03.09.2010 · Schluss mit der Kanakenselbsthassnummer: Man muss nur mal den Bildungsauftrag mit Waffengewalt durchsetzen. Das funktioniert wundersam beim „Projekttag Friedrich Schiller“ am Theater-Tatort Duisburg.
Von Andreas RossmannDas geht aber schnell. Schon wird auch der Spielplan der Theater von Thilo Sarrazin bestimmt. Tatort Duisburg. In Nachbarschaft des Multikultivorzeigestadtteils Marxloh zeigt die Ruhrtriennale einen Schocker, der die Integrationsverweigerung muslimischer Jugendlicher in packende Dringlichkeit übersetzt. „Verrücktes Blut“ ist das Stück der Stunde: ein Spiel, das mit sozialem Sprengstoff jongliert und dabei sein Vorbild, den Film „La Journée de la Jupe“ von Jean-Paul Lilienfeld, nach dem der Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje die Geschichte von der Banlieu nach Berlin übersetzen, weit hinter sich lässt.
In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord ist nur ein silbern ausgeschlagenes Spielquadrat aufgebaut, um das am Anfang acht junge Leute, drei Frauen, fünf Männer, sitzen, die erst mal die Kleider wechseln. Groß ist der Unterschied – Trainingshosen, Kapuzenjacken, Turnschuhe – nicht, nur eine schlüpft in Kostüm und Pumps: Sonia Kelich, die Lehrerin. Als sich alle mit Spucken, Pöbeln, Machogehabe und Imschrittkratzen einschlägig vorgestellt haben, stöckelt sie, einen Stapel Reclamhefte unter dem Arm, herein. Denn heute ist der „Projekttag Friedrich Schiller“. Doch nichts zu machen, die Schüler lästern und lärmen, die Lehrerin steht auf verlorenem Posten.
Eine sarkastisch kalkulierte Versuchsanordnung
Da fällt im Gerangel eine Waffe aus Musas Rucksack, und Frau Kelich zögert nur kurz, um zuzugreifen. Mit vorgehaltener Pistole zwingt sie die Bande zum Unterricht auf die Bühne, und schon flutscht der Text. Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“, der „nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“, wird in einer rabiat angelegten Paradoxie zur sarkastisch kalkulierten Versuchsanordnung. „Räuber“, Pistole: In der gewaltsamen Konfrontation mit den Texten werden die jungen Migranten darauf gestoßen, dass sie diese etwas angehen, dass Blutrache, Vaterliebe, Treue, Verrat ihre Themen, dass Karls Messer für Amalie oder Ferdinands Gift für Luise Ehrenmorde sind.
Und allmählich beginnen sie, denn die Lehrerin kennt kein Pardon, sich von den falschen Autoritäten, Lebenslügen und „Kanakenselbsthassnummern“ freizustrampeln, und (nicht nur) Mariams Kopftuch fliegt in die Ecke. Wundersame Läuterung, heilsamer Idealismus! Schiller als Aufklärungscrashkurs. Schön wär’s ja. Alles nur Theater, aber in der Darstellung dieser wilden Truppe vom Berliner Ballhaus Naunynstraße so – ja, doch – gesellschaftsrelevant, dass es einen Nerv trifft.