Home
http://www.faz.net/-gqz-vw35
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schlüsselroman über die Blair-Jahre Das Downing-Street-Dreieck

Polemisch, spannend, pikant: „The Ghost“, der neue Roman des Bestsellerautors Robert Harris ist ein Schlüsselroman über das Jahrzehnt, in dem Tony Blair Großbritannien regiert hat. Ein Thriller. Und nicht nur das. Von Gina Thomas.

© AP Was bleibt nach all den Jahren mit Tony Blair? Immerhin ein Roman von Robert Harris

Ein kürzlich aus dem Amt geschiedener britischer Premierminister, der sich jedem vernünftigen Rat widersetzt hat, um einen Krieg gegen den Terror zu führen, und nun für einen Vorschuss von zehn Millionen Dollar seine Erinnerungen schreiben soll. Seine launisch-herrische Ehefrau, die unbeliebt ist und oft ins Fettnäpfchen tritt, obwohl man ihr nachsagt, klüger zu sein als ihr schauspielerisch begabter Mann. Die tüchtige Privatsekretärin, die zum unverhohlenen Ärger der Ehefrau ein einmaliges Vertrauensverhältnis zu ihrem Chef genießt. Und ein nachtragender Ex-Außenminister, von dem es heißt, er habe seinen Posten verloren, weil er nicht auf die Linie Washingtons eingeschwenkt war, und der nun unter dem Deckmantel der politischen Moral Rache übt gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten, indem er dafür sorgt, dass er vor das Kriegsverbrechergericht in Den Haag gestellt wird.

Gina Thomas Folgen:

Das Gerippe von „The Ghost“ (gemeint ist der Ghostwriter), dem jüngsten Thriller von Robert Harris, lässt unweigerlich auf einen dünn verschleierten Roman über Tony und Cherie Blair schließen, zumal der Bestsellerautor von „Vaterland“, „Enigma“ und „Pompeji“ in seiner Zeit als politischer Journalist die Anfänge von Neu-Labour aus nächster Nähe wohlwollend begleitet und unterdessen mit seiner Enttäuschung über die Blair-Jahre nicht hinter dem Berg gehalten hat. Bei der ersten Begegnung 1992 hatte der damalige Kolumnist der „Sunday Times“ den Schattenarbeitsminister als einen Politiker erkannt, der die Labour Party nach den langen Jahren in der Opposition wieder regierungsfähig machen konnte. Es entwickelte sich eine nähere Bekanntschaft, die dazu führte, dass Harris im Wahlkampf 1997 von Blair als wohlwollender Chronist ausgewählt und überallhin mitgenommen wurde. Er erlebte, wie er selber sagt, somit „den Rausch und die Aufregung der Labour-Revolution aus erster Hand“.

Mehr zum Thema

Schlüsselroman mit eifrigen Dechiffrierern

Wie sehr er als Romanschriftsteller von den Beobachtungen jener Monate zehrt, bezeugte schon „Imperium“, der erste Band einer geplanten Trilogie über Cicero, mochte der Autor noch so sehr bestreiten, dass die altrömischen Machenschaften bloß „New Labour in Toga“ seien. Als Entgegnung verweist Harris gern auf Henry James, der während eines Sommers fünf bis sechs prägende Wochen erlebte, aus denen alle späteren Werke geschöpft hätten. Aufgrund der Insider-Kenntnisse des Autors hat „The Ghost“ sogar auf den Nachrichtenseiten der englischen Zeitungen Schlagzeilen mit halbernsten Spekulationen über Blairs Verhältnis zu seiner langjährigen Bürochefin Anji Hunter inspiriert.

Die eifrigen Dechiffrierer des Schlüsselromans haben in der hochgeschminkten, benagellackten Blondine Amelia Bly, deren Beziehung zu ihrem Premierminster Lang über das Berufliche hinausgeht, das fiktive Alter Ego Anji Hunters erkennen wollen. Schließlich war deren gespanntes Verhältnis zu Cherie Blair im vertrauten Muster der Dreierkonstellation Chef, Ehefrau, Sekretärin ein offenes Geheimnis. „Der Premierminister, seine glamouröse Beraterin und eine eifersüchtige Ehefrau . . . Aber es ist nur ein Roman“, witzelte eine Zeitung in ihrer Schlagzeile, „Staatsaffären“, kalauerte eine andere, wohlwissend, dass der Wink ganz und gar unfundiert war.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Großbritannien Der Heilsbringer der Toten

Der Sozialist Jeremy Corbyn ist Favorit für die Urwahl zum neuen Labour-Vorsitzenden. Die Partei feiert eine Bewegung, aber echte Arbeiter sind weniger beeindruckt. Mehr Von Jochen Buchsteiner, Middlesbrough/Easington

24.08.2015, 14:31 Uhr | Politik
Sydney Attentat in Australien verhindert

In Australien wurde ein Attentat verhindert. Premierminister Tony Abbott bestätigt, dass fünf junge Männer festgenommen wurden, die vermutlich ein Attentat vorbereitet haben. Mehr

18.04.2015, 10:52 Uhr | Politik
Referendum in Großbritannien Abstimmen bis zur Abspaltung

Schottlands Europaministerin droht mit einem neuen Referendum über die Unabhängigkeit, sollten die Briten in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der EU stimmen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, Edinburgh

30.08.2015, 20:50 Uhr | Politik
Dokumentarfilm Trailer The Ghost Army

Trailer des Dokumentarfilms The Ghost Army aus dem Jahr 2013. Mehr

05.05.2015, 16:10 Uhr | Gesellschaft
Vereinsmitglieder heute Faule Konsumenten

Wenn es nach der Zahl der Mitglieder geht, sind Vereine beliebter als je zuvor. Doch die Einstellung der Beitragszahler hat sich offenbar geändert. Mehr Von Christian Palm, Frankfurt

27.08.2015, 06:48 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 15.10.2007, 17:55 Uhr

Glosse

Kein Strammplatz für Münster

Von Andreas Rossmann

Der Dichter August Stramm ist einer der wichtigsten Söhne der Stadt Münster. Der Existenzialist fiel im Ersten Weltkrieg, dessen Schrecken er eindrücklich beschrieb. Eine Strammstraße gibt es in Münster dennoch nicht. Mehr 1 0