Das deutsche Studienzentrum in Venedig ist unter unseren zahlreichen Kulturinstituten im Ausland mit Abstand das bekannteste. Millionen von Mitbürgern haben es gesehen. Nur wussten sie nicht, dass es sich um das vielleicht schönste Forschungslabor der deutschen Wissenschaft handelt. Direkt am Canal Grande arbeiten im Palazzo Barbarigo della Terrazza seit 1972 Stipendiaten und Studenten, Professoren und Gäste mit Aussicht auf Gondeln und Vaporetti. Und das deutsche Publikum kriegt bei jeder Verfilmung von Donna-Leon-Romanen einen Blick auf diese Herrlichkeit in zwei Stockwerken geboten.
Denn die Wohnung des Commissario Brunetti, die naturgemäß gleichfalls auf den Canal Grande hinaus über eine kleine, aber für jeden italienischen Beamten unerschwingliche Terrasse verfügt, blickt genau auf das Prunkstück des deutschen Staatsbesitzes in der Serenissima: die namengebende und vierzehn mal vierundzwanzig Meter große Terrasse. Im deutschen Fernsehfilm erscheint sie naturgemäß immer leergeräumt, aber das ist sie auch sonst. Denn weil fast alle Stipendiaten und Mitarbeiter Deutsche sind, erliegen sie fast niemals der Versuchung, der beispielsweise italienische Kollegen vielleicht täglich nachgehen würden, nämlich auf den knapp 250 Quadratmetern zu faulenzen, zu plaudern, zu essen und Weinflaschen zu köpfen.
Mit einem Platz für Ehrengäste
Nein, im DSZV wird fleißig gearbeitet, etwa derzeit an Projekten zu Gondelliedern der Renaissance, zum frühen Dürer oder zu byzantinischen Ikonen. Inzwischen haben mehr als 400 Stipendiaten hier ihre Werke unterbaut oder vollendet; es gibt unter der derzeitigen Direktorin, der Musikwissenschaftlerin Sabine Meine, Vortragsreihen, Konferenzen und eine ansehnliche Bibliothek. Sogar Ehrengäste dürfen seit einigen Jahren einen Monat mit Kanalblick verbringen, etwa die Schriftsteller Martin Mosebach, Durs Grünbein oder Daniel Kehlmann.
Nur die eminente Kunstsammlung des Palazzo Barbarigo wurde leider schon 1850 nach Petersburg verkauft, sonst hätte der deutsche Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, der neben Stiftungen der deutschen Wirtschaft das Studienzentrum vorzugsweise finanziert, in der Eurokrise wenigstens ein paar Schätze übrig. Aber auch so staunen die Venezianer, wenn nun am Samstag Kulturstaatssekretär Neumann zu Geburtstagsparty und Festkonzert des Venedigdeutschen Ulrich Tukur in die Lagune reist. Da hat Signora Merkel, die in Italien momentan so unbeliebt ist, tatsächlich eine eigene Immobilie in Venedig - und nutzt sie nicht einmal!