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Schauspielerin Mélanie Laurent Die Schönheit ist etwas Schreckliches

 ·  Von Gesichtern wie dem der Schauspielerin Mélanie Laurent sagt man, die Kamera liebe sie. Und tatsächlich umgibt eine ganz besondere Aura die junge Französin. Ein Besuch in Paris.

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© action press Vergrößern Die französische Schauspielerin Mélanie Laurent spielt in der Verfilmung von „Nachtzug nach Lissabon“.

Es gibt Gesichter, die brauchen eine Kamera, um zum Leuchten gebracht zu werden, das Gesicht von Mélanie Laurent strahlt jedoch auch so, an diesem Nachmittag, als sie die Tür ihres Appartements am Montmartre öffnet. Sie trägt einen grauen Jogginganzug, vor ihr liegt ein winziger verwilderter Garten, hinter ihr ein Chaos aus Kisten. Gerade eben, sagt sie, sei ihr ein Zahn abgebrochen, nachher müsse sie zum Arzt, morgen fliege sie nach Kanada, in zwei Wochen ziehe sie um. Viel Zeit hat sie also nicht, aber das hat sie schnell vergessen.

Sie bittet in ihr Wohnzimmer, verschwindet kurz und macht Tee. In Frankreich ist die Schauspielerin Mélanie Laurent ein Star, aber auch der Rest der Welt dürfte sie kennen, seit sie in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ die jüdische Rächerin Shoshana Dreyfus gespielt hat. Hierzulande ist sie von dieser Woche an wieder im Kino zu sehen, im „Nachtzug nach Lissabon“, der ziemlich werkgetreuen Verfilmung des Romans mit gleichem Titel von Pascal Mercier. Es ist die Geschichte eines alternden Lehrers, der sich eines Tages fragt, ob für ihn auch ein anderes Leben möglich gewesen wäre, und mit dieser Frage im Gepäck eine Reise in die Vergangenheit antritt.

Irgendwie stolz

Mélanie Laurent spielt hier zwar eine kleine Rolle, wieder ist sie eine Widerstandskämpferin, Estefania, deren Aufgabe es ist, alle Namen und Nummern der zum Putsch gegen den portugiesischen Diktator Salazar bereiten Militärs auswendig zu lernen, sie ist also so etwas wie der Kopf der gesamten Revolution. Aber auch in diesem Film geschieht etwas, was sich häufig beobachten lässt, wenn Mélanie Laurent mit von der Partie ist. Ihr Gesicht, das außerordentlich hübsch ist, scheint die Kameras, ganz gleich, wer sie in der Hand hat, zu langen Close-up-Aufnahmen zu verführen. Das ist im „Nachtzug nach Lissabon“ so, in „Beginners“ von Mike Mills, in „Keine Sorge, mir geht’s gut“ von Philippe Lioret und auch in „So ist Paris“, dieser Hommage an die französische Hauptstadt von Cédric Klapisch.

In einer denkwürdigen, sehr lustigen Szene dieses Paris-Films lässt ein Professor für Geschichte, der mittlerweile ein deprimierter älterer Herr geworden ist, seinen Blick über die vollbesetzten Ränge des Hörsaals schweifen und bleibt bei Mélanie Laurent hängen. Später wird er, nun schon einigermaßen verzweifelt, seinem Bruder von der Begebenheit erzählen und sagen: „Beim Anblick dieses wunderbaren Mädchens dachte ich mir, die Schönheit ist im Grunde doch was Schreckliches. Dazu noch in Verbindung mit Jugend, also das ist einfach ungerecht, beinahe unanständig.“ Und dabei sehen wir eben Mélanie Laurents Gesicht in einer Nahaufnahme, sehr lange, wie es sich in diesem Moment der Beobachtung, ja des Angestarrtwerdens windet: Sie sieht ihn an, schaut wieder weg, sieht wieder hin, verschämt, aber geschmeichelt, freundlich, aber nicht offensiv, irgendwie stolz, sich der Gefahr des Hochmuts aber bewusst.

Eine bizarre Diskussion

Und auch, wenn man ihr gegenübersitzt und mit ihr spricht, kann man sich der Aura dieser Frau nur schwer entziehen. Die Wahrheit ist nämlich weitaus lebendiger. Es gibt an diesem Nachmittag in Paris, an dem sich in der Stadt schon der Hauch des nahenden Frühlings ausgebreitet hat, nicht einen Augenblick, in dem Mélanie Laurent unbewegt wäre. Sie kommuniziert sozusagen mit allem, was ihr zur Verfügung steht, mit ihrem Gesicht, aber auch mit Händen, Füßen, ihrem ganzen Körper, sie breitet sich auf dem roten Sofa aus, auf das sie sich hat fallen lassen, legt die Beine auf den Tisch, setzt sich wieder gerade hin, mimt, als es um das Stolzieren auf den roten Teppichen dieser Welt geht, die Diva, die an der obligatorischen Kleiderfrage zerbricht, nur um sich wenig später wieder in der Pose eines Fingernägel kauenden Teenagers bequem zu machen. Sie spricht schnell und viel und sehr offen, kurzum, sie lässt alle Vorsicht fahren.

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