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Schöner bauen

05.04.2011 ·  Das Deutsche Architekturmuseum zeigt, wie es geht

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Retro klingt schon zu modern für die Art von Architektur, die in Deutschland momentan bevorzugt wird. Konventionell wäre passender. Oder, positiv gewendet, zeitlos: Zwei Drittel der Bauten, die das Deutsche Architektur Jahrbuch 2010/11 samt zugehöriger Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt vorstellt, bedienen sich einer traditionellen Architektursprache oder zitieren historische Positionen.

Christoph Mäkler baut am Frankfurter Opernplatz einen gigantischen Kalksteinturm mit einem Podium wie aus der Gründerzeit und Pfeilerarkaden wie aus dem Fin de Siècle. Das neue Heimatmuseum auf der Insel Föhr sieht aus wie ein altes Herrenhaus mit Scheune. Eine Schule am Bodensee bekommt einen zweiten Flügel, der wie eine Kopie des Altbaus aussieht und das ehemalige Kloster zu einer axialsymmetrischen Anlage wachsen lässt. Im Bad Tölzer Kurpark entstehen Stadtvillen, die an klassische Bäderarchitektur erinnern wollen, in ihrer Eintönigkeit jedoch eher die Tristesse sozialistischer Hotelkomplexe ausstrahlen.

Stilistisch tun die Architekten so, als seien ihre Bauten der Zeit enthoben, als hätte sich in den vergangenen hundert Jahren nichts getan, weder baugeschichtlich noch gesellschaftlich. Sie verwenden die althergebrachten Formen normativ, als gebe es heute wie damals nichts Besseres als Säulengänge und Sockelbauten und Sandsteinfassaden. Ob die Gesellschaft heute zu diesen Säulengängen noch passt, fragen sie nicht.

Einen ganz anderen Ansatz zeigt der englische Architekt David Chipperfield, der für den Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin mit dem DAM-Preis 2010 ausgezeichnet wurde. Am einfachsten wäre es gewesen, eine originalgetreue Kopie des klassizistischen Gebäudes auf die Museumsinseln zu setzen. Die Berliner Schlossbefürworter hätten applaudiert, dem großen Publikum wäre der Unterschied wohl gar nicht aufgefallen. Doch Chipperfield ließ die Säulen am Haupteingang rußgeschwärzt, den Statuen an der Ostfassade fehlen noch immer die Köpfe. In der großen Treppenhalle wird offensichtlich, wie groß die Zerstörung war: Über eine dekorlose moderne Betontreppe gelangt der Besucher in sanierte Säle, an deren Eingängen zum Teil noch Einschusslöcher zu sehen sind. Die Lücken in den sorgsam restauriert Wandbemalungen sind mit farbigem Putz gefüllt, das Loch in der Wand ist mit rotem Backstein zugemauert.

Anstatt etwas zu schaffen, das scheinbar außerhalb der Zeit steht, betont Chipperfield das Zeitgebundene. Er zeigt die Wunden, die die Geschichte dem Gemäuer zugefügt hat, und ersetzt das unwiederbringlich Verlorene mit Neuem, einer zeitgemäßen Gestalt. Chipperfield geht es nicht um Kontinuität, ihm geht es um den Bruch. Sicher ist ein solches Verständnis von Architektur auch ein historisierendes - jedoch eines, das alte Formen nicht nur mittels moderner Techniken reproduziert, sondern kreativ mit ihnen umgeht, die Geschichte ins Heute holt.

Ganz im Heute verwurzelt sind Architekturen wie das Hochwasserpumpwerk in Mainz, das gleich einem schweren schwarzen Monolith auf einer Wasserader sitzt (Syra - Schoyerer Architekten), oder die zwölf langgezogenen Giebelhäuser für das Vitramuseum in Weil am Rhein, die zu einer dreidimensionalen Skulptur übereinandergestapelt sind (Herzog & de Meuron), sowie das Besuchergebäude der KZ-Gedenkstätte Dachau, das sich als lichter, im Birkenwald verschwindender Begegnungsort darbietet (Florian Nagler Architekten).

Glanzlicht in dieser Reihe ist der

in jeder Hinsicht großartige Neubau des

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums der Berliner Humboldt-Universität. Alles dreht sich um das Buch, denn Grundmotiv sämtlicher Stützen, Gänge, Fenster, Durchgänge und Blickachsen ist das Bücherregal. Leser mögen sich mitunter eingegattert fühlen von der Omnipräsenz dieser Geometrie. Doch der Blick durch die gewaltige Rasterstruktur des zentralen Lesesaals gehört schon jetzt zu den betörendsten Sichten der letzten Jahre. Eine solche Architektur wird bleiben - nicht als Erinnerung an althergebrachte Formgestaltung, sondern als Ausdruck unserer Zeit.

SARAH ELSING

DAM Preis für Architektur in Deutschland 2010. Die 23 besten Bauwerke in/aus Deutschland. Deutsches Architekturmuseum Frankfurt. Bis 29. Mai. Der Katalog kostet 29,95 Euro.

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