Aus der Wirtschaft kommen lauter gute Nachrichten. Der Kapitalismus brummt wieder. Das Wachstum steigt. Die Industrie legt zu. Die Auftragsbücher sind voll. Da kommen zwei Nachrichten aus der Theaterwelt gerade quer, die signalisieren, dass es in diesem Land doch eine virulente Kluft zwischen privatem und öffentlichem Reichtum gibt.
Der Intendant des Deutschen Schauspielhauses, Friedrich Schirmer, der diese größte deutsche Bühne mit ihren fast eineinhalbtausend Plätzen seit mehr als fünf Jahren führt, hat gestern angekündigt, dass er zum 30. September zurücktrete, seinen noch bis 2015 laufenden Vertrag kündige. Der Kultursenator hat das sofort angenommen. Der Aufsichtsrat muss noch zustimmen.
Friedrich Schirmer hatte in Hamburg wenig Erfolg
Grund für Schirmers Entschluss sei eine „gravierende Unterfinanzierung“ des Theaters seit Jahren. Hinzu kämen nicht eingehaltene finanzielle Zusagen und eine zusätzliche Kürzung der Etatmittel von 330 000 Euro, was ihm als Geschäftsführer einen unausgeglichenen Haushalt beschere, den er nicht verantworten könne. Also schmeißt er kampflos hin. In Karlsruhe steht Peter Spuhler, der Generalintendant, der dort noch gar nicht amtiert, sondern erst 2011 antreten soll und bis dahin noch das Stadttheater Heidelberg leitet, vor ähnlichen Problemen. Die Stadt, die ihr Badisches Staatstheater (drei Sparten: Oper, Schauspiel, Tanz) zu fünfzig Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert bekommt, will ihre Zuschüsse für das Haus derart drastisch herunterfahren, dass, käme es dazu, ein bis zwei Sparten dran glauben müssten.
Abgesehen davon, dass Friedrich Schirmer in Hamburg wenig Erfolg hatte, sein Haus, das immer noch den Gründgens-, mindestens aber den Zadek-Schatten wirft, ins läppisch Verkrampfte manövrierte, also auch – bei sowieso hoher Beleidigter-Leberwurst-Mimosität – ziemlich frustriert sein dürfte, abgesehen auch davon, dass sich die Karlsruher einen in Heidelberg wie zuvor schon in Tübingen erfolgreichen, aufsteigenden Intendanten ins Haus holen, der nun, bevor er anfängt, schon vor einem Scherbenhaufen steht – sind beide Fälle ein fatales Signal, das weit in die Landschaft hinein blitzt. Zwei große Häuser, beide Staatstheater, beide, von der Struktur her, in der ersten Reihe, funken S.O.S. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es die nächsten erwischt. Die öffentlichen Haushalte schrumpfen oder frieren ein, die Schuldenbremse wirkt inzwischen auch als Theaterbremse. Und die Bremsspur signalisiert, was Bremsspuren immer signalisieren: ein Unglück.
Und die Bremsspur signalisiert, was Bremsspuren immer signalisieren: ein Unglück
Bernd A. Wohlschlegel (snapconboerse)
- 15.09.2010, 08:37 Uhr
femme fatal
Wolfgang Kaul (wolfgangkaul)
- 15.09.2010, 16:42 Uhr