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Schauspielschüler : Sie sind alle noch zu haben

Einer der Schauspielschüler aus Hannover beim Casting in Neuss Bild: Daniel Kunzfeld

Die beste Castingshow im ganzen Land: Absolventen der staatlichen Schauspielschulen aus dem deutschen Sprachraum treffen sich zum Vorsprechen in Neuss - und die Scouts der Theater schauen zu.

          Herr Professor Brückner?“ „Ja, bitte?“ „Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern. Wir sind uns vor Jahren einmal ...“ So eröffnet die Szene, die hier alle, mit diesem oder einem ganz anderen Text, spielen (müssen). Denn sie stellt die Fragen, auf die es ankommt: „Was ist er?“, „Worum geht’s?“ und „Weißt du, was du spielen willst?“. Botho Strauß beginnt seine Komödie „Besucher“ mit einer Theaterprobe: Max Steinberg, ein junger, aus der DDR geflüchteter Schauspieler, gibt einen windigen Reporter, der Bühnen-Titan Karl Joseph einen vermeintlich hochbedeutenden Professor. Fünfmal nimmt der kritisch geschulte Ossi Anlauf, fünfmal unterbricht der Kollege und belehrt ihn.

          Klar, dass sich einer der vielen Absolventen, die am Vorsprechen der Schauspielschulen in Neuss teilnahmen, diese Szene nicht entgehen ließ. Denn wie keine andere, Hassenreuter und Spitta aus Hauptmanns „Ratten“ grüßen von Ferne, bringt sie Thema und Kommentar überein. Doch da der Darsteller des Max allein auftritt, ist nur eine Seite des Dialogs zu hören. Fünfmal spurtet er, jedes Mal anders abbrechend, im Keller des Rheinischen Landestheaters diagonal über die Bühne des Studios und landet einen vielbeachteten Überraschungscoup, denn so präsent ist das 1988 uraufgeführte Stück nicht mehr.

          Für die Figuren geht es um Leben und Tod

          Das „zentrale NRW-Vorsprechen“, das zum achten Mal stattfindet, ist längst über Nordrhein-Westfalen hinausgewachsen. Alle staatlichen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum nehmen teil, vierzehn aus der Bundesrepublik, fünf aus Österreich, zwei aus der Schweiz. Nirgendwo lässt sich das Bewerberfeld so dicht und geschlossen beobachten. Das Vorsprechen ist öffentlich, die Tageskarte kostet fünfzehn, die Wochenkarte fünfzig Euro. Die hundert Plätze im Studio sind fast alle besetzt, die meisten Zuschauer sind Fachleute: Intendanten, Regisseure, Dramaturgen, die Anfänger suchen, Mitarbeiter von Agenturen und der Künstlervermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Jeder Abschlussjahrgang hat acht bis zwölf Studenten, jedes Vorsprechen gerät zur ein- bis zweistündigen Castingshow.

          Mehr als sechs, sieben, höchstens zehn Minuten dauert keiner der Auftritte. Jeder Eleve hat zwei, um zu zeigen, was er kann: erst Goethes aufgewühlter Tasso mit Lorbeerkranz, dann Gogols durchtriebener Chlestakow mit Champagnerglas, erst Anouilhs standfeste Antigone, dann Shakespeares liebesverrückte Julia. Für die Figuren geht es um Leben und Tod, für die Eleven um die Existenz. Denn die beiden Talentproben können über ihren Einstieg in den Beruf entscheiden, darüber, ob sie in Berlin oder Bern, Braunschweig oder Bruchsal Theater spielen, nach Tarif (derzeit 1650 Euro brutto) oder etwas besser bezahlt, ein festes oder gar kein Engagement haben werden.

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