18.08.2005 · Der Comiczeichner Horus erzählt, wie Schiller zum Dichter wurde. Sein Buch ist ungewöhnlich, selbst in diesem Jahr, wo das Gedenken manche Kapriole geschlagen hat. Es ist die Auferstehung des literarischen Comics in Deutschland.
Von Andreas Platthaus„Schiller, du mußt aufstehen!“ Jetzt duzt sich der Kerl auch noch, denn was hier spricht, bereits im zweiten Bild der Comics mit dem etwas lauten Titel „Schiller!“, das ist die innere Stimme des Dichters. Sie ist eine von drei Erzählinstanzen, und jeder davon ist eine eigene Sprechblasenfarbe zugeordnet: In den gelben Sprechblasen spricht die innere Stimme zu Schiller, erinnert ihn daran, wie es dazu kommen konnte, daß er nun frierend in der Kutsche nach Meiningen sitzt, Anfang Dezember 1782; in den hellblauen denkt Schiller, schreibt bisweilen auch Briefe darin; in den weißen schließlich sprechen die Akteure miteinander.
Solch ein Farbkonzept zur Kennzeichnung unterschiedlicher Erzähler oder zum Ausweis von Original- und erfundenen Zitaten ist nicht neu. Stephane Heuet hat es mit seiner Comicadaption von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ wieder populär gemacht. Doch die Umsetzung eines Romans ist eine andere, leichtere Aufgabe als ein dokumentarischer Comic, auch wenn dieser die bisher unbekannte Genrebezeichnung „Comic-Novelle“ als Untertitel trägt, womit jede Überprüfung der Faktengrundlage als erledigt gelten könnte. Aber ein vorschneller Schluß auf große dichterische Freiheit würde dem Projekt nicht gerecht.
Schiller ungeschönt
Es ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, selbst in diesem Jahr, wo das Gedenken manche Kapriole geschlagen hat. „Schiller!“, der Comic, ist ein im höchsten Maße bemerkenswertes Werk. Zunächst ist er in Kooperation mit dem Schiller-Nationalmuseum und Deutschen Literaturarchiv Marbach entstanden und erscheint sogar in deren Schriftenreihe. In Marbach liegen nicht nur zahlreiche Selbstzeugnisse Schillers, sondern auch unerschöpfliche archivalische Schätze, die über sein Dasein Auskunft geben, bis hin zu Abbildungen aus den unterschiedlichsten Lebensphasen, darunter auch ein Abguß der von Ludwig Klauer angefertigten Totenmaske. Sie war das wichtigste Referenzobjekt für den Aachener Comiczeichner Wolfgang Odenthal alias Horus, der für die Gestaltung der Geschichte gewonnen werden konnte.
Ungewöhnlich ist deshalb auch das Bild Schillers, das Horus uns präsentiert. Alle Schönungen durch die idealisierten Darstellungen der Nachwelt sind beseitigt: Der dreiundzwanzigjährige Schiller hat einen schmalen Kopf mit unendlicher Nase und unreiner Haut - er erscheint so, wie er sich selbst sah, aber nicht gemalt sehen wollte.
Kleidungsdetails akribisch recherchiert
Ungewöhnlich auch, wieviel Vorarbeit Horus in seine Bilder gesteckt hat. Das kann man in einer kleinen Ausstellung sehen, die derzeit im Schiller-Geburtshaus von Marbach zu besichtigen ist. In sechs Vitrinen werden Vorstudien gezeigt, die über die Methode der Bilderfindung und der Textmontage Auskunft geben.
Ungewöhnlich ist hierbei der Befund, daß Horus nach klassich-akademischem Muster gearbeitet hat: mit anatomischen Studien auf der Grundlage des nackten menschlichen Körpers. In seinen Vorzeichnungen treten uns Schiller und die Seinen also als geradezu antike Figuren entgegen, ehe ihnen in der Tuschefassung die akribisch recherchierte Kleidung des achtzehnten Jahrhunderts angelegt wird. Noch für den kleinsten Winkel einer Stadtansicht hat Horus nach zeitgenössischen Quellen gesucht. Frankfurt, wo Schiller im Oktober 1782 einige Tage auf der Flucht aus Württemberg Station machte, ist ihm elf Außenansichten wert, doch dafür hat er mehr als zwanzig Vorlagen herangezogen.
Auferstehung des literarischen Comics in Deutschland
Ungewöhnlich schließlich, daß ein Comic dieser Qualität in Deutschland erscheinen kann. Die finanzielle Unterstützung durch die Kulturstiftung des Bundes wird dazu beigetragen haben. Herausgekommen ist ein Band, der von originellen Seitenarchitekturen ebenso geprägt ist wie von seiner narrativen Eleganz, die die Faszination von Horus für seinen literarischen Gegenstand deutlich macht.
Teilweise verschachteln sich vier Rückblenden ineinander, doch nie verliert man den Überblick über die Zeitebenen, die aus dem Jahr der Uraufführung der „Räuber“ - eben 1782 - bis in die früheste Kindheit zurückreichen. Am Ende dieser dreiundzwanzig Jahre ist uns ein Dichter geboren, dem seine innere Stimme nun keine Moralpredigt mehr hält, sondern einen knappen Befehl erteilt: „Steh auf, Schiller!“ Der Band selbst aber ist die Auferstehung des literarischen Comics in Deutschland.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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