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Scholl-Latour: „Weltmacht im Treibsand“ Gottes ist der Orient

16.09.2005 ·  Herr M., ein Mann im mittleren Lebensalter, der gerade Peter Scholl-Latours Reisebilder von Afghanistan bis zum Libanon liest, wählt mit düsterer Vorahnung.

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Herr M., denn er ist definitiv ein Mann, im mittleren Lebensalter, der gerade Peter Scholl-Latours Reisebilder von Afghanistan bis zum Libanon liest, weil er früher selbst in der Welt herumkam und weil ihm dabei aufging, daß der Krieg der Normalfall der Weltgeschichte ist, und schließlich weil orientalische Szenen ihm mit den Jahren überhaupt zur liebsten Lektüre wurden - Herr M. geht ungern zur Wahl. Mehrwertsteuer und Dosenpfand interessieren ihn nur mäßig.

Aber den allgemeinen Gehorsam gegenüber dem Atlantik, die deutsche „Selbstzensur“, von der Scholl-Latour spricht, den an schlimmste McCarthy-Zeiten erinnernden Vorwurf des „Antiamerikanismus“ - diese Dinge glaubt er zu kennen: Wieviele intelligente junge Leute trifft er, die noch nie einen verbotenen Gedanken gefaßt haben! Scholl-Latour, ein weiteres Plus, kennt das antike Erbe Europas und die Grenzen Roms. Herr M. würde sogar die Sozialdemokratie wählen, wenn sie in puncto Europa-Türkei auf den abschlägigen Rat von Helmut Schmidt hören würde, den Herr M. immer den letzten Kanzler nennt. Vielleicht wählt Herr M. diesmal also ein kleineres Übel, mit der düsteren Vorahnung, daß es am Ende eine Kanzlerin der Alliierten sein könnte, die das Land regieren wird.

Quelle: L.J. / F.A.Z., 17.09.2005, Nr. 217 / Seite 39
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