen sie schützend auf ihr Geschlecht. Männer wie diese, die Samstagnacht alleine öffentliche Verkehrsmittel benutzen, zeigen, was sie sind: Auf der Suche. Ihre Augen von Sehnsucht gerötet.

Kaum aber wird der Wedding verlassen, wird die Kundschaft mondäner. Jeder zweite Mann hält nun ein Handy zwischen den Beinen. SMS werden in alle Welt - zumindest aber bis zur nächste Ecke - verschickt. Genau da, wo die Habenichtse nur ihre Hände haben, prangt nun ein Sender. Ein Mann, der ein Handy hat, ist nicht allein. Statt dessen ist er auf dem Weg. Er kommt. Ja, er ist sogar gleich da.

Nationale Unterschiede fegt das Handy leichtfertig hinweg. Ob Russen, Türken, Bonner, Jugoslawen, Amerikaner ... das Klingeln macht alle gleich. Sofort wird reagiert. Das Handy bringt an den Tag, was Berliner immer schon wussten: In jedem Menschen schlummert ein preußisches Gehorsamkeits-Gen. Selbst zwischen Friedrichstraße und Kochstraße ist das so. Für kurze Zeit nämlich brechen an diesen Stationen vornehme Attitüden durch. Sogar kurz vor Mitternacht steigen hier wichtige Leute ein. Kaum sind sie im Zug, klingelt es. Mit der linken Hand holen sie die Telefone aus den Jackettasche, registrieren die Nummer und drücken den Knopf mit der Abwesenheitsnotiz. Der Anrufer kann gerade an Herzversagen sterben, die Aktien des Angerufenen ins Endlose fallen, Etikette muss sein. Selbst, wenn erst durch die Handys das wahre Ausmaß der Linkshändigkeit deutlich wird.

Da sind die nun zusteigenden Kreuzberger zu loben. Sie stehen immer lauthals Rede und Antwort. Große Geheimnisse werden offenbart: “Der Oskar ist doch der Vater von dem Kleinen, aber sag es Max nicht!“ So was wechselt ab mit Liebeserklärungen: “Mein Zuckerfräulein!“ “Meine Schmetterlingslarve!“

Um der Lautstärke, mit der schon die tiefsten Geheimnisse preisgegeben werden, doch noch einen Rest Intimität abzuringen, entwickeln Handynutzer ganz neue Körperhaltungen. Spiralig drehen sie ihren Kopf in vermeintlich schützende Ecken zwischen Fenster und Rückenlehne, zwischen Ecke und Tür. In der dadurch gefundenen Nische glauben sie sich ungehört. Wie kleine Kinder, die sich die Hände vor die Augen halten und dies für Tarnkappen halten, so schrauben sie sich in sich zusammen. Die Evolution wird diese Körperhaltung in Zukunft durch entsprechende Muskelausbildungen honorieren.

In Tempelhof und weiter südlich, da wo die Metropole langsam zum Vorort wird, leeren sich die Züge. Kids sitzen noch rum und hinten in einer Ecke streitet ein angetrunkenes Paar. Frauen holen ihre Handys in diesem Bezirk der langen Wege aus der Tasche und tragen sie wie Waffen, wie Amulette in der Hand. Sie schützen vor der Dunkelheit.

Das Handy ist für keinen Schlusssatz gut. Wenn es klingelt, hat es recht. Wie Babygeschrei, wie Martinshörner, wie Sirenen des Alltags. Der neue Rebell aber bleibt hocken und schweigt .

Quelle: @koe

 
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Veröffentlicht: 02.01.2001, 00:00 Uhr

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