Home
http://www.faz.net/-gqz-pwun
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Scheidungsväter ohne Rechte Im Namen des Erzeugers

Viele Väter müssen nach der Scheidung oder Trennung um die Beziehung zu ihren Kindern kämpfen. Wenigen Rechten stehen viele Pflichten gegenüber. Ihre Welt findet sich in unübersichtlichen Internetseiten und aufgeheizten Diskussionsforen wieder. Wie die kulturelle Praxis den Vater ausmustert.

© AP Vergrößern Verzweifelt: Aktion der Gruppe „Fathers 4 Justice” in London

Für diese Tage kündigt ein Kleinstverlag aus Schrobenhausen ein Taschenbuch mit dem Titel „Die Ohnmacht der Väter“ an. Es zeigt auf dem Titel einen Mann mit tränenüberströmtem Gesicht und trägt eine Bauchbinde mit der Aufschrift „Frauen Leseverbot“. Die Kapitel tragen Überschriften wie „Männer in der Scheidungsfalle“, „Unterhalt/Sklavenmoral“, „Kindesentfremdung“ oder sogar „Handbuch der Rache“. Das Buch eines Feuerwehrmanns aus Pfaffenhofen speist sich offenbar teils aus Lebenserfahrung, teils aus Internetquellen und fällt wohl in die obskure Gattung des grauen Textes.

Keine Frage, so sieht ein Manifest im Geschlechterkampf aus. Doch wer eine Antwort darauf sucht, warum laut einer jüngst veröffentlichten Studie des Familienministeriums nur noch jeder zweite Mann die Vaterschaft als notwendigen Teil des Lebensglücks betrachtet, darf solche Pamphlete nicht reflexhaft als frauenfeindliche Ausfälle verbuchen. Handkopierte Broschüren aus den Frühzeiten des Feminismus, als Lohn für Hausarbeit und Entwaffnung von Vergewaltigern gefordert wurden, lasen sich ganz ähnlich.

Mehr zum Thema

Symbolische Martyrien und viel Skurriles

Bislang dringt das Unbehagen geschiedener und getrennter Väter meistens in klandestinen und skurrilen Formen an die Öffentlichkeit. Zwar existieren medienwirksame Lobbys wie die britischen „Fathers 4 Justice“, die im Frühjahr ein Banner mit der Parole „Im Namen des Vaters“ an der Kuppel der Londoner Saint Paul's Cathedral anbrachten, um für ein gerechteres Umgangsrecht zu demonstrieren. Auch marschieren Prominente wie der James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan oder der Schauspieler Mathieu Carriere in den Reihen der Väterbewegung.

Demonstration für gemeinsames Sorgerecht © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Demonstration vor dem Europäischen Gerichtshof

Carriere ging im vergangenen Winter sogar für zehn Tage ins Gefängnis, anstatt ein Ordnungsgeld von 5000 Euro zu zahlen: Seine Exfrau hatte ihn verklagt, weil er sich in der Öffentlichkeit mit der gemeinsamen Tochter ablichten ließ. Doch diesseits solcher symbolischer Martyrien besteht die sichtbare Welt der Scheidungsväter aus unübersichtlichen Internetseiten, aufgeheizten Diskussionsforen und Sammlungen anonymer Fallgeschichten.

Fast die Hälfte sieht die Kinder kaum noch

Allerdings sollte der Wildwuchs dieser selbstgebastelten Protestkultur niemanden dazu verleiten, das Thema als Randgruppenanliegen abzutun. Da fast jede zweite Ehe geschieden wird und die Kinder nur in jedem siebten Fall beim Vater verbleiben, kann sich jeder Mann das mit dem Zeugungsakt eingegangene Risiko ausrechnen, später zur Kategorie der Scheidungsväter zu gehören.

Der Bremer Soziologe Gerhard Amendt, Zwillingsbruder des linken Sexualforschers Günter Amendt, legte vor einem Jahr die erste empirische Studie zum Thema vor. Fast die Hälfte der 3600 befragten Männer sieht die eigenen Kinder nach der Trennung nur noch selten oder gar nicht mehr. 42,1 Prozent betrachten sich als bloße „Wochenendväter“, 24,9 Prozent empfinden sich als „Zahlväter“, und zehn Prozent fühlen sich ihrer Vaterrolle vollständig beraubt.

Spätfeministische Vorurteile wirken nach

Amendt sieht im Extremfall der Scheidung den „Kristallisationspunkt“ eines sozialen Klimas, das im Normalfall nicht ins Leben hineinstrahlt. „In der Partnerschaft spielt der Genderdiskurs keine Rolle, verdichtet sich nicht zur sozialen Erfahrung.“ Erst mit dem Eintreten der Trennung manifestiere sich eine „ideologische Präferierung von Frauen und Müttern“, deren Wurzeln in der Geschlechterpolitik der siebziger Jahre liegen. Während die Ernährerfunktion nach der Scheidung juristisch aufrechterhalten werde, stehe die „Selbstverständlichkeit der Väterlichkeit“, welche die Sorge für die eigenen Kinder einschließe, plötzlich in Frage.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Kino Der Richter Wenn der Vater ohne Tochter

Über einen Mann, der sich losriss, Erfolg hatte und wieder heimkehrt: Robert Duvall und Robert Downey Jr. im Generationendrama Der Richter. Mehr Von Stefan Schulz

18.10.2014, 21:02 Uhr | Feuilleton
Rettung in kleinen Schritten

Nach dem Unglück in 1000 Meter Tiefe geht die schwierige Rettung des Höhlenforschers weiter. Der Weg für den Verunglückten und seine Begleiter ist noch lang. Der Aufstieg im Berg ist teilweise schwer. Mehr

16.06.2014, 14:18 Uhr | Gesellschaft
Deutschland Graumann will als Präsident des Zentralrats der Juden aufhören

An der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland steht überraschend ein Wechsel bevor. Der bisherige Präsident, Dieter Graumann, kündigte an, bei der Wahl Ende November nicht mehr anzutreten. Einen Bewerber um die Nachfolge gibt es schon. Mehr

31.10.2014, 13:10 Uhr | Politik
Spaniens König dankt ab

Juan Carlos gibt nach fast 40 Jahren auf dem Thron auf. Sohn Felipe soll sein Nachfolger werden. Mehr

02.06.2014, 12:13 Uhr | Politik
Milliardär Harold Hamm Die teuerste Scheidung aller Zeiten

Einmal hat er keine unternehmerische Weitsicht bewiesen: Ölmilliardär Harold Hamm heiratete, ohne einen Ehevertrag zu schließen. Bald ist er nicht nur seine Ehefrau los – sondern auch den Großteil seines Vermögens. Mehr Von Christiane Heil, Los Angeles

31.10.2014, 09:00 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.12.2005, 12:09 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 2