13.07.2009 · In Schillers Haus in Weimar fehlen Schillers Möbel: Nach seinem Tod wurde der Hausrat zerstreut. Aber vielleicht hat ja das alte Gemäuer Geist und Aura des Dichters bewahren können. Sein Biograph Rüdiger Safranski hat sich auf die Suche begeben.
Von Hubert SpiegelDie zweiflügelige Tür, durch die Schiller das Haus betrat, das er am 29. April 1802 mit seiner Familie bezogen hatte, ist heute fest verschlossen. Mit der neuen Wohnstätte erfüllte sich der Dichter einen langgehegten Traum, doch an den Moment seiner Erfüllung sollte er sich nie ohne Trauer erinnern: „Aber es war ein unglücklicher Tag, als wir sie zum ersten Mal bezogen, denn es war der Sterbetag meiner theuren Mutter.“ Drei Jahre später, am 9. Mai 1805, starb Schiller in seinem Arbeitszimmer, das er in den letzten Monaten seines Lebens kaum noch verlassen hatte. Erst seit kurzem weiß man, dass zum Tod des Dichters auch die grünen Tapeten beigetragen haben müssen, die dem Raum im zweiten Stock noch heute eine freundliche, fast kindliche Note geben. Toxikologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Farbe neben Blei und Kupfer auch Arsen ausschied.
Dass der zeitlebens kränkliche Schiller in seinem Schlaf- und Arbeitszimmer auch noch nach und nach vergiftet wurde, ist für Helmuth Seemann, den Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, das wichtigste Ergebnis der umfangreichen Untersuchungen, die von der Stiftung in Auftrag gegeben wurden. Rüdiger Safranski, Schillers Biograph, der erst unlängst die Arbeit an seinem neuen Buch „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“ beendet hat, fühlt sich sofort an eine Briefzeile Schillers erinnert: Goethe zöge es wieder hinaus in die weite Welt, während er, Schiller, still zwischen seinen bemalten Papieren säße.
Gleich am Anfang ein Missverständnis
Wer Schillers Wohnhaus in Weimar besuchen will, kann nicht wie der Dichter die Schwelle zur belebten Esplanade überschreiten, sondern muss sich auf Seitenwegen nähern. Sie führen durch den Museumsneubau aus den achtziger Jahren und das Erdgeschoss eines ehemaligen Nachbarhauses, wo seit einigen Wochen die neue Ausstellung „Schiller in Thüringen“ gezeigt wird. Was der Besucher für den ersten Raum des Schillerhauses hält, hat zu Lebzeiten des Dichters nie zu dessen Wohnhaus gehört. So steht bereits am Anfang der Begegnung ein Missverständnis. Dass die Räume und ihre Einrichtung heute exakt so aussehen wie vor zweihundertfünfzig Jahren, ist eine Behauptung, die nirgendwo aufgestellt, aber wohl von fast allen Besuchern geglaubt wird. Denn hier trifft der Anschein des Authentischen auf die Bereitschaft zur Verehrung des Auratischen. Wahrscheinlich ist diese Bereitschaft in Weimar größer als an jedem anderen Ort in Deutschland.
Das hat sehr viel mit der einzigartigen Freundschaft zwischen Goethe und Schiller zu tun, deren Spuren man hier auf Schritt und Tritt begegnet. Sie begann unweit von Weimar, in Rudolstadt, wo seit kurzem auch ein Schiller-Haus an den Dichter erinnert, und ihr Auftakt war alles andere als verheißungsvoll. Goethe waren die „Räuber“ ein Greuel, und an der Bekanntschaft mit ihrem Verfasser war ihm wenig gelegen. Schiller, der ungeduldig die erste Begegnung erwartet hatte, spürte das und reagierte verletzt: „Sein erster Anblick stimmte die hohe Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von dieser anziehenden und schönen Figur beigebracht hatte. Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen.“ Schiller legte wenig Sympathie in die Beschreibung der Begegnung mit Goethe und nicht viel Hoffnung in den Fortgang ihres Verhältnisses: „Ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden.“
Etwas „aus ihm nehmen“
Von Anfang an war Schiller die Anerkennung des Älteren, Berühmteren wichtig, und zugleich erschien ihm sein Anspruch auf diese Anerkennung geradezu selbstverständlich. Schiller wollte sich nicht nur selbstbewusst an Goethe messen, er wollte von ihm auch profitieren, etwas für sich „aus ihm nehmen“, wie er einmal schrieb. Das ungeheuer produktive Konkurrenz- und Freundschaftsverhältnis der beiden Dichter hat sich bis über den Tod hinaus fortgesetzt. Sogar zwischen ihren Wohnhäusern scheint eine geheime Verbindung zu bestehen. Goethes Haus ist mit seinen achtundzwanzig Zimmern weit größer und herrschaftlicher, aber vor allem hat sich die Einrichtung aus Goethes Lebzeiten so weitgehend erhalten, dass andere Weimarer Gedenkstätten in einen Authentizitätsrückstand geraten sind. Muss man nicht fast schon von einem Memorialdruck sprechen, der vom Haus am Frauenplan ausgeht?
„Absolut“, sagt Hellmut Seemann, „dass man fünfzig Jahre nach dem Tod eines Menschen seine Lebenswelt so weitgehend unverändert vorfindet, wie dies bei Goethe der Fall war, dass ist wohl einzigartig.“ Zu verdanken ist dies Goethes sonst wenig glücklich agiereden Enkeln: Sie haben alles bewahrt, während Schillers Hausrat nach dem Tod des Dichters rasch zerstreut wurde. „Das wurde schon immer als misslich empfunden“, sagt Seemann und führt seine Besucher durch die Räume des Hauses, das seit 1847 als Gedenkstätte öffentlich zugänglich ist und als ältestes Literaturmuseum im deutschsprachigen Raum gilt. Aber ist es, von Schillers Arbeitszimmer abgesehen, überhaupt mehr als die weitgehend authentische Hülle für Gegenstände, die mit Schiller nichts gemein haben außer der Zeit, aus der sie stammen?
Passt schön in die Nische
Die Möbel, die heute im angeblichen Zimmer des Dieners Rudolph stehen, stammen von einem thüringischen Bauernhof und womöglich hat der Diener gar nicht im Erdgeschoss, sondern im zweiten Stock gewohnt, wo er seinem Herrn schneller zu Diensten sein konnte. Das Kinderbett, das in einer Nische im Zimmer der Töchter steht, stammt aus dem Arbeitszimmer von Herzog Carl August und war für dessen Sohn bestimmt. „Es hat mit Schiller rein gar nichts zu tun, aber es steht hier, weil es so schön in die Nische passt“, sagt Seemann. Der Spieltisch im Salon, das Hammerklavier, der Sekretär in Charlottes Räumen, nichts davon stammt aus Schillers Besitz. Muss uns das stören? Nein, sagt Rüdiger Safranski, zumindest nicht sehr. Denn alles im Haus sei so behutsam rekonstruiert, dass der Stil der Zeit gewahrt bleibt: „Es ist doch vor allem das Atmosphärische, das hier wirkt.“ Aber ist nicht die Atmosphäre das eine und die Aura etwas ganz anderes? Und verfügt nicht allein das Original über die Aura und ihre Wirkung? Rüdiger Safranski ist als Schillers Biograph ein detailverliebter Philologe, als Schillers Besucher zeigt er sich nicht puristisch: Die Aura garantiere allein schon der Ort. „Wo kein auratischer Raum, kein auratischer Sockel existiert, bleibt es bei einer bloßen Installation. Die Aura ist hier, was beim Wein der Tanningehalt ist.“
Für Hellmut Seemann liegt der eigentliche Beweis für die Kraft der Aura in der Versuchung, sie künstlich zu erzeugen: „Ist die auratische Wirkung eines Raumes oder Ortes wirklich stark, kann man kaum umhin, ihn sich atmosphärisch anzuverwandeln. Das ist aber auch die Gefahr.“ Seemanns Ideal ist der Raum, der aus sich selbst wirkt und nicht überformt werden muss durch Anschauungs- und Ausstattungsmaterial. Seemann ist auf der Suche nach dem „auratischen Ort, der die Lücken des Atmosphärischen duldet. Ich würde gern einmal das Schillerhaus nur mit jenen wenigen Gegenständen ausstatten, die sich erwiesenermaßen zu Lebzeiten des Dichters dort befunden haben. Man wäre bass erstaunt über die wahre Aura des Ortes.“
Das passt hervorragend
Safranski ist skeptisch. Denn auch diese „strenge Variante“ würde zu einem Raum führen, den es so nie gegeben habe. Wie in einer Galerie der Kontingenz würde nur präsentiert, was rein zufällig erhalten geblieben sei: „Da ist ein behutsam rekonstruierter Raum vielleicht doch viel treffender.“
Dann stehen wir in Schillers Arbeitszimmer. Seemann öffnet die Schreibtischschublade, in der die berühmten modrigen Äpfel lagen, und Safranski erinnert an Goethe, der immer sogleich die Fenster aufgerissen haben soll. Seemann beharrt auf der Echtheit der Tapeten, gesteht aber zu, dass sich ihre Muster durchaus einer Geschmacksverirrung der siebziger Jahre verdanken könnten. Safranski wundert sich, dass das Bett nicht größer ist, schließlich habe Schiller als Hüne gegolten, und Seemann bedauert, dass die geplante Größenbestimmung nicht mehr möglich ist, seitdem feststeht, dass die Knochen in Schillers Sarg von mehreren Personen stammen - aber 1,82 Meter groß dürfte er wohl gewesen sein. Safranski, der zum ersten Mal in Schillers Arbeitszimmer steht, legt die Hand auf den Schreibtisch, der erstaunlich modern aussieht, und stellt fest, dass ihm das authentische Möbelstück weit weniger bedeutet als der Globus, der darauf steht, obwohl er nicht aus Schillers Besitz stammt. „Aber zu wissen, dass er tatsächlich einen Globus hier hatte, nicht als Dekoration, sondern in Reichweite, wenn er künftige Stücke plante, die ja die ganze Welt umspannen sollten, das finde ich toll. Das passt natürlich hervorragend zu meinem Schiller-Bild.“
Statt Goethe zu Schiller
Wie Schiller tatsächlich ausgesehen hat, wissen wir nicht. Seine gewaltige Ikonographie speist sich weitgehend aus einer einzigen Quelle: der Idealbüste Danneckers. Am zuverlässigsten dürfte die Zeichnung Jagemanns von Schiller auf dem Totenbett sein. Nicht einmal der Totenmaske ist zu trauen, sagt Seemann: „Wir wissen nur, dass der Arzt und Anatom Gall im Herbst 1805 in den Besitz der Maske gelangte, aber unter welchen Umständen sie im Mai angefertigt wurde, bleibt unklar.“ Spielen Bilder für Rüdiger Safranskis Beschäftigung mit Schiller überhaupt eine Rolle? „Doch, das schon, aber wichtiger sind mir die Beschreibungen, die ich von ihm lese. Auf keinem Bild wird man die Hautverfärbungen im Gesicht finden, die vom vielen Tabakschnupfen herrührten. Aber in den Beschreibungen haben wir das.“
Fünfundsiebzigtausend Menschen besuchen jedes Jahr das Schillerhaus, zwei Drittel davon kommen allein in den Monaten von April bis September. Dann ist das Goethe-Haus oft so überfüllt, dass Besucher abgewiesen und zu Schiller geschickt werden müssen. Im August 1798 stellt Schiller in einem Brief an Goethe fest, „dass der Dichter so wie der Künstler überhaupt auf eine öffentliche und ehrliche Art von der Wirklichkeit sich entfernen und daran erinnern soll, dass ers tut“. Knapp sieben Jahre später, in den letzten Tagen seines Lebens, arbeitet Schiller am „Demetrius“, einem Stück über einen Mann, der den Unterschied zwischen wahr und unwahr verwischt und selbst nicht weiß, dass er's tut. Demetrius, der betrogene Betrüger, wohnt noch immer mit seinem Schöpfer unter einem Dach.