Das Register von Julian Barnes’ jüngstem Buch, „Through the Window“, einem Essayband über die Literatur, verzeichnet unter dem Eintrag „Sex“ beinahe fünfzig Kategorien, weit mehr als die Aufstellung bei einem anderen Lieblingsthema des Schriftstellers: Essen. Von „Monogamie und Keuschheit“ über „unersättliche Vögel“, „Gespräch, davor oder danach?“, „Zorn, eine Funktion der sexuellen Leidenschaft“ und „herunterfallende Unterwäsche“ bis hin zu „Märtyrertum“ und „Langweiligkeit der Promiskuität“ wird eine breite Palette abgedeckt.
Zwischen „Symbole für Selbstbefriedigung“ und „Ehebruch verliert seinen Reiz“ finden sich Köstlichkeiten wie: „postkoitales Melonenessen“, Sex „als Form des Nichtredens“ und „Gefahr von Belgiern“. Zu den Hemmungen, die Autoren überwinden müssten, gehöre die Sorge, dass man sich bloßstelle. Leser könnten aus der Schilderung schließen, der Autor schöpfe aus eigener Erfahrung, offenbart Barnes in einem Aufsatz für die BBC über die Schwierigkeit des Beschreibens von Sex in der Literatur. Barnes berichtet, Kingsley Amis habe ihm einmal erzählt, wie er einen Roman abgebrochen habe, weil darin eine homosexuelle Figur vorkam und er fürchtete, „die Kerle in der Kneipe könnten denken, ich sei schwul“.
Das männliche Glied im Vergleich zur Yamswurzel
Zur Hölle mit den Kerlen in der Kneipe, sagt Barnes! Wenn er über Sex schreibe, versuche er jede Art von Befangenheit abzulegen, die aus der Sorge vor den Schlussfolgerungen anderer entstehe. Dann gelte es, den Ton zwischen Komik und Ernst abzuwägen; zu fragen, wie das Geschehen zwischen den Bettlaken die Beziehung der Figuren spiegele, wenn sie bekleidet seien, wie sie miteinander redeten, aus welcher Warte die Szene dargestellt werden solle, welche Folgen sie für die Handlung habe; zu entscheiden, welche Begriffe man verwende, ob medizinische, kindische oder vulgäre und ob man als Erzähler zu Metaphern oder Poetik greifen solle. Als abschreckendes Beispiel führt Barnes einen Roman von John Updike an, in dem das männliche Glied wiederholt mit einer Yamswurzel verglichen werde, so dass sich beim Leser statt einer Vorstellung des erotischen Akts bloß das Bild eines Gemüsestands einstelle. In der Kombination aus „äußerster Ungezwungenheit und notwendiger Beherrschung“ weise der Akt überraschende Parallelen zum Schreiben auf. Auf Barnes’ Frage: „wie viel gibt man preis/zeigt man/übergeht man/lässt man aus?“ gibt es eine einfache Antwort: Weniger ist mehr.
Ist Broccoli sexy?
Egon Weissmann (EgonOne)
- 07.03.2013, 15:37 Uhr
Typisch Postmoderne halt...
Dieter Zorn (Zoernheim)
- 07.03.2013, 09:42 Uhr
Dem weniger ist mehr ist mehr oder weniger zuzustimmen.
Gerhart Manteuffel (cem_m)
- 06.03.2013, 23:18 Uhr