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Schöne Restzeit : Warum werden die Leute beim Wünschen immer pedantischer?

Der Wunsch nach einer „schönen Restzeit“ ist eine seltsame Mischung aus jovialer Geste und pedantischer Genauigkeit. Wir plädieren für eine Kultur der Beginnwünsche.

          Gerade noch summen die schönsten Melodien des Konzerts durch den Kopf, da reißt einen die Ordnerin am Saalausgang harsch in die Wirklichkeit zurück: „Schönen Restabend noch!“, flötet sie. Die Frau meint es nicht böse, im Gegenteil; aber wie grausam ist es doch von ihr, Minuten nach dem Ende von etwas darauf hinzuweisen, dass es zu Ende ist und nun schon wieder etwas Neues beginnen muss: Der Traum ist aus, jetzt müssen wir in den Restabend zurück, in das also, was vielleicht gar nicht mehr so gut werden kann wie alles, was davor war. Ja, Himmel, was können die Restnacht, der Restmonat und das Restjahr überhaupt noch zu bieten haben!? Den Wunsch nach einer schönen Restzeit vernimmt man immer öfter, er scheint fast viral umzugehen, in Internetforen, im Supermarkt, immer fröhlich heraus natürlich, mit „lieben Grüßen“, flöt-flöt.

          Aber warum eigentlich tut es der schöne Tag oder Abend allein nicht mehr, warum plötzlich dieses quasi amtliche Beharren auf zeitlicher Genauigkeit, das ja gar nicht zu einem jovialen Wunsch passt und manchmal groteske Züge annimmt? Wenn der Bäcker einem um zehn oder elf am Morgen „Schönen Restvormittag noch!“ hinterherruft, muss man da nicht fast schon panisch werden angesichts der wenigen Zeit, die bis zum nächsten Tages-, ja Lebensabschnitt bleibt? Die Kultur der Restzeitwünsche hat wohl auch damit zu tun, dass man, zumal durch Telekommunikation, zunehmend auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt und sich folglich auch immer häufiger verabschieden muss: Hey, I just met you, aber jetzt muss ich weiter, schöne Restparty noch!

          Die logische Konsequenz, der Fluchtpunkt all dieser Wünsche ist der nach einem schönen Restleben - nur klingt der dann leider nicht mehr nett, sondern ist reserviert für den totalen Beziehungsabbruch. Das nun kann nicht der Sprachweisheit letzter Schluss sein. Warum also nicht mal gegensteuern und anstelle des Endes den Beginn ins Visier nehmen? Dann wäre das Glas also halb voll, hätte die Party oder das Leben gerade erst angefangen. Eine Kultur der Beginnwünsche ist möglich, sie wird sogar schon praktiziert, etwa im guten alten Radio nach den Wetter- oder Verkehrsmeldungen mit einem wunderbaren Wunsch, der das Yin mit dem Yang vereint und nie zu früh kommt. Daher schon jetzt auch von dieser Stelle aus: guten Start ins Wochenende!

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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