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Neuer Schlöndorff-Film „Diplomatie“ : Die Nacht, in der Paris nicht in die Luft flog

Wenn der Louvre nicht zu Staub werden soll, dann müssen diese beiden sich sehr bald einig werden: Niels Arestrup und André Dussollier in „Diplomatie“. Bild: Neue Visionen

Zuspitzung im August vor siebzig Jahren: In „Diplomatie“ verfilmt Volker Schlöndorff ein Weltkriegs-Wortduell um das Schicksal der schönsten aller Städte.

          Das Geheimnis jeder Theaterverfilmung ist der Raum. Auf der Bühne ist er gerade, solide, ein Kasten mit offener Seitenwand. Im Kino ist er gekrümmt, biegsam, eine Schleuse, durch die Zeiten strömen, Träume, Gespenster.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Theaterverfilmung biegt den geraden Raum der Bühne um und öffnet ihn für die Geister des Kinos. In Roman Polanskis Adaption von Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ beispielsweise sieht man zu Beginn Kinder, die sich auf einem Spielplatz in Manhattan prügeln, und dieses Bild legt sich unter alle folgenden Bilder, es schwingt in jedem Augenblick des Streits der beiden Elternpaare mit, von der das Stück erzählt. So gesehen ist die Verfilmung für das Theater das, was 3D für das zweidimensionale Kino ist: ein Sprung in die Tiefe.

          Geschichte ist kein Holodeck

          In Volker Schlöndorffs „Diplomatie“ nach der Bühnenvorlage von Cyril Gély geht es darum, dass Paris in die Luft fliegen soll. Die deutschen Besatzer haben alle wichtigen Gebäude und Anlagen vermint, die alliierten Befreier nähern sich der Stadt, der deutsche Kommandant Dietrich von Choltitz (Niels Arestrup) hat den Vernichtungsbefehl auf seinem Schreibtisch. Es ist der Abend des 24. August 1944: Endzeit. Notre-Dame, der Louvre, die Brücken, die Opéra, die Champs-Elysées, sie alle sollen fallen.

          In diesem Augenblick tritt der schwedische Generalkonsul Nordling (André Dussolier) in von Choltitz’ Hotelzimmer wie das sprichwörtliche Gespenst aus dem Schrank. Er kommt aus dem Nichts, und er wird auch wieder darin verschwinden, aber vorher muss er seine Mission ausführen. Die beiden Männer reden die ganze Nacht, sie pokern und feilschen und fechten um das Schicksal der bedrohten Stadt, bis am Morgen das uns bekannte Ergebnis feststeht. Geschichte ist kein Holodeck, trotz Tarantino und „Inglourious Basterds“. Es kommt nur immer wieder darauf an, wie man sie übersetzt.

          Schlöndorff nun hat den theatralischen Kern, das Gespräch zwischen Konsul und Kommandant, aufwendig eingerahmt, er lässt Panzer rollen, stellt Straßenkämpfe nach, vermischt historische Wochenschaubilder mit nachgedrehten Szenen. Und schwächt damit das Drama im Zentrum des Geschehens. Denn in dieser Geschichte geht es ja nicht darum, ob Paris stehenbleibt (das wissen wir), sondern ob von Choltitz oder Nordling das nächtliche Duell der Worte gewinnt.

          Schlöndorff scheitert am Stoff

          Hier steckt die Herausforderung des Stoffs, und für diese Aufgabe ist Schlöndorffs Inszenierung einfach zu steif und brav. Zu zeigen, wie Worte sich in Bilder verwandeln, das wäre die Chance des Films gewesen. In „Diplomatie“ ist ein Telefonhörer die Verbindung zwischen Hotelzimmer und Außenwelt. Als sie unterbrochen wird, hängt das Überleben von Paris in der Schwebe. Aber Schlöndorff kostet den Effekt nicht aus, er vertieft den erzählerischen Raum nicht, den die Filmkamera öffnet, sondern verbreitert und verflacht ihn nur.

          Dazu kommt, dass Niels Arestrup, der den deutschen General spielt, bei aller Grandiosität einen Stich ins Knattermimige hat und André Dussollier als Nordling allzu sehr aus der Westentasche chargiert. Vor fünfzehn Jahren gab es einen Film von Alain Resnais, in dem von Choltitz gleich am Anfang ein Lied von Josephine Baker anstimmt: „J’ai deux amours, mon pays et Paris“. Auch Worte können eine Form von Gesang sein. Leider nicht in „Diplomatie“.

          Quelle: F.A.Z.

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