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Schiffbruch als Metapher : Letzter Mann

  • -Aktualisiert am

Die Costa Concordia und ein Bergungsboot Bild: REUTERS

Natürlich wäre es schön, wir würden uns immer als die Kapitäne unserer eigenen Untergänge erweisen. Leider handeln wir meistens nur als deren Statisten: Eine Havarie.

          Obwohl Francesco Schettino am frühen Abend des 13. Januar 2012, es ist ein Freitag, mit dem ihm anvertrauten Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ und mehr als fünftausend Menschen an Bord das italienische Festland verlassen hatte, um eine siebentägige Rundreise durch das westliche Mittelmeer abzuschließen, steht er nun, keine sechs Stunden später, wieder an Land.

          In diesen sechs Stunden war er in einem Restaurant des Schiffes mit zwei jungen Frauen im Arm beim Essen gesehen worden, von denen eine, wie sich später herausstellte, nicht auf der Passagierliste stand, aber Zugang zur Brücke bekam; war auf die kleine Insel Giglio zugesteuert, die nicht auf der Route stand, aber Geburtsort des Schiffskochs war, den er auf die Brücke rief, um ihm eine Freude zu machen; hatte im Vorbeifahren einen Felsen übersehen, der das Schiff im Wert von einer halben Milliarde Euro auf einem Viertel seiner Länge aufschlitzte, woraufhin Wasser eindrang und es manövrierunfähig machte; war dann im allgemeinen Durcheinander versehentlich so früh in eines der Rettungsboote gefallen, dass er die Evakuierung nicht mehr hatte koordinieren können, und stand nun auf dieser Insel, hinter sich sein Schiff, das schräg auf Grund lag und von dem sich noch immer Hunderte Menschen in Sicherheit brachten, vor sich ein Taxi, dessen Fahrer ihn fragte, wohin er wolle.

          „Mama, es ist eine Tragödie passiert“

          „Bringen Sie mich weit weg von hier“, soll er gesagt haben „Kommandant“, sagte der Mann, der die ganze Situation sofort erkannte und doch nichts daran ändern konnte, dass er Taxifahrer auf einer Insel war, „ich kann Sie zu mir nach Hause bringen.“

          Als Kapitän hatte Francesco Schettino, zweiundfünfzig Jahre alter Sohn einer neapolitanischen Seefahrerfamilie und Führer des größten italienischen Kreuzfahrtschiffes, an diesem Abend total versagt. Als Mensch jedoch und mit einer Tasse frischen Kaffees im Haus des Taxifahrers handelt er genau so, wie man von ihm erwarten kann. Er ruft seine Mutter an.
          „Mama, es ist eine Tragödie passiert“, sagt er. „Bleib ruhig, ich habe versucht, die Passagiere zu retten.“

          Monströse Katastrophe: die „Costa Concordia“ zeigt die Grenzen der Menschen, nicht die der Technik Bilderstrecke

          Die Regel, dass ein Kapitän der Letzte ist, der ein sinkendes Schiff verlässt, ist älter als das internationale Schifffahrtsrecht, und wie viele Regeln, die älter als Gesetze sind, nicht ausdrücklich darin formuliert. Sie stammt aus einer Zeit, als der Kapitän an der Fracht beteiligt war und ein Verlassen des Schiffes auch deren Preisgeben bedeutet hätte, da es nach Bergerecht unbemannt demjenigen gehört, der es findet. Im Kapitän, der an Bord bleibt und sich seinem Untergang stellt, verdichtet sich die Wahrheit, welche die ganze Zeit über gegolten hat; dass es einen gibt, der die Verantwortung übernimmt und deshalb am Ende letzter Mann ist.

          Das ist die Planke, auf der die Figur des Kapitäns steht, ob sie nun in der Allmacht eines Ahab die „Pequod“ und seine Mannschaft zu Werkzeugen seiner persönlichen Rache macht und selbst die Sonne angreifen würde, wenn sie ihn beleidigte, oder in der Demut eines Edvard John Smith mit der „Titanic“ untergeht, nachdem sie durch seine Schuld einen Eisberg rammte. Immer ist es der Kapitän, von dem die Dinge ausgehen und bei dem sie enden.

          Natürlich sind die meisten von uns keine Kapitäne. Wir fahren nicht fünftausend Menschen und eine halbe Milliarde Euro übers Meer. Wir kommen nicht in Situationen, in denen wir mit unserem Leben für unsere Verantwortung einstehen müssten. Wir sind nicht Francesco Schettino. Aber er ist einer von uns.

          Es ist nur zwei Jahre her, da drehte der Regisseur Jean-Luc Godard auf der „Costa Concordia“ seinen „Film Socialisme“. In einigen Zeitungen stand, er habe das Schiff damals schon als Metapher für die kapitalistische Gesellschaft benutzt, die einem Untergang geweiht sei, der nun vor der Insel Giglio wirklich geworden sei. Aber auch wer das in dem Film, der mehr ein loser Teppich aus Bildern und Gedanken ist, nicht erkennen kann, der spürt doch, dass in diesen Kulissen ein Unglück lauert.

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