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Schöne neue Bilderwelt Ich sehe was, was du auch siehst

 ·  Die Gesellschaft der Zukunft wird nicht mehr fotografieren und filmen, sondern holographieren. Damit wird buchstäblich alles sichtbar. Kann man das wollen?

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© AFP Das Bild der Zukunft direkt vor Augen? Google-Gründer Sergey Brin sieht die Welt schon durch „Google Glass“, eine Brille mit Kamera und Display

Es ist fast fünfzig Jahre her, dass der französische Soziologe Pierre Bourdieu darüber schrieb, wie die „illegitime Kunst“ der Fotografie das Soziale veränderte. Die leichte Handhabung des Fotoapparats löste das Kunsthandwerk der Porträtmaler ab und ordnete das Verhältnis des Artifiziellen und des Alltäglichen neu. Momentaufnahmen entstanden künftig überall, nicht nur bei den guten Familien vor dem geschmückten Kamin. Die Digitalisierung und das Internet taten inzwischen das Übrige: Heute wird fast alles fotografiert und sofort im Internet gezeigt.

Die Gesellschaft, wie wir sie kennen, wird davon geprägt, dass sie und wie sie ständig neu ins Bild gesetzt wird. Und wollte man darüber berichten, wie schon morgen die alltäglichen Bilder entstehen werden, brauchte man weniger einen gründlich arbeitenden Soziologen als einen Science-Fiction-Autor, der so, wie es im Genre seit Jahren üblich ist, mit seinem Bericht ganz in der Gegenwart bleibt. Denn diese sieht so aus: Die amerikanische Firma Genia Photonics wirbt für einen „multiphotonenspektroskopischen“ Laser, mit dem sich, so die Übersetzung der Technologiebeschreibung in die praktische Sprache, ein Mensch aus fünfzig Meter Entfernung auf explosive Stoffe hin untersuchen lässt. Finden sich diese auf der Hautoberfläche nicht, schaut der Laser unter die Haut und misst den Adrenalinwert eines Menschen; wer nichts zu verbergen hat, überzeugt hoffentlich auch mit biochemischer Ausgeglichenheit.

Viele Kandidaten der Fotografienachfolge

Seit einem Dreivierteljahr fördert der amerikanische Geheimdienst CIA über die Finanzierungsfirma In-Q-Tel das Unternehmen, dessen Laser das amerikanische Heimatschutzministerium von 2013 an auf Flughäfen testen möchte. In einem Papier von der Unternehmenswebsite heißt es, der kleine, transportable Laser strahle im niedrigen Terahertzbereich, sei also unsichtbar, ermittele einzelne Moleküle und durchdringe die Kleidung und organisches Material wie die Haut. Mit ihm seien explosive Stoffe und Spuren pharmazeutischer Substanzen aufzuspüren.

Das klingt, als stünde einem Erfolg der Technologie nichts im Wege. Ob sich der Begriff Spektroskopie allerdings in die historische Reihe hinter Malerei und Fotografie eingliedern wird, ist wohl eher fraglich, obwohl nicht wenige Menschen auf einen Star-Trek-Trikorder warten, um zuallererst ihre Wohnung und im Anschluss die ganze Welt zu vermessen. Die derzeitigen Entwicklungen sind jedoch so vielfältig, dass es noch andere Kandidaten der Fotografienachfolge gibt. Da inzwischen 3D-Fernseher handelsüblich sind, könnte demnächst die Holographie folgen. Die 3D-Kamera, die einfach mit zwei Objektiven, die den Abstand der menschlichen Augen nachempfindet, arbeitet, ist nicht die einzige Technik für die Erstellung dreidimensionaler Bilder.

Ein analytischer Spiegel

Unternehmen wie Google fliegen derzeit über amerikanische Städte, um sie räumlich zu erfassen. Die Kameras, die dabei zum Einsatz kommen, nehmen nicht nur auf herkömmlichem Wege Bilder auf, sondern registrieren zusätzlich, wie lange das Licht unterwegs war. Sie senden einen Laserstrahl und messen, wie lang er für den Weg zurück braucht. Die Laufzeit des Lichts wird dabei für jedes einzelne Pixel erfasst. So kann die Tiefe eines Raums mit abgebildet werden. Da die Kamera zusätzlich speichert, von welchem Ort sie ihre Bilder macht und in welchen Winkeln sie ausgerichtet ist - mit Technologie, die heute auch in jedem modernen Mobiltelefon steckt -, lässt sich Erstaunliches bewerkstelligen: Die Städte lassen sich später dreidimensional betrachten, aus allen Perspektiven. Das Unternehmen Advanced Scientific Concepts, das solche Kameras entwickelt, hat auch ein transportables Modell im Angebot, es wiegt etwa sieben Kilo.

Eltern, die ihre Neugeborenen heute fotografieren, um die Familie am Glück teilhaben zu lassen, werden den fünften Geburtstag ihres Kindes vielleicht holographieren, mit zwei kleinen Drohnen, die durch ihr Wohnzimmer schweben. Auch sie gibt es schon. Das japanische Verteidigungsministerium ließ eine fliegende Kugel entwickeln, die sich zentimetergenau in Räumen steuern lässt. Stößt man sie weg, kommt sie blitzartig zurück; wenn sie nicht per Funk gesteuert wird, steuert sie sich selbst. Damit solch ein Bild, von der Drohne im Raum oder kilometerhoch im Himmel, nie verwackelt, haben Wissenschaftler in Tokio ein Objektiv entwickelt, das für ein absolut ruhiges Bild sorgt, selbst bei hohen Zoom-Stufen und in wackligen Situationen.

Das Licht wird dabei nicht mehr direkt vom Objektiv eingefangen, sondern von einem federleichten Spiegel, der sich blitzartig um alle Achsen drehen lässt und von einem Computer gesagt bekommt, welche Bewegungen er zu machen hat. In ihrem Präsentationsvideo zeigen die Forscher, wie ihr Objektiv einen Tischtennisball stets im Fokus hält, selbst in dem Moment, in dem er vom Schläger in die entgegengesetzte Richtung geschlagen wird. Diese Kamera kann Fliegen bei der Flucht zuschauen, ohne einen Flügelschlag zu übersehen. Und so interessant wie für Zoologen wird die Technologie auch für Sozialforscher und Sicherheitsbeamte werden, vielleicht auch für Mediziner.

Sicherheit ohne Kabel

Denn was sich aus einem Bild herauslesen lässt, wenn es nur ruhig genug aufgenommen wird, zeigten vor wenigen Wochen Mitarbeiter des Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory im Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Ihre Software macht für das menschliche Auge unscheinbare Schwingungen und Farbveränderungen in Videobildern sichtbar, indem sie diese isoliert und besonders betont. Das Schwingen einer Gitarrensaite, das Trocknen von Farbe auf Papier oder Atemfrequenz, Herz- und Pulsschlag eines Menschen hebt der Computer dann besonders deutlich hervor - man muss ihm nur sagen, auf welche Frequenzen oder Farben er achten soll.

Im Präsentationsvideo ihrer Software zeigen die Forscher ein neugeborenes, schlafendes Kind, das in seinem Bettchen liegt, dessen Kopf pulsiert und dessen Brustkorb sich deutlich hebt und senkt - ein Bild, das junge Eltern beruhigt. Schaut man dagegen unmittelbar auf das Kind, sieht man nichts von alledem. Wollte man bislang die Vitalwerte eines Neugeborenen kontinuierlich messen, müsste man das Kind verkabeln. Das kann nun wegfallen. Ein Doktorand des MIT entwickelte mit der Software schon eine Anwendung für den Alltag: Er baute einen Spiegel, der nicht nur über die Frisur, sondern auch über die eigenen Vitalwerte informiert.

Drohnen für den Hausgebrauch

Nicht nur auf Berührungen kann verzichtet werden. Der Beobachtete muss nicht einmal erfahren, dass auf ihn ein Auge geworfen wurde. Die Technologie muss nur manchmal noch etwas handlicher werden. Aber auch dieses Problem löst sich derzeit wie von selbst. Während neulich in Bayern ein neuer Supercomputer (SuperMUC) in Betrieb genommen wurde, kündigte Google an, eine Brille mit Kamera und Display („Google Glass“) ab Herbst an interessierte Entwickler zu verkaufen. Bislang weiß man von dieser Brille nur, dass sie Videos aufnimmt. Doch angeschlossen ans Internet, also auch an Supercomputer, lässt sich mit ihr fast alles anstellen.

Aber es lässt sich auch zurückschauen. Für das Privatleben taugliche Full-HD-Kameras haben sich beinah unbemerkt in die heutigen Smartphones eingeschlichen, sie kommen bei vielen Demonstrationen zum Einsatz und filmen Polizisten zurück. In den vergangenen Wochen ist nun auch der Preis für Kinokameras um eine Null gestrichen worden. Sie sind jetzt für weniger als dreitausend Euro zu kaufen. Für etwa zweihundert Euro gibt es im Handel kleine Drohnen (Parrot AR Drone), die sich, ausgestattet mit vier Propellern und einer Kamera, über fremde Gärten fliegen lassen. Gesteuert werden sie per Mobiltelefon, an das sie auch das Videobild übertragen, welches sie im Flug machen.

Mit unscheinbarer Technologie zur absoluten Sichtbarkeit

Die Frage, die sich ein in die Zukunft schauender Nachfolger Pierre Bourdieus heute stellen könnte, lautet: Was bedeutet die Einführung der „Holovideospektrokopie“ für die Gesellschaft? Werden bald Ärzte Brillen tragen und einen herbeiholographierten Patienten behandeln? Werden Lehrer, Eltern und Richter sehen können, ob sie im Gespräch angelogen werden, weil sie die Vitalfunktionen ihres Gegenübers live angezeigt bekommen? Wird die eigene Drohne demnächst zur Standardausrüstung des demonstrierenden Wutbürgers gehören?

Alles wird sichtbar werden, nur die Technologie, die dafür verantwortlich ist, wird immer unscheinbarer. In einem Bauteil ist man aber offenbar an eine physische Grenze gestoßen. Die Lichtsensoren, die in aktuellen Kameras verbaut sind, lassen sich kaum weiter verkleinern, weil man an die Grenze stößt, die die räumliche Ausbreitung einer Lichtwelle selbst vorgibt. Aber schon heute braucht man ja nicht mehr zwingend Licht, um etwas Verborgenes sichtbar zu machen.

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