16.11.2008 · In Italien hat ein Gericht eine Ehe aufgelöst, weil die Schwiegermutter sich zu oft eingemischt hatte. Zum Wohl der Tochter, wie sie meinte, aber nicht zu dem des Schwiegersohns, der so klug war, sich vor dem Eheschluss die Einmischung der Schwiegermama schriftlich verbitten zu lassen.
Von Dirk Schümer„Es war die Hölle.“ Mit diesem Standardsatz blickt ein Einzelhändler aus Ravello auf seine viermonatige Ehe zurück. Aber er meint nicht so sehr die Gattin als vielmehr das diabolische Hauptproblem: die Schwiegermama. „Sie mischte sich in alles ein“, erklärte er gegenüber dem „Corriere della sera“. Man müsse es durchgemacht haben, „man kann es nicht beschreiben. Danach habe ich lange nach einer Frau gesucht, die von der Mutterseite her verwaist ist.“ Wer hier wie ein Katastrophenopfer erzählt, hat sein persönliches Inferno – sogar theologisch – hinter sich.
Das Appellationsgericht in Salerno machte nun ein kirchliches Trennungsurteil rechtskräftig, welches die zuständige Segnatura Apostolica im Vatikan bereits ausgesprochen hatte: Für die katholische Kirche hat es diese vermaledeite Ehe nie gegeben. Der Mann war nämlich so schlau gewesen, sich vor der Heirat die Einmischung der Schwiegermutter schriftlich zu verbitten. Weil die sich partout nicht daran hielt, nehmen die kirchlichen Eherichter die Sache so schwer, als wäre der Partner massiv fremdgegangen. Vielleicht ist da ja auch gar kein so großer Unterschied.
Prüfstand ohne Gnade
Zwar wehrt sich die umsorgte Ehefrau, ihre Mutter habe sich nur „verantwortungsvoll verhalten“. Doch Gian Ettore Gassani, Vorsitzender der italienischen Scheidungsanwälte (offenbar ein auch zahlenmäßig florierendes Gewerbe), hält dagegen: Laut seiner Statistik ist bei dreißig Prozent aller Trennungen die allzu invasive Schwiegermutter schuld, normalerweise freilich die der Frau. In Italien hat das Phänomen des überbehüteten „Mammone“, dessen Mamma die junge Ehefrau notgedrungen mitheiratet, derartige Präsenz erlangt, dass es darüber sogar eine vergnügliche Fernsehshow gibt. Hier kommen die attraktiven Aspirantinnen vor der Ehe nicht beim Verlobten, sondern bei dessen Mutter auf den Prüfstand.
Wie zu erwarten, findet kaum je eine die Gnade der Mamma, die für ihren Filius nur das Allerbeste gut genug befindet – also sich selber. Es wirkt erfreulich, dass die katholische Kirche nun dem für feste Partnerschaften so bedrohlichen Phänomen erstmals auch juristisch Rechnung trägt. Und in anderen Ländern kann man Italien wieder einmal als Vorbild nehmen. Denken wir nur an Frankreich, wo Nicholas Sarkozy ja nicht nur seine querköpfige Carla, sondern auch deren allgegenwärtige Maman auf beinahe jeder Auslandsreise erdulden muss. Oder an Amerika. Dort hat Barack Obama soeben entschieden, seine agile Schwiegermutter fest im Weißen Haus wohnen zu lassen. Vielleicht sollte er vorher lieber, statt mit Tokio, London, Peking und Berlin, einmal mit Ravello telefonieren.